Verstehen Sie Haas?: Bahnstreik? Steigen wir aus! - DER SPIEGEL
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Verstehen Sie Haas? Bahnstreik? Steigen wir aus!

Die Lokomotivfahrer streiken. Viel besser wäre aber doch: eine Welt ohne Züge, Gedrängel, Warten. Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Auf der alten Schiene kommen wir nicht weiter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der nächste große Bahnstreik sollte der letzte sein und zur Abschaffung des Zugverkehrs insgesamt führen. Die Bahn hat ihre Chance gehabt, Jahre, Jahrzehnte lang haben wir, die Bürger, immer wieder gesagt: Gut, warten wir noch ein bisschen (und das buchstäblich), zahlen wir erst mal noch mehr Geld für noch weniger Service, lernen wir auch noch das nächste Kartenkaufabholbuchungs-Automatensystem, beschäftigen wir uns noch ein wenig intensiver mit Comfort- und sonstigen Prämiensystemen (deren Vorzüge vermutlich erst beim Jüngsten Gericht enthüllt werden, als Bonus-Offenbarung sozusagen, für ganz besonders Leidensfähige).

Glauben wir auch weiterhin, dass dieses eine Mal, wo wir doch einen wichtigen Vorstellungstermin - sagen wir in Duisburg - haben, wo wir von Berlin aus hinfahren wollen, dass wir dieses Duisburg also nur einmal, bitte bitte bitte, pünktlich erreichen werden, wir sind ja schon vorsichtshalber eine Stunde vorher losgefahren.

Berlin - Duisburg, das kann doch nicht so schwer sein, 60 Minuten Sicherheitszeitpuffer, dazu Reservierung, Nichtraucher, genau an der Grenze zum Raucherbereich, wo es immer so herzhaft herübermüffelt, dass die Empfangssekretärin in Duisburg später, deutlich die Nase rümpfend, sagen wird: "Sie sollten aufhören, schadet der Gesundheit." Dazu Gangplatz, weil es bei 1,80 Meter Körpergröße immer noch besser ist, von vorbeirollenden Koffern grün und blau gerempelt zu werden, als sich am Fenster zum Fötus zusammenzukrampfen.

Schicksalsverwandte hinterm Mikrofon

Berlin - Duisburg, es wird schon klappen, Mehdorn ist ja kein schlechter Mensch; überhaupt sind doch alle diese auf zackige Weise missmutigen, in schlecht sitzende blaue Uniformen gepressten, vom Überbuchungschaos täglich heimgesuchten Bahn-Mitarbeiter letztlich liebenswürdige Zeitgenossen. Und auch die Frau, die mit einer wie von Valium, Whiskey und Jahre währendem Lebensekel beschwerten Stimme aus den Lautsprechern murmelt: "Objekte auf den Schienen … 90 Minuten Verspätung", selbst sie - gerade sie! - ist uns, die wir wie ein geschlagener Hund in Duisburg um einen weiteren Termin betteln, weil insgesamt 130 Minuten zu spät und zielsicher den sich dreimal verfahrenen Taxichauffeur ("Ich bin neu in der Stadt, und das Navi ist Schrott") ausgewählt, weil nach all dem sie, die Frau mit der Marianne-Faithful-hat-Bronchitis-Stimme, eine Schicksalsverwandte und -gefährtin ist.

All dies hat jedoch ein Ende, wenn die Bahnleute rufen, so nicht, wir lassen das Ganze, es hat keinen Sinn, Schluss, aus, keine Züge mehr! Das wird ein großer Tag: Die Reisenden stehen an überfüllten Bahnsteigen (wie immer eigentlich), nur dass diesmal kein Lautsprecherkauderwelsch die Ruhe stört. In welcher Sprache artikulierten sich eigentlich die Ansager der Bahn?, wird man sich fragen. War es Esperanto? Ein Phantasie-Idiom wie Elbisch ("Herr der Ringe")? Über diese und andere Überlegungen - War das braune Zeug im ICE wirklich Kaffee? Aus welchem Entwicklungsland kamen die Snacks im Bordbistro? - werden die Menschen zwar nicht zur Arbeit, dafür aber sich näher kommen.

"Lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen", wird man zum Nebenmann sagen, und wer weiß, vielleicht ist's genau jener Mensch, der sich noch in dieser Woche auf die Gleise werfen wollte. Da hätte er gelegen, verzweifelt, von der eigenen Existenz beschämt und erdrückt, und hätte gewartet. Auf einen Zug mit Verspätung. Ich kann mir nichts Grausameres vorstellen.

"Einen Kaffee und vielleicht ein Stückchen Kuchen. Sie sehen traurig aus." Wir brauchen keine Züge, sondern schöne Cafés. Die gibt es auch in Bahnhöfen. Auf deren Erhaltung bestehe ich.

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