Solartaxi Die Spitzmaus bei der Uno
In Prag will ich zunächst zur Fakultät für Elektrotechnik, zur berühmten CVUT. Dort werde ich von drei Tschechen erwartet, die mich für die nächsten Tage begleiten werden. Doch heute irre ich hoffnungslos durch den Prager Großstadtverkehr, und selbst Streckenanweisungen per Handy bringen nichts. Ich frage schließlich eine Polizeistreife im Skoda um Hilfe - meine Spitzmaus (wie ich das Solartaxi oft nenne) erweckt bei ihnen enormes Interesse, ganz so, als würde ich mit einem Esel durch Prag reiten.
Schließlich finde ich die CVUT doch noch, dank eines aufmerksamen Hoteldirektors. Jaromir, Peter und Michael, alle drei vom tschechischen Elektroautoklub, möchten uns die nächsten zwei Tage mit ihren Fahrzeugen durch die Tschechische Republik begleiten. Während sich meine Begleiter Thomas, Heinz und Florian irgendwo am Karlsplatz vergnügen, treffe ich zuerst ein riesiges Aufgebot tschechischer Journalisten, dann Techniker und Studenten der Fakultät. Dass Prag die Lieblingsstadt mancher Touristen ist, kann ich nur erahnen. Ein Foto mit dem Solartaxi auf einer Brücke, ein Besuch der Burg das muss fürs Album reichen, und schon fahren wir weiter zu Jaromir, bei dem wir heute Nacht einquartiert sind.
Adrenalin-Kick beim nächtlichen Rasen
Während langsam die Nacht hereinbricht, folge ich den zwei elektrisch betriebenen Peugeots, die mit Vollgas in die Nacht hinausflitzen. Jaromir war 1990 Weltmeister im Elektroautofahren und hat auch einen entsprechenden Fahrstil. Schon bald sehe ich keine Rücklichter mehr, die Gegend ist absolut unbewohnt, nur noch Wald und Wiesen, und Schlaglöcher sind bei dem Tempo eher spürbar als sichtbar. Enge Kurven und Stellen so schmal wie Nadelöhre wechseln sich ab. Die Wälder verschlingen mich, die Fahrt wird zum Adrenalin-Kick. Tschechien scheint keine zehn Meter ebene Straße zu haben, die Straße geht entweder steil bergauf oder steil bergab.
Beim Bergabfahren wird mein Motor zum Dynamo, den Strom speise ich in die Batterie wieder ein. Trotzdem komisch, dass sich meine Batterie kaum mehr entlädt, als wenn die Strecke eben wäre. Mein Fahrzeug scheint noch so manche Überraschung zu bergen - ich wusste gar nicht, dass auch Spitzmäuse launisch sein können. Spät in der Nacht kommen wir am Zielort, weiß Gott wie er heißt, heil an. Jaromir verzieht sich in die Küche und bereitet uns noch etwas zu Essen, dann, geschafft von einem langen Tag, übernachten wir zu viert in seinem Gästezimmer.
Am nächsten Morgen um 7.30 Uhr ruft Jaromir, er fahre ohne uns los, falls wir noch weiterschlafen wollen. Er scheint es ernst zu meinen, ausschlafen ist auch heute unmöglich, aber immerhin hatten wir mal sechs Stunden Schlaf. Die Bürgermeisterin und ein paar Leute von der Stadt Sedlec-Prcice warten auf uns. Sie, die gelernte Geologin, findet das Auto super. Umweltschutz sei ihr sehr wichtig, sagt sie. In Jihlawa treffen wir die nächste Bürgermeisterin. Sie hat für den September einen autofreien Tag eingeführt, an dem nur Elektroautos herumfahren dürfen. Ich bin mir schon jetzt sicher, dass wir auf der ganzen Fahrt nur Politiker treffen werden, denen Umweltschutz wichtig ist.
Sonnenstrahlen sind selten und kostbar
Unser Aufpasser Heinz erhält jetzt den Job, vor jedem offiziellen Empfang die Solarpaneele zu reinigen. Die Sonnenstrahlen sind immer noch selten, deshalb umso kostbarer. In Brno kämpfen wir uns durch den Verkehrsdschungel, damit das Solartaxi pünktlich das tschechische wie auch das slowakische Fernsehteam auf eine Probefahrt mitnehmen kann. Hier empfängt uns ein weiterer Jaromir, er ist Dozent für Informatik an der Technischen Hochschule. Beim Anblick seines Fahrzeugs muss ich genauer hinsehen: Er hat auf dem Dach seines elektrisch betriebenen Peugeot tatsächlich ein großes Solarpaneel montiert! Bei Sonnenschein schenke ihm das Panel pro Tag zehn Kilometer, sagt er.
