Tourismus in Ägypten - DER SPIEGEL
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Tourismus in Ägypten: Ruhe am Roten Meer, Krawalle in Kairo

Foto: © Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

Tourismus in Ägypten Tod im Paradies

Tourismus ist das Pferd, das den Karren zieht. So sehen Ägypter die Branche, in der vier Millionen Menschen arbeiten. Die Ausschreitungen zwischen Militärregime und Muslimbrüdern schrecken jedoch Urlauber ab. Zum Schaden der Wirtschaft.
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Die Gewaltwelle, die Ägypten erfasst hat, hat nun auch ein Urlaubsgebiet am Roten Meer erreicht. In Hurghada, dem Traumbadeziel der Deutschen, soll in der Nacht ein Muslimbruder bei einem Zusammenstoß mit der Polizei ums Leben gekommen sein.

Für Urlauber, die eine Reise in die Resorts am Roten Meer planen, ist die Gewalt ein beunruhigendes Zeichen. Und ebenso für die über vier Millionen Ägypter, die von dem Geschäft mit den Touristen leben: für Hoteliers wie Kameltreiber, für Tauchbasenbesitzer wie Souvenirhändler. Sie fürchten, dass noch mehr Gäste ausbleiben.

Tourismus in Ägypten, sagte der zuständige Minister Hisham Zaazou, "ist der Gaul, der den Karren zieht und die Devisen bringt". 13 Prozent der Arbeitnehmer leben von dem, was die Urlauber im Land ausgeben, sagte er der "Süddeutschen Zeitung", 70 Industriezweige sind abhängig vom Tourismus, darunter auch Zulieferer für die Hotels, das Baugeschäft und die Teppichindustrie. Damit ist die Branche der größte Arbeitgeber des Landes. Zehn Milliarden Dollar erwirtschafteten die Touristikunternehmen im Jahr 2012 und zählten 11,5 Millionen Besucher, das war knapp ein Fünftel mehr als im Vorjahr. Anfang 2013 kamen erneut 13 Prozent mehr Gäste.

Sinkende Touristenzahlen destabilisieren das Land

Nach dem drastischen Einbruch infolge des Arabischen Frühlings war dies eine positive Entwicklung. Dennoch werden Sehenswürdigkeiten wie die Pyramiden von Gizeh oder das Ägyptische Museum in Kairo nicht nur in diesen Tagen wenig besucht. Die Preise für Hotels sind in den Keller gefallen, die Belegung der Ferienresorts ist mau. Viele Ägypter haben in den vergangenen Jahren ihren Job im Tourismus und ihr Einkommen verloren. Ihre Hoffnung, dass es nach der Revolution 2011 mehr Arbeitsplätze geben werde, mehr soziale Gerechtigkeit, hat sich während der Herrschaft des Muslimbruders Mohammed Mursi nicht erfüllt.

Dem Land fehlten die Devisen, die Millionen Urlauber nun woanders in der Welt ausgaben. Und so destabilisierte nicht nur die schlechte Wirtschaftspolitik, sondern auch der Rückgang der Touristenzahlen das Land: Subventionen von Nahrungsmitteln und Benzin fielen weg oder sollten gestrichen werden, die Preise stiegen an. Auch nach der Absetzung des Präsidenten Mursi durch die Armee liegt eine bessere Zukunft für das arme Land in der Ferne. Zurzeit scheint es keine schnelle Lösung für eine Einigung zwischen Muslimbrüdern und der vom Militär eingesetzten Übergangsregierung zu geben - und die Bilder von Leichen in der Hauptstadt verschrecken erneut Urlauber.

Auch wenn die Urlaubsgebiete am Roten Meer wie Hurghada, El Gouna und Scharm al-Scheich weit weg von Kairo liegen, auch wenn die Tourismusindustrie darauf beharrt, dass die Lage dort ruhig und sicher ist - seit dem Putsch im Juli reagieren die Deutschen auf die Berichterstattung. So meldet der Branchenführer TUI, die Nachfrage für Ägypten-Urlaube sei zuletzt deutlich zurückgegangen. Die Buchungen für die laufende Sommersaison lägen einstellig unter dem Vorjahresniveau, Kapazitäten im Land würden abgebaut. Ähnlich sieht es bei der Konkurrenz, bei FTI, DER Touristik, Thomas Cook und Alltours aus, die von schwacher Nachfrage berichten.

Militär ist an Tourismus beteiligt

Das Militär, das unverhältnismäßig brutal gegen seine politischen Gegner vorgeht und für die verstörenden Bilder sorgt, statt eine friedliche Lösung zu versuchen, handelt damit gegen seine eigenen Interessen. Seit über 30 Jahren engagieren sich die Angehörigen der Armee in einem weit verzweigten Firmengeflecht. Dazu zählen Hühnerfarmen, Baukonzerne, Krankenhäuser - aber auch Fünf-Sterne-Hotels im ganzen Land. Viele Resorts auf der Sinai-Halbinsel sind auf Armeegrundstücken erbaut, die ihre Eigner reich machten. Und die seit Beginn von Mursis Präsidentschaft ebenfalls unter einem Mangel an Buchungen leiden.

So wie der Konzern der Milliardärsfamilie Sawiris, die zu Zeiten des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak groß geworden ist und deren Tourismussparte Verluste schreibt. Die durch sie zu großen Teilen finanzierte Tamarod-Bewegung hat den Sturz des Muslimbruders Mursi eingeleitet. Die Orascom-Gruppe wollte zuletzt in Kooperation mit dem Louis-Vuitton-Großaktionär Bernard Arnault das erklärtermaßen teuerste Hotel Ägyptens bauen. Ein Sechs-Sterne-Boutique-Hotel mit 24 Luxusvillen auf der Nil-Insel Amoun. "Das liegt alles auf Eis", sagte Samih Sawiris dem "Handelsblatt", "im Augenblick wäre es wahnsinnig, solche Projekte in Ägypten zu forcieren."