Skispringen für Anfänger: Nur Landen ist schöner - DER SPIEGEL
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Skispringen für Anfänger Nur Landen ist schöner

Einmal oben auf der Skischanze stehen: In der thüringischen Kleinstadt Lauscha kann jeder lernen, wie Martin Schmitt und Co. in die Luft zu gehen. Stephan Orth hat es ausprobiert - neben einigen Bruchlandungen erlebte er auch den perfekten Sprung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Blick nach links, dann nach rechts. Alles okay, die Fersenbänder hinten am Schuh sitzen richtig. Die Ampel springt auf Grün. Mit 84 km/h sause ich die 38 Grad schräge Schanze herab, auf den Schanzentisch zu, wo Reisigbüschel den gespurten Weg flankieren. Aus der Hocke strecke ich mich dem Himmel über thüringischen Tannenwäldern entgegen.

Dann höre ich nur noch das Flattern des Schaumstoffanzugs und das Windrauschen der Geschwindigkeit. Etwa zwei Sekunden und 78 Meter danach die Landung. Einwandfreier Telemark, ein Supersprung. Weniger glückt das Auslaufen, die Piste ist vereist, und Sprungski haben keine Kanten, deshalb lande ich kurz vor einer roten Werbebande unsanft auf dem Hosenboden. Kein Drama, denn ich stand erst vor wenigen Stunden zum ersten Mal auf einer Skisprungschanze.

Ich nehme 3D-Brille und Kopfhörer ab. Skitrainer Jens Greiner-Hiero drückt noch einmal auf die Space-Taste, und auf dem Bildschirm geht es von vorne los: Blick nach links, Blick nach rechts, grüne Ampel. Die rasante Abfahrt wirkt erstaunlich realitätsnah. Studenten der Uni Ilmenau haben mittels Helmkamera und modernster Technologie die Sprungsimulation von der K-92-Schanze in Lauscha ertüftelt.

Skispringen für alle

K 92, das bedeutet, dass 92 Meter vom Schanzentisch entfernt der Abhang in eine Ebene übergeht. Ab da wird die Landung schwerer. Auf die große "Marktiegelschanze" des Örtchens im Süden Thüringens trauen sich nur erfahrene Springer, die vorher jahrelang dafür trainiert haben. Nach einem halben Tag Vorbereitung dagegen kann jeder auf die K-10-Schanze – beim Skiverein WSV 08 Lauscha habe ich mich bei einem Tageskurs angemeldet für Mutige, die wissen wollen, was Martin Schmitt und Co. den ganzen Tag treiben.

Auch mir gibt der Sport Rätsel auf, wenn auch anderer Art. Ich finde es unbegreiflich, dass die endlosen Wiederholungen von gleich aussehenden Sprüngen gleich aussehender Springer dem Fernsehen regelmäßig Traumquoten bescheren. Und erst die Interviews. Enttäuscht dreinblickende Jünglinge, im Presswurstoutfit schmal wie die überlangen Bretter in ihrer Hand, geben im Rechtfertigungszwang des lauernden Mikrofons Unsinn von sich wie "Ich hatte keine Rückmeldung vom Ski". Dann springt mein Fernbedienungsfinger von der Sessellehnenschanze mit einem formschönen Satz zielsicher auf den Ausknopf.

Im Clubraum des Skiclubs gibt es weder Sessel noch Ausknopf, dafür eine Bar, Holztische und reichlich Trophäen. An der Wand hängt eine Glückwunschplakette des Roten Kreuzes zum 100-jährigen Vereinsjubiläum, die den Abtransport eines verschwenderisch eingegipsten Wintersportlers auf einer Trage zeigt.

Doch im Moment habe ich zwei Probleme, die mich davon abhalten, über einen möglicherweise zeitnah bevorstehenden Krankenhausaufenthalt nachzudenken. Das eine besteht darin, auf eine kleine, sehr wackelige Holzwippe zu steigen. Dort soll ich mich zwecks Gleichgewichts- und Körperschwerpunktfindung in die ästhetisch fragwürdige Schussfahrt-Position herabbeugen.

