Skihelm auf der Piste Kopfschutz mit verstecktem Risiko
Skihelme im Geschäft: Die Hersteller kommen mit der Produktion kaum hinterher
Foto: ddpMünchen - Der Trend zu Skihelmen beschert Herstellern und Einzelhandel ein Rekordgeschäft. "Wir können schon jetzt sagen, dass in Deutschland noch nie so viele Helme verkauft worden sind wie im vor uns liegenden Winter", sagte der Geschäftsführer des Skiherstellers Uvex Sports, Werner Grau, in Fürth. "Man schätzt, dass im deutschen Sportartikelfachhandel insgesamt eine Million Helme plus x verkauft werden. Das ist in jeder Beziehung rekordverdächtig."
Zum Vergleich: In der vergangenen Saison seien es nach dem schweren Skiunfall des damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU) mit einer Toten am Neujahrstag 600.000 Helme gewesen. "So tragisch der Unfall war: In der Summe glaube ich, dass dadurch sicher Leben gerettet wurden, weil die Leute mehr aufpassen und Helme tragen", sagte Grau.
Wie Graus Firma kann sich die ganze Branche vor Nachfragen kaum retten: "Wir haben noch nie so früh in der Saison so viele Helme verkauft", erklärte Johann Kreidl, Einkäufer bei Sport Bittl in München. "Viele, die ihr ganzes Leben lang ohne Helm gefahren sind, sagen, sie fallen auf, wenn sie noch länger ohne fahren." Nachdem sich die ersten Kunden bereits im August mit Helmen versorgt hätten, stürme die Kundschaft nun vor allem an den Wochenenden regelrecht die Geschäfte.
Das Angebot wird knapp, obwohl die Hersteller so weit als möglich nachgelegt haben, Beispiel Casco. "Wir haben die Produktion erhöht, so weit das anpassbar ist. Aber spätestens zu Weihnachten wird es sicher wieder eng werden. Das betrifft alle Hersteller", berichtet Markus Krause, Mitglied der Geschäftsleitung. Konkurrent Uvex rechnet damit, dass die Branche in der laufenden Saison "eine Million plux x" Helme absetzt. "Das ist in jeder Hinsicht rekordverdächtig." Bis 2011 erwartet Uvex-Chef Grau, dass in Deutschland 1,3 Millionen Helme nachgefragt werden - eine Verdoppelung binnen zwei Jahren.
Skilehrer: Die Gehirnzellen unter dem Helm müssen mitarbeiten
Doch ganz unproblematisch sind Helme auch nicht, sind viele Experten überzeugt. "Helme können auch kontraproduktiv sein", warnt Thomas Kern, Oberarzt der Unfallchirurgie an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau. "Man darf sich nicht zu sicher fühlen. Gerade Ungeübte aber denken oft: Ich habe einen Helm auf, mir kann nichts passieren."
Auch Peter Hennekes, Sprecher beim Deutschen Skilehrerverband, betont: "Ein Helm ist gut für die individuelle Sicherheit. Aber er bringt nichts, wenn die Gehirnzellen unter dem Helm nicht mitarbeiten. Und wenn ich mit meinem Helm in den Brustkorb von jemandem anderen knalle, sind die Verletzungen auch nicht zu unterschätzen."
Was also tun, damit der Pistenspaß nicht zum Horrortrip wird? "Rücksicht auf andere muss immer die erste Regel sein", sagt Ex-Skiprofi Christian Neureuther. Tatsächlich seien die Wintersportler "zum großen Teil überfordert". Die seien "so mit ihrer Fahrtechnik beschäftigt, die sehen auch keine Warnschilder."
Früher hätten "viel mehr" Erwachsene im Skikurs "profihaftes Verhalten" gelernt, sagt Neureuther. "Heute, mit den neuen Skiern, lernt man so schnell. Da machen viele Leute keinen Kurs mehr und fahren blind rum, ohne zu wissen, wie man sicher fährt." Zudem würden viele "über das Material verführt, über ihre Verhältnisse zu gehen und den Kick zu suchen".
Helmpflicht ist nicht in Sicht
Ein Umstand, der den Ex-Rennläufer wütend macht. "Ich kriege so einen Hass, wenn ich sehe, wie Menschen als lebende Bomben über die Piste rasen." Eine Pistenpolizei lehnt Neureuther dennoch ebenso ab wie eine Skihelmpflicht. "Wer keinen Helm trägt, gefährdet in erster Linie sich selbst.", sagte er.
Auch eine Helmpflicht für Kinder ist nicht zu erwarten. Im bayerischen Innenministerium gibt es derzeit keinerlei Bestrebungen. "Wir setzten auf die Vernunft der Skifahrer", sagt Sprecher Holger Plank. "Skifahren ist ein Hobby." Jede Vorschrift müsse zudem auf ihre Einhaltung kontrolliert werden, gibt Plank zu bedenken. "Aber wer soll das machen?"
Die Pistenbetreiber und Seilbahngesellschaften, schlägt Neureuther vor: "Die könnten sich verpflichten und sagen: Wir lassen Kinder ohne Helm nicht in den Lift einsteigen." Beim Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte (VDS) hält man nicht viel davon: "Sobald jemand eine Liftkarte kauft, schließt er einen Beförderungsvertrag", sagt VDS-Vize Hannes Rechenauer.
Generell könne es "nicht so funktionieren, dass Seilbahnbetreiber zu Hilfspolizisten gemacht werden", betont Rechenauer und fügt hinzu: "Dann eher doch eine generelle Skihelmpflicht, würden wir sagen."
Acht Tipps für den Skihelm-Kauf
- Im Fachhandel beraten lassen.
- Ein guter Helm drückt nicht, darf aber auch nicht zu locker sitzen. Wenn man bei geöffnetem Kinnband den Kopf hin- und herbewegt und er nicht wackelt, passt er.
- Das Kinnband sollte gut gepolstert sein, nicht einschneiden und sich auch mit Handschuhen öffnen und schließen lassen.
- Unbedingt die Sonnen- und Schneebrille zum Anprobieren mitnehmen. Nicht jede Brille passt unter/zu jedem Helm. Ist der Gesichtsausschnitt zu gering, drückt die Brille auf die Nase, ist er zu groß, zieht die kalte Luft zwischen Brille und Helm hinein und verursacht Fahrgeräusche.
- Das Verstellband an der Skibrille sollte unter die Brillenhalterung am Helm passen. Sonst kann es sein, dass die Brille, wenn sie nicht gebraucht wird, sich nicht ordentlich am Helm festmachen lässt.
- Mit aufgezogenem Helm probeweise in Schussposition gehen. Manche Helme sind so tief in den Nacken geschnitten, dass der Helm dabei stört. Außerdem kann man sich bei einem Unfall an der Verstellschraube am Nackenband verletzen.
- Eine Mütze hat unter dem Helm nichts verloren. Wenn es sehr kalt ist, kann man eine Sturmhaube tragen.
- Nach einem schweren Sturz unbedingt den Helm im Fachhandel überprüfen lassen
Quelle: DSV-Sicherheitsexperte Andreas König