Ich bin froh, dass es auch in Tschechien Innovatoren mit Pioniergeist und Fantasie gibt, die aus Überzeugung ihren eigenen Weg gehen. Jaromir Nummer Zwei geleitet uns zur Technischen Fakultät, wo ich das Solartaxi in einem wunderschönen Gebäude vor einem kleinen, aber sehr interessierten Publikum erkläre. Der lange Tag endet im Studentenwohnheim, einem trostlosen Ostblock-Bau. Wir haben von Tschechien sehr viel gesehen, das Land wird uns in bester Erinnerung bleiben. Schade, dass wir nur 48 Stunden bleiben konnten.
Besuch bei der Uno in Wien
Jaromir Nummer Zwei begleitet mich am nächsten Morgen bis zur österreichischen Grenze und übergibt mich an Franz. Franz holt mich, natürlich, ebenfalls in einem elektrischen Peugeot ab und so surren wir gemeinsam durch einen Dschungel von Windrädern nach Wien hinein. Nach einem ersten Treffen bei der Schweizer Botschaft mit der Presse und einem Stadtrat surren wir weiter durch den Großstadtverkehr zur Uno deren Umweltorganisation Unep hatte mich für eine Präsentation eingeladen.
So machen wir uns auf den Weg zur Donau City. Wo normalerweise nur Generalsekretär und Feuerwehr einfahren dürfen, da geht von Geisterhand ein riesiges Tor auf, und nach einer Passkontrolle stehen wir mit Solartaxi und Begleitbus auf internationalem Gebiet. Mehr als 4000 Mitarbeiter aus allen Ländern dieser Welt machen diesen Uno-Sitz zum Bienenhaus, und unser Gefährt rückt jetzt in den Mittelpunkt des Interesses.
Harald Egerer, Leiter des Uno-Umweltprogramms in Wien, empfängt uns herzlich, die Kameras klicken. Unglaublich - das solarbetriebene Auto ist nun Gast bei den Vereinten Nationen!
Das Vehikel muss natürlich rein in die Empfangshalle, doch die Rampe ist nur für Kinderwagen ausgelegt. Dank des Einsatzes der Mitarbeiter aus allen Herren Ländern, die mit ein paar abmontierten Stahlträgern eine Rampe bauen, schafft es das wohl erste Fahrzeug überhaupt, ins Uno-Hauptgebäude reinzufahren, direkt unter ein imposantes Fahnenmeer. Hier erkläre ich die Vorteile der Mobilität mit Sonnenenergie, die jedem einleuchten, und nach einer Stunde ist die Show vorbei, der Solartaxi-Zirkus muss weiter. Was ich mitnehme, sind Einladungen zur Uno in Bahrain, Bangkok, Washington D.C. und New York.
Treffen mit alten Bekannten
Das motiviert derartig, dass ich mit Vollgas weiterfahre, als ob ich heute noch Bahrain erreichen möchte. Doch der Zirkus wird zunächst von Dr. Lötsch, dem Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien, empfangen. Schon unser dritter Pressetermin heute! Dr. Lötsch hat ein unglaubliches Museum erschaffen. Ich verlaufe mich stundenlang darin und kann mich an den ausgestopften Tieren nicht sattsehen.
Beim Nilpferd bleibe ich stehen. So ein Viech wollte mich vor 13 Jahren in Kenia aus dem Ruderboot schmeißen. Seither war ich nie mehr so nahe an einer Nilpferdschnauze. Die ist so groß, dass ich da locker drin Platz fände. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl bei all diesen Tierpräparaten. Wer weiß, welche dieser Tierarten wir bald nur noch hier sehen können, und in Filmen der BBC?
Hier treffe ich auch Helga, Rosemarie und Brigitte wieder, die unschlagbaren drei Damen aus Wien von Eurosolar Austria. Sie alle haben Solarzellen auf ihren Hausdächern installiert, mit deren Strom sie ihre elektrischen Peugeots antreiben. Vor der ganzen Gesellschaft halte ich im Museum einen Vortrag zum Thema "Verrückt nach dieser Welt". Als Inspiration. Das passt, der heutige Tag war wirklich verrückt!