Ist der Aufstieg nach mehreren Anläufen geglückt, folgt als zweites Problem die "Nähmaschine" - so bezeichnet Trainer Jens den Moment, wenn sich die Beine immer schneller auf und ab bewegen, ohne dass der Skispringer in spe etwas dagegen tun kann. Beim Schlussspurt der Tour de France ist das vermutlich nicht verkehrt, auf einer Sprungschanze dagegen zählen perfektes Gleichgewicht und kontrollierte Körperspannung.

Theorie im Schnelldurchgang

Außer mir krümmen sich noch 14 weitere Kursteilnehmer - alle männlich und zwischen 10 und 55 Jahren alt - über diesen Teufelswippen. Einer davon ist Bernd aus Berlin. Er war früher Turner und steht auf der Wippe nebenan. Gerade streckt er elegant ein Bein in die Luft, während er den Umstehenden mit einem entspannten Lächeln versichert, dass er selbst überrascht sei, wie einfach das ist.

Danach erklärt Trainer Jens Greiner-Hiero, 36, in etwa fünf Minuten das Skispringen. Der Blondschopf durfte im Jahr 2000 zu Zeiten von Olympiasieger Jens Weißflog kurz in die Nationalmannschaft reinschnuppern. Später wurde er sechsmal Weltmeister der Senioren, jetzt trainiert er in Lauscha den Nachwuchs. Er selbst war 14, als er zum ersten Mal von einer 120-Meter-Schanze sprang.

Skispringen besteht aus fünf Teilbereichen, sagt er. Der Erste ist die Anfahrt. Schienbeine nach vorn, Schulter auf die Knie, Rücken gerade lassen. Dann der Absprung: Kniewinkel und Hüftwinkel öffnen, mit dem ganzen Fuß abstoßen. In der Luft sofort Vorderfuß nach oben ziehen, im Idealfall nach außen abspreizen - "aber ich glaube, ihr habt erst mal andere Probleme als das perfekte V". Dritte Phase: Flug. Körper strecken, Arme außen anlegen, bloß nicht die Beine anziehen in der Luft, sonst droht ein Salto. Dann: Landung. Am sichersten per Telemark-Ausfallschritt, aber wer sich nicht traut, kann die Füße auch parallel halten. Unbedingt mit beiden Beinen gleichzeitig aufsetzen, Arme seitwärts strecken, Ski parallel. Beim Ausfahren die Ski seitlich stellen, um anzuhalten.

Alles klar? Noch ein paar Testsprünge und Telemarkübungen von der Holzbank, dann geht's raus zur Schanze. Im Materialraum werden Anzüge, Schuhe und Helme verteilt. Warum sitzen die bloß bei den anderen so schön eng, während ich in mein hellblaues Fluggewand zweimal reinpassen würde? Wieso sieht Bernd aus Berlin in seinem perfekt sitzenden orange-gelben Schaumstoffanzug aus wie der Superheld einer Comic-Verfilmung und ich wie Balu der Bär?

Showdown in Lauscha - Goofy gegen Superman

Egal. Was zählt, ist die Leistung auf dem Platz. Minus ein Grad und kaum Wind, bestes Fußballwetter da draußen. Dem werde ich's noch zeigen, dem Meisterturner. Er ahnt nämlich nichts von meiner Skisprung-Vergangenheit. Mit 18 war ich in einem Wintercamp, wo wir ständig mit großem Vergnügen auf Skiern über Bodenwellen hopsten. Dank spektakulärer Stürze und ungelenker Experimente mit Drehungen und Spreizsprüngen hing mir fortan der Spitzname "Goofy" nach. Die Weite allerdings, die stimmte schon damals. Leider konnte ich meinen Stil nicht zu größerer Eleganz veredeln, weil ein wutschnaubender Jugendzentrumsleiter unserem heiteren Kamikazetreiben ein Ende machte.

Heute in Lauscha bremst mich keiner. Schanzenrekord, ich komme.

