Ruhrpott: Die Ente und der Kommissar
Gesichter des Reviers Auf ein Bier zu Ente
Da sitzt er nun, der Mann, den sie "Ente" nennen. In seinem Lokal, das "Ich danke Sie" heißt. Seine Haare sind grau geworden, die Stirn deutlich höher, aber die Augen sehen immer noch aus wie die eines Dreißigjährigen. Willi Lippens ist nicht nur einer der unzähligen Fußballspieler, die der Ruhrpott hervorgebracht hat; Willi Lippens ist "Ente, Fußballgott!" Bis heute. Bewundert für seine einmalige Technik und perfekte Ballbehandlung, geliebt aber vor allem für seine lockeren Sprüche, die er zu jeder Gelegenheit auf Lager hat.
Einer dieser Sprüche ist für das Lokal in der Bottroper Gungstraße zum Namensgeber geworden: "Das war 1965, als wir mit unserer Mannschaft in Herne antraten", erzählt Lippens. "Als der Schiedsrichter zu mir sagte 'Ich verwarne Ihnen', antwortete ich spontan 'Ich danke Sie'." Zur Belohnung flog Lippens wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz.
Seinen Spitznamen verdankt der Niederländer Lippens seinen Plattfüßen ("Mit denen hab ich als Kind alle Berge Hollands plattgetreten") und dem daraus resultierendem watschelnden Gang. Wirklich geliebt hat er ihn nie. "Für einen jungen Mann, der natürlich auch ein wenig eitel ist, ist es nicht gerade förderlich, wenn dich alle nur 'Ente' nennen."
"Niemals eine Chance vorm Tor vergeben"
Willi Lippens entschuldigt sich kurz, steht auf und beugt sich zu einem Gast, der gerade die Vorspeise "Willis Zwiebelnest" bestellt hat: "Gute Wahl, is echt lecker!" Dann kommt er zurück, immer noch ganz der Entertainer, der einst den grünen Rasen beherrscht hat. Auf "Lippens Ranch", wie das Areal rund um das Restaurant heißt, treffen sich Tagesausflügler aus dem Pott, Übernachtungsgäste aus dem gesamten Bundesgebiet und fußballverrückte Besucher, die darauf hoffen, außer preisgünstigen Gerichten auch ein persönliches Gespräch mit "Ente" ergattern zu können.
Und Lippens ist omnipräsent: Er stemmt ein Stück Holz unter einen wackelnden Biergartentisch ("Ist besser so"), begrüßt Stammgäste ("Na, Matthes, auch mal wieder hier") und signiert seine Biografie - die natürlich auch "Ich danke Sie" heißt.
In seiner aktiven Zeit war Lippens einer der besten Linksaußen Europas, erzielte 92 Tore in der Bundesliga und 130 in der Zweiten Liga. Auch, wenn er von 1976 bis 1979 für Borussia Dortmund spielte - sein Name bleibt untrennbar mit Rot-Weiß Essen verbunden. "Und ich habe in meiner gesamten Karriere niemals überhastet eine Chance vor dem Tor vergeben", erzählt er, bevor der Schalk in seine Augen tritt. "Lieber habe ich sie mit Kunststückchen vertändelt!"
Welches Ruhrgebiet gefällt ihm denn jetzt besser: Jenes frühere der Kumpel und Malocher, oder das heutige, in dem alles irgendwie mit Kultur zusammenhängen muss, jede Veranstaltung "Event" heißt und die Orte dafür "Locations" genannt werden? "Ach, das ist mir so was von egal. Was das Revier ausmacht, sind doch die Menschen mit ihrer unverwechselbaren Art, die hier leben. Nicht der Rahmen drum herum. Und außerdem: War das Ruhrgebiet nicht immer schon ein Teil deutscher Kulturgeschichte?"
Epizentrum des Wohlstandes
20 Kilometer weiter, rund um den Essener Baldeneysee, ist das Ruhrgebiet ein völlig anderes: feiner und edler. Manch einer sagt auch, mondäner und snobistischer. Das Epizentrum des gehobenen Revierdaseins ist das Gelände des Essener Turn- und Fechtclubs (ETUF): Hier werden Regatten gesegelt, Golfbälle über das Grün gedroschen und auf dem Center Court des Tennisclubs traten schon John McEnroe und Boris Becker im Showkampf gegeneinander an.
