Orte der Kunst: Pullover, wo Monet einst malte
Komische Kunst Was malt der denn da?
"Und im Sommer tu ich malen" von Hank Schmidt in der Beek und Fabian Schubert ist ein äußerst schräges, kleines Kunstbüchlein: Ein Fotograf dokumentiert, wie ein Maler mit seiner Staffelei vor einem einst von einem anderen, berühmten Maler verewigten Panorama steht. Doch statt der Landschaft malt Schmidt in der Beek das Muster seines eigenen Pullovers.
Diese Fotos sind seltsam skurrile Trips in die Kunstgeschichte, aber auch an die Orte, die Maler einst für malenswert hielten. Sie sind das Produkt von Reisen an europäische Orte, die fast ikonischen Charakter haben: Ihr Bild gehörte fest zu unserem kollektiven, kulturellen Schatz - bis Schubert und Schmidt in der Beek kamen.
Wir wollten wissen, warum wir ab sofort an Querstreifen, Rauten oder Karos denken sollen, wenn uns Monet, Casper David Friedrich oder van Gogh in den Sinn kommen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Schubert, Sie fotografieren Herrn Schmidt in der Beek dabei, wie er vor diversen Landschaften stehend das Muster seines Pullovers malt. Da muss man Sie beide fragen: Was soll das?
Schmidt in der Beek: Muss man das? Ich jedenfalls musste mich noch nie fragen, was Kunst soll.
Schubert: Ich musste das doch fotografieren, sonst würde mir ja niemand glauben.
SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie denn darauf?
Schubert: Es war im Sommer 2009, als Hank und ich auf einer Wanderung in den Zillertaler Alpen waren. Hank wollte malen und ich ihn dabei fotografieren.
Schmidt in der Beek: Dort entstanden die ersten vier Motive. Die überwältigenden Eindrücke auf 3000 Höhenmetern machten mir die Motivsuche nicht einfach. Sie war im Gegenteil so schwer, dass ich letzten Endes bescheiden meine Wanderhemden abmalte. Und Fabian wiederum fotografierte statt der Gipfel mich beim Malen.
Schubert: Dass er ein Karohemd hatte, nahm ich damals erst war, als ich ihn an der Leinwand traf.
SPIEGEL ONLINE: So viel zum Vordergrund, aber da gibt es ja noch den Hintergrund. Was sind das für Motive, und wie wählen Sie die aus?
Orte der Kunst: Pullover, wo Monet einst malte
Schmidt in der Beek: Was die Landschaften betrifft, hat uns - abgesehen von den Zillertaler Alpen 2009 - die Kunstgeschichte und die Erfahrungen von Malern wie Cézanne, Monet, der Blauen-Reiter-Gruppe, Vincent van Gogh, Paul Gauguin oder Caspar David Friedrich geholfen, deren Bildmotive wir gewissermaßen als Empfehlungen genutzt haben.
Schubert: In der Kunstgeschichte gibt es ja einige beliebte Motive unter freiem Himmel. Wir haben versucht, in unserem limitierten budgetären Rahmen so viele wie möglich aufzusuchen, und darauf geachtet, dass diese Motive auch relativ leicht als Motive der Kunstgeschichte erkannt werden können.
SPIEGEL ONLINE: Verbringen Sie immer Ihre Urlaube miteinander?
Schmidt in der Beek: Also zunächst einmal kann ich es nicht wirklich als Urlaub bezeichnen, meine Wanderstaffelei und Leinwände in der Mittagshitze durch den Steinbruch von Bibémus zu schleppen, im strömenden Regen tropfnasse Gemälde den Herzogstand herunter zu balancieren oder in Froschhausen den Wecker auf 5 Uhr morgens zu stellen, damit Fabian das geeignete Licht erwischt, wenn er mich beim Dorfkirche-Malen fotografiert. Eher als Malreise.
Und im Sommer tu ich malen
Schmidt in der Beek, Hank,Schubert, FabianSPIEGEL ONLINE: Wie viele solcher Reisen gab es denn?
Schmidt in der Beek: Solcher Reisen waren es hauptsächlich in den Sommern 2013 und 2014 einige intensive, zunächst ins Murnauer Land in Bayern und dann zwei längere Reisen nach Frankreich mit einem Abstecher über die Schweiz.
Schubert: In Zukunft würde ich gerne noch mit Hank nach Japan auf den Mount Fuji. Hokusai hat da ja imposante Sachen gemacht. Urlaub würde ich das aber auch nicht nennen.
SPIEGEL ONLINE: Einverstanden, wenn man die Bilder spontan als zeitkritischen, ironischen Kommentar über Selfies versteht?
Schubert: Ja, ich bin damit einverstanden, dass unsere Bilder über unsere Intention hinaus Wirkung erzielen!
Schmidt in der Beek: Für mich geht es zwar mehr um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Plein-Air-Malerei, mit den Pfaden, die die Abstraktion in der Geschichte der Malerei eingeschlagen hat und um die Rolle von mir als Maler. Aber - ja - letztlich vielleicht auch um die divergierenden Formen des Selbstporträts. Wobei mir 2009 der Begriff "Selfie" und das dazugehörige Massenphänomen völlig unbekannt waren.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es neben dem offenkundigen Spaßfaktor eine "Message" in den Bildern?
Schmidt in der Beek: Wie gesagt, Stoff der Bilderserie und des Buches sind die Geschichte der Kunst, die Malerei als Abstraktion, die Rolle der Photographie und die des Malers, der Ruf der Berge und die Schönheit meiner Wanderhemden, aber "Message" ist sicher der falsche Ausdruck.
Schubert: Nur das Muster auf der Leinwand zu sehen und es mit "Bild eines Hemdes, gemalt im Garten von Monet" zu betiteln, kann auch funktionieren, aber die Fotografie beweist ja vermeintlich, dass der Maler tatsächlich dort das Muster seines Hemdes gemalt hat. Hierüber könnte man dann länger über die Beweiskraft von Fotos oder die Rolle der Fotografie in der Kunstgeschichte nachdenken.
SPIEGEL ONLINE: Das könnte man sicher, wenn man wollte.