Streit der Everest-Bezwinger: Aufstieg über Leichen - DER SPIEGEL
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Streit der Everest-Bezwinger Aufstieg über Leichen

Der legendäre Erstbesteiger des Mount Everest, Edmund Hillary, hat eine neue Debatte über Bergsteigerethik ins Rollen gebracht: Der einstige Gipfelstürmer attackierte den Everest-Bezwinger Mark Inglis und seine Begleiter. Sie hätten einen sterbenden Briten einfach am Wegrand liegen lassen.
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Wellington - Weil sie einem Sterbenden keine Hilfe geleistet haben sollen, hat der legendäre Everest-Bezwinger Edmund Hillary schwere Vorwürfe gegen den beidseitig beinamputierten Bergsteiger Mark Inglis und andere Everest-Bergsteiger erhoben.

Mount Everest: Schon 150 Leben forderte der Berg

Mount Everest: Schon 150 Leben forderte der Berg

Foto: REUTERS

Der Neuseeländer und seine Begleiter sowie andere Gipfelstürmer hätten bei ihrem Aufstieg auf den Mount Everest am 15. Mai einen sterbenden Briten einfach am Wegesrand liegenlassen, sagte Hillary gestern der Nachrichtenagentur New Zealand Press Association. "Menschliches Leben ist weitaus wichtiger, als auf den Gipfel eines Berges zu gelangen", mahnte der 86-Jährige. Der Neuseeländer Hillary hatte den höchsten Berg der Welt gemeinsam mit Sherpa Tenzing Norgay vor 53 Jahren als erster bezwungen.

"Wenn dort ein Mann mit Höhenkrankheit unter einem Felsen kauerte, war es falsch, einfach seinen Hut zu lüften, 'Guten Morgen' zu sagen und weiterzugehen", schimpfte Hillary. Als er und seine Expedition vor einem halben Jahrhundert auf den legendären Berg gestiegen seien, "wäre es undenkbar gewesen, ein Mitglied eines anderen Teams einfach liegenzulassen und weiter Richtung Gipfel zu stürmen", kritisierte der Everest-Erstbezwinger.

Der 34-jährige Brite David Sharp war am 15. Mai am Mount Everest ums Leben gekommen. Sharp war auf dem Abstieg vom Gipfel, als ihm der Sauerstoff ausging. Er starb in einer Schneehöhle nur 300 Meter unterhalb des Gipfels. An dem Morgen sollen mehr als 40 Bergsteiger an ihm vorbeigekommen sein, ohne ihm zu helfen.

Inglis verteidigte sein Vorgehen gestern. Als sein Team Sharp erreicht habe, sei dieser schon fast tot gewesen. Der Brite sei schon fast steifgefroren gewesen und habe nicht mehr sprechen können. Einziges Lebenszeichen seien Augenbewegungen gewesen, berichtete Inglis. "Mehrere Mitglieder unseres Teams haben Zeit mit David verbracht, mehrere erfahrene Sherpas sind bei ihm gewesen, doch es hat alles nichts genützt." Er sei "erschüttert", jetzt derart kritisiert zu werden, klagte Inglis.

"Komplexe Tragödie"

Inglis hatte am Montag zugegeben, Sharp nicht geholfen zu haben. "Wissen Sie, wir konnten nichts für ihn tun, er hatte keinen Sauerstoff mehr, er hatte keine vernünftigen Handschuhe", hatte Inglis dem neuseeländischen Fernsehen gesagt. "Das Problem ist, auf einer Höhe von 8500 Metern ist es extrem schwierig, sich selbst am Leben zu erhalten, geschweige denn jemand anderen."

Hillary ließ Inglis' Verteidigung nicht gelten: "Sie hätten sicher eine gewisse Anstrengung unternehmen können, um ihn in Sicherheit zu bringen", sagte er. Der legendäre Bergsteiger forderte, die Zahl der Expeditionen auf den Berg zu begrenzen. Es seien bereits 150 Menschen bei der Besteigung des Mount Everest ums Leben gekommen.

Die neuseeländische Premierministerin Helen Clark nannte Sharps Tod eine "komplexe" Tragödie. Aus persönlicher Sicht sympathisiere sie mit Hillarys Äußerungen. Allerdings habe sich die Bergsteiger-Ethik in den vergangenen Jahren sicher auch geändert.

Der 47-jährige Inglis hatte als erster beidseitig beinamputierter Bergsteiger den Mount Everest bezwungen. Er wäre 1982 beinahe ums Leben gekommen, als er nach einem heftigen Schneesturm am Mount Cook, dem höchsten Berg Neuseelands, 14 Tage in einer Schneehöhle auf Rettung warten musste. Wegen schwerer Erfrierungen mussten ihm damals beide Unterschenkel amputiert werden.

dab/AFP