Soweit der Wunschtraum. Was in der realen Welt gerade überhaupt nicht bremst, sind die beiden 11,5 Zentimeter breiten und 270 Zentimeter langen Riesenbretter unter meinen Füßen. Die Schussfahrt-Übung vor der Schanze war ja noch machbar, aber beim Ausrollen lande ich bei einem missglückten Bremsmanöver unsanft im Schnee. "Keinen Schneepflug, versuch' die Skier seitlich zu stellen", sagt Jens' Trainerkollege Gunther, der einem Kursteilnehmer nach dem anderen beim Aufstehen hilft. Die meisten Stürze passieren nämlich dort, wo es am Schluss bergauf geht, beim Abstoppen.

Ein paar Probefahrten, Stürze und blaue Flecken später ist es dann soweit: Ich stehe zum ersten Mal auf der K-10-Schanze. Im Vergleich zu den imposanten 47er- und der 92er-Schanzen daneben ist sie eigentlich eher ein Schänzchen. Aber sah die von unten auch so steil aus? An den Startgriffen nach Halt tastend, fühle ich mich wie ein Höhenangstpatient auf dem Zehnmeterbrett. Die Kursteilnehmer hinter mir schauen schon ungeduldig, also los. Schulter aufs Knie. Am Schanzentisch mit beiden Füßen abstoßen. Arme anlegen. Fliegen. Landen. Und ... Hinfliegen. Mist.

"Nächstes Mal die Arme nach außen bei der Landung", sagt Jens, der von einer Art Jägerstand aus die Sprungversuche beobachtet. Geduldig gibt er jedem Kursteilnehmer wertvolle Tipps. Reinhard soll "den Oberkörper hochnehmen!", Axel die "Ski zusammenhalten!" und Niklas die "Beine durchdrücken!".

"Ich glaube, meine Frau will mich loswerden"

Zur Mittagspause werden im Clubhaus Fischstäbchen, Kartoffeln und Eier mit Senfsoße serviert. Von den anderen Skisprung-Debütanten erfahre ich, dass kaum einer die Trainingseinheit selbst gebucht hat. Typische Anwesenheitsgründe sind "Geschenk zum 40. Geburtstag" oder "habe ich zu Weihnachten von meiner Frau bekommen - ich glaub' die will mich loswerden". Wenigstens einer bringt echten sportlichen Ehrgeiz mit: "Als Kinder haben wir im Winter mit Schaufeln selber Sprungschanzen gebaut und dann mit einem Maßband die Weite gemessen", sagt Erik aus Teterow. "7,85 Meter habe ich damals geschafft, heute will ich weiter kommen."

Er hat Erfolg, zehn Meter weit fliegt er im Wettbewerb am Nachmittag. Zum Abschluss darf jeder mit zwei Sprüngen zeigen, was er gelernt hat. Auch ich habe zwischenzeitlich mehrere sturzfreie Sätze hingelegt und begonnen, Gefallen an der Fliegerei zu finden. Unermüdlich stapfte ich immer wieder die Stahltreppe zum Startpunkt hoch. Der Lohn für die Mühe: sagenhafte zehn Meter! Jubel. Glück. Träume vom Siegerpokal. Wäre da nicht Bernd: 11,5 Meter mit perfekter Telemark-Landung.

Am Ende werde ich Fünfter, statt Schanzenrekord und Trophäe gibt's ein orangefarbenes T-Shirt mit der Aufschrift "Ich war dabei in Lauscha". Und die Runde im Simulator mit 3D-Brille, damit ich mal sehen kann, wie es richtig geht. Nach dem letzten Sprung und der x-ten Bruchlandung im Ausrollbereich wirft mir Trainer Gunther einen tadelnden Blick zu, während er mich auf die Beine wuchtet: "Da hilft jetzt nur noch der Fortgeschrittenen-Kurs."

Ich hätte gerne erwidert, es habe beim Bremsen an Rückmeldung vom Ski gefehlt. Aber das hätte er nicht verstanden.

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