Hallig Langeneß: Weltenferne in der Nordsee
Herbsttag auf der Hallig Langeneß Sturmwarnung zum Grünkohl
Auf Hallig Hooge steigen die meisten Passagiere der "Hilligenlei" aus. Nur die Gruppe junger Naturschützer mit Outdoorjacken, deren Schriftzug sie als Bewahrer des Weltnaturerbes Wattenmeer ausweist, bleibt noch mit an Bord.
Die Fähre, die vor etwa einer Stunde am Fährhafen Schlüttsiel mit Ziel Hooge und Langeneß abgefahren war, erreichte Hooge mit 15 Minuten Verspätung. Das liegt daran, dass sich die Fahrzeit letztlich nicht nach Minuten, sondern nach Vorankommen im Tidenwechsel zwischen Niedrig- und Hochwasser bemisst. Wer auf die Halligen der Nordsee will, muss das Ermessen der Zeit nach Ebbe und Flut, nicht nach der Uhr erlernen.
Hallig Langeneß: Weltenferne in der Nordsee
Nach dem Hooge-Stopp ist auch das Restaurant unter Deck - seemännisch Salon genannt - leer, nur der Geruch von Diesel und Frikadellen liegt noch in der Luft. Nur zögerlich rückt der Kellner die Menükarte raus und bringt als bestellten "Friesentee" lauwarmes Wasser mit reichlich bemessenem Korn und einem trostlos darin schwimmendem Teebeutel.
Gab es bei der Abfahrt in Schlüttsiel noch Wolkenlöcher, durch die Licht drang, ist der Himmel bei der Ankunft auf Langeneß bedeckt. Weit verteilt, im feuchten Schleier des Regens entrückt wie Fata Morganas, liegen die Warften mit ihren roten Ziegelhäusern und zur Linken auf der lange verlassenen Peterswarft der Leuchtturm in poetischer Selbstgenügsamkeit.
Geformt aus versunkenen Mooren
Die Wattenmeerschützer laden ihre Koffer auf einen Anhänger, der an einem Trecker hängt und fahren davon. Als sich das Motorengeräusch in der Weite verliert, hört man nur noch das Meer, das Schnattern der ziehenden Graugänse, den trillernden Gesang der Austernfischer und das "Kling" des eigenen Handys: "Wetterwarnung", steht da. "Am Abend und in der Nacht Sturmböen."
Auf dem Weg ins Hotel beginnt es zu regnen. Nebel steigt auf und Zweifel an der Wahl des Kurztripziels. Noch liegt die Fähre am Anleger wie eine letzte Rettung. Im Hotel riecht es nach warmem Apfelkuchen, schaumgereinigter Auslegeware und Geborgensein. Im Eingang hängen Ankündigungen von Veranstaltungen und die Telefonnummer des Halligtaxis, zu buchen am Vortag zwischen 8 und 18 Uhr, Fahrtkosten pro Zone: ein Euro. Darunter eine Karte von Langeneß mit farbig bemalten Zonen. Vier sind es, verteilt auf die zehn Kilometer Länge der Hallig.
Einmal ist auch der Dichter Detlev von Liliencron mit dem Dampfer