Türkei-Tour: Solarmobile unter sich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Türkei-Tour Solarmobile unter sich

In der Türkei fühlt sich Louis Palmer gleich heimisch: Der Schweizer staunt über Berge, moderne Tunnel und Schlammlawinen. Die Freude ist perfekt, als er in Ankara auf mehrere Studententeams trifft, die an diversen Solar- und Brennstoffzellenmobilen basteln.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Solarmobil ist fit: Auf sechsspurigen Autobahn gen Ankara gelingt das Überholen der Lastwagen spielend. Stinkend und rauchend keuchen sie den Berg hinauf. Ich staune nicht schlecht: Hier, inmitten der Türkei, stehen Berge wie in der Schweiz, überzogen mit Wäldern wie in Kanada! Moderne Tunnel und Brücken wechseln sich ab, und mehrere Schlammlawinen haben an den Hängen ihre Spuren hinterlassen. Ein Gefühl von Heimat! Es fehlen nur noch die Kühe und das Gebimmel ihrer Glocken. Stattdessen holt mich das Gebimmel des Gepäcks auf einem schwer beladenen Motorrad ein. Neben mir verlangsamt -ein Franzose! Er schreit mir etwas zu, doch ich verstehe gar nichts.

Da ich in der Türkei bisher die besten Bekanntschaften immer auf dem Pannenstreifen der Autobahn gemacht habe, halte ich sofort an, mon dieu, was der Franzose wohl will? Patric, so erzählt mir der sympathische Typ, sei einfach neugierig gewesen und möchte wissen, was ein Schweizer mit diesem Ding auf der türkischen Autobahn verloren habe. Dann erzählt er mir seine Geschichte: Einfach mit Vollgas durchfahren will er, von Paris nach Beirut! Was für ein Zufall, da will ich auch hin! Doch Patric muss schon in 48 Stunden da sein, denn er sei unterwegs für seine Hilfsorganisation namens "Architekten für den Notfall". Aha, deshalb wohl die Eile, denke ich.

Ein Architekt für Krisengebiete

Patric, der sein Zelte in Paris und Sydney aufgeschlagen hat und dazwischen wortwörtlich die halbe Welt kennt, lädt mich spontan ein, seine Architekten entlang der Strecke zu besuchen. In Beirut. In Kabul. In Aceh. In Sri Lanka, überall seien seine Leute im Einsatz und würden mich gerne erwarten. Doch, merci beaucoup, genau dies sind die Krisengebiete dieser Welt, da will ich partout nicht hin. Doch Patric winkt ab. Krisengebiete sind sein Zuhause, seine Augen glänzen, wenn er von Beirut und Kabul spricht. Wir wechseln schnell die Visitenkarten und wünschen uns gegenseitig viel Glück. "Welcome to the Middle East!" Ein Augenzwinkern, und weg ist er! Ich realisiere, dass das Abenteuer bald erst richtig beginnt

In Ankara, auf der anatolischen Hochebene, erinnert mich die Landschaft tatsächlich an Afghanistan. Trockenes Gras, grüne Hecken und viel Staub, dazwischen schwarze Schafe und im Hintergrund braune Berge. Dazu endlich mal etwas kühlere, etwas angenehmere Temperaturen. Auf einem Schild steht "Welcome to the Middle East Technical University" – mein heutiges Ziel. 60.000 Studierende zählt die Schule, und der Direktor erwartet mich, zusammen mit drei Solarmobil- und zwei Brennstoffzellenauto-Teams. Ich traue meinen Augen kaum: 20-jährige Burschen bauen hier Fahrzeuge und fahren damit Rennen, ihre Freundinnen sorgen fürs Design und das schnittige Aussehen der Boliden.

Trockenes Ankara

Die Türkei braucht neue Lösungen, so sind wir uns alle einig. Schließlich hat das Land das teuerste Benzin der Welt (zwei Euro pro Liter bleifrei), und seit gestern ist das Wasser in Ankara auch noch rationiert. Die Hauptstadt leidet unter einer extremen Trockenheit, die Medien berichten tagtäglich, wann in welchem Stadtteil das Wasser 24 Stunden lang abgestellt wird. Das Thema Klimawandel ist auch hier in aller Munde. Und plötzlich betrifft es jeden, spätestens dann, wenn man keine Kleider mehr waschen, keine Dusche mehr nehmen oder die Klospülung nicht mehr betätigen kann.

Heute sind wir aus Ankara früh wieder rausgefahren, 24 verschwitzte Stunden ohne Wasser waren hart. Doch heute haben wir Grund zum Feiern: Seit genau einem Monat sind wir unterwegs, und bis am Abend sollten nicht nur 5200 Kilometer, sondern auch Kappadokien, die bizarre Landschaft mit den Sandsteintürmen, geschafft sein. Das Highlight der Türkei.

Mehr lesen über