Schicksalsberg K2 Das Risiko klettert immer mit
Die Eislawine riss Haken und Seile an der schwierigsten Passage mit sich und ließ die Bergsteiger, die den Aufstieg am K2 bei kommerziellen Anbietern gebucht hatten, verwirrt und hilflos zurück. Manche starben in der Lawine, manche überlebten den Aufenthalt in der Höhe über 8000 Meter nicht.
"Fakt ist, dass den Kletterern jeweils die Erfahrung fehlte, um sich selbständig aus der Situation zu befreien", erklärte der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner der Nachrichtenagentur AP. Es sei zudem ein viel zu großes Risiko gewesen, noch bei anbrechender Dunkelheit den Gipfelsturm zu versuchen: "So was ist reine Dummheit, das ist nicht professionell."
Alles am K2 ist unwägbar, das Risiko klettert immer mit, doch Messner und Michl Dacher machten bei ihrem Aufstieg 1979 alles richtig. Sie stellten in knapp über 8000 Meter Höhe ihr Zelt auf, rollten eine Isomatte aus und brachten Schnee mit ihrem Gaskocher zum Schmelzen. So gab es am Abend vor dem Gang zum Gipfel ein stärkendes Essen: Suppe, warmen Thunfisch, Brot und dazu noch Tee. Dann kam die Nacht: "Minutenschlaf. Dazwischen denke ich an nichts", so Messner.
Um 2 Uhr wachten die Männer auf. Die Außentemperatur betrug minus 30 Grad. Wieder schmolzen die beiden Schnee - für Kraftsuppe und Tee. Dann, kurz nach fünf Uhr, ging endlich die Sonne auf. Doch Messner und Dacher konnten das Zelt nicht verlassen, weil aus Xinjiang ein Höhensturm heranfegte. Erst um sieben Uhr flaute der Wind ab, und die Männer brachen auf.
Wie Messner in seinem Buch "K2 - Chogori" (2004) beschreibt, hatten die Profi-Kletterer auf dem letzten Abschnitt keine Fixseile gespannt. Sie waren nicht einmal untereinander angeseilt und kamen auf diese Weise schnell voran. Sie durchquerten den gefährlichen Flaschenhals, stiegen über das Gipfeleisfeld und standen um 17 Uhr auf dem K2.
Für organisierte Klettertouren, wie sie heute im Karakorum oder Himalaja angeboten werden, hat Reinhold Messner kein Verständnis. "Die Leute buchen heute sozusagen den 'K2 inklusive', fast so, als hätten sie eine All-inclusive-Reise nach Bangkok gekauft", sagte der Extremsportler und warnte vor weiteren Unfällen bei gebuchten Touren.
K2, zweiter von links
Der K2, das klang immer schon unnahbar, abweisend und rätselhaft seit 1856, als der englische Vermessungsoffizier T.G. Montgomery von der nordindischen Tiefebene aus "eine Zusammenballung hoher Gipfel" am Horizont entdeckte und sie katalogisierte. Montgomery fixierte sie mit Hilfe seiner Messgeräte und trug sie nacheinander in sein Logbuch ein. Vor jede Zahl setzte er den Buchstaben K, mit dem er den Karakorum meinte, das dem Himalaja benachbarte Gebirge.
Alles in allem registrierte Montgomery 35 Gipfel, und schon der zweite von links war der K2. Da er von keinem Dorf aus sichtbar war, erhielt er keinen Namen. Es blieb bei dem Kürzel, obwohl im alten Fürstenstaat Kaschmir auch der Name Chogori bekannt war, auf Deutsch "großer Berg".
Der K2 und die Karakorum-Gruppe waren zunächst deshalb wichtig, weil der Gebirgszug Britisch-Indien vor dem Zugriff Chinas und vor allem Russlands schützte. Ein Dragoner der britischen Botschaft in Peking hatte 1888 die Relevanz für das britische Königreich bewiesen: Francis Younghusband, dem Haudegen von Königin Viktoria, war es gelungen, sich nach Kashgar ganz im Westen Chinas durchzuschlagen. Von dort aus erreichte er einen hohen Gebirgspass, der den Blick auf den K2 freigab - und war beruhigt: Weder das zaristische Russland noch China würden jemals eine Armee dorthin entsenden und die Interessen Britisch-Indiens gefährden können.