Bei schönem Wetter sind die Zuschauerplätze der Regattabahn von Sonnenhungrigen bevölkert. Vor ihnen liegt der Baldeneysee, im Rücken thront der 1873 errichtete ehemalige Stammsitz der Familie Krupp, die Villa Hügel. Weiße Schiffe unter weißen Segeln kreuzen über das Wasser, Pärchen schlendern Arm in Arm die Uferpromenade entlang - wer am Rande des Ruhrgebietes sehen und gesehen werden will, "landet früher oder später unausweichlich hier". Sagt Jürgen Petzold, Unternehmer aus Essen-Bredeney.
Wenn Petzold über das Ruhrgebiet spricht, kommen da keine Zechen und Arbeitersiedlungen vor, keine Bergmänner und Kumpel. Stattdessen grüne Hügel, beliebte Ausflugsziele sowie die Namen großer Industriefamilien wie Thyssen oder Krupp. Und Lokale wie das Essener "Road Stop" , der amerikanisierte Gegensatz zu "Ich danke Sie". Im Biergarten sitzt die gehobene Mittelschicht, trägt "Tommy Hilfinger" und "Boss", während auf dem Parkplatz das Cabrio, der Smart oder die Harley Davidson abgestellt ist.
Weit entfernt von jeglicher Arbeiterromantik, ein lockeres Ambiente ohne snobistischen Anstrich - fast könnte man von der neuen Bürgerlichkeit im Revier sprechen. "Das hier ist das Ruhrgebiet von heute" sagt Petzold, lehnt sich zurück und greift nach einer Bionade. "Alles andere ist für Leute, die zu viel 'Schimanski' gesehen haben."
Schimanski war das Revier
Vielleicht hat Petzold recht: Keine andere Fernsehreihe hat das Bild vom Leben im Revier so geprägt wie die vom WDR produzierten Folgen des "Tatort". Der von 1974 bis 1980 ermittelnde Kommissar Haferkamp, dargestellt durch Hansjörg Felmy, gab sich noch feingeistig, zurückhaltend, charmant. Wenn er Bürgernähe verkörpern wollte, griff er zur Frikadelle. Mit Horst Schimanski wurde dann alles anders: Der von Götz George verkörperte Duisburger Ermittler hat das bundesweite Bild des Ruhrgebietes wohl stärker geprägt als jede andere Kunstfigur.
Schimanski spielte nicht im Revier, er war das Revier: Malocher und Kumpel, ein wenig prollig, aber immer geradeaus und mit viel Herz. Arbeiter waren in seinen Fällen meist nur Opfer oder zu Unrecht Verdächtigte, die wahren Täter trugen Anzug und Krawatte. Sein Bier trank er grundsätzlich direkt aus Büchsen oder Flaschen, das Unterhemd durfte verschwitzt sein, und Cowboystiefel erschienen salonfähig: So wurde Schimanski zum beliebtesten "Bullen" Deutschlands und zum gefragten Motto bei Duisburger Stadtführungen.
Eine der originellsten Touren bietet die Krimi-Eventagentur innepötte! an, bei der die Gäste an der Seite von Schauspielern gemeinsam mit einem "Schimanski" ermitteln können - nach Möglichkeit an originalen Drehplätzen der Fernsehreihe. Doch dies wird von Jahr zu Jahr schwieriger: "Bei dem Strukturwandel, der derzeit im Ruhrgebiet stattfindet, tun wir uns immer schwerer, solche Plätze noch zu finden", erklärt Ute Bruckschen, Inhaberin der Agentur. "Das Ruhrgebiet eines Horst Schimanski verschwindet jeden Tag ein wenig mehr."
Schimanski war gestern
Besonders deutlich wird dies im Duisburger Hafengebiet. In den alten Schimanski-Folgen noch morbide, dunkel und vom Schweiß der Arbeiter getränkt, ist es jetzt ein beliebtes Ausflugsziel, in dem sich Szenebar an Beachclub reiht. Wer heute auf der Terrasse der "Schifferbörse" sitzt und auf das Museumsschiff "Oscar Huber" blickt, kann sich Schimanski hier kaum noch vorstellen. Eher schon wieder seinen Vorgänger Haferkamp - wenn auch ohne Frikadelle.
Der Sonntag im Revier neigt sich dem Ende zu, und in Willi Lippens "Ich danke Sie" herrscht Hochbetrieb. Lippens sitzt bei Gästen am Tisch, grüßt kurz, dann erzählt er weiter. Von Günther Netzer und Sepp Maier, von Berti Vogts ("den hab ich immer schwindelig gedribbelt") und Helmut Rahn, seinem Vorbild. Die Ruhrpottlegende, die sie respektvoll "Ente" nennen, ist ein Gesicht des Reviers, genau wie Petzold und Schimanski. Trotz der niederländischen Wurzeln.