Bergsteiger aber konnten sehr wohl zum K2 gelangen, wie sich alsbald herausstellen sollte. Im August 1892 machte sich die erste Expedition zu dem Berggiganten auf den Weg, angeführt von dem Londoner Kunstprofessor William Martin Conway.
Ihn begleitete der österreichische Erfinder der Steigeisen, Oscar Eckenstein, ein Expeditionsmaler, der Schweizer Bergführer Matthias Zurbriggen und ein enger Freund Younghusbands: Charles Bruce, ein Major, der später als Gründer der Gurkha-Truppe bekannt wurde und der sich noch einmal vergewissern wollte, dass keine Armee den Karakorum überschreiten konnte.
Pakistanisch-indischer Grenzkonflikt im Karakorum
Heute stimmt das nicht mehr: In einem Akt des vorauseilenden Gehorsams trat der neue Staat Pakistan zunächst das Wüstental des Shaksgam Valley nördlich des K2 an China ab und sorgte so dafür, dass der K2 zum Grenzberg mit China wurde. Weitere Nachbarn des K2 nahm Peking auch gleich unter seine Grenzfittiche: den Broad Peak, den Gasherbrum II und dazu den Hidden Peak, die dichteste Konzentration von Achttausend-Meter-Bergen, die es auf der Erde gibt.
Peking fand aber auch noch einen Durchschlupf westlich der Giganten. Tausende chinesischer Arbeiter erbauten in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Karakorum Highway eine Straße, die von Islamabad über den 4693 Meter hohen Kunjerab-Pass nach Kashgar und damit in die chinesische Westregion Xinjiang führt. Pakistan, das sonst keine nennenswerten Freunde hat, kann seitdem auf China bauen, das immer wieder die unverbrüchliche Freundschaft mit dem Halbmondland beschwört.
Das aber machte Pakistans Erzfeind Indien misstrauisch. Neu-Delhis Armee besetzte 1984 im Handstreich den Siachen-Gletscher im Nordosten des K2 und lieferte sich mit der pakistanischen Armee einen jahrelangen Gebirgskrieg um den 72 Kilometer langen Eisstrom. Derzeit herrscht dort ein delikater Waffenstillstand, aber die Inder wären mit ihren Bofors-Geschützen durchaus in der Lage, bei einem neuen Ernstfall bis zum Basislager am Fuß des K2 zu schießen.
K2 auf Platte
Damit ginge die Unschuld des K2 vollends verloren, woran bisher weder Hollywood, das mehrere K2-Filme abdrehte, noch Schriftsteller gedacht haben, die sich des Kolosses annahmen.
Zu den Autoren gehörte der englische Poet W. H. Auden, der selbst gern kletterte und ein starkes Gedicht darüber schrieb ("Ich steige auf den Berg meiner Furcht"). Auden verfasste 1936 gemeinsam mit seinem Schriftstellerkollegen Christopher Isherwood eine "Tragödie in zwei Akten" mit dem Titel "Der Aufstieg zum F6", einen unbezwungenen Gipfel "am Rand einer britischen Kolonie", mit dem der K2 gemeint war. Ein Bergsteiger namens Michael Ransom will dabei den F6 im Auftrag der britischen Presse bezwingen, verliert am Berg jedoch alle Gefährten.
Auch Fotografen faszinierte der echte K2 früh. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts marschierte der italienische Plattenkamera-Magier Vittorio Sella zusammen mit dem Herzog der Abruzzen zu dem Berg. Sellas Panoramabilder gelten noch heute als einmalige Dokumente der fotografischen Ruhe und Präzision.
Sella am nächsten kommt heute der Japaner Shiro Shirahata, der den K2 mit Luftbildern begreiflich macht, einen Koloss, in dem etwa das Matterhorn 41-mal Platz finden würde. Die Fotos Shirahatas zeigen ein nacktes Gerippe der Welt, das man leicht auf einem anderen Planeten vermuten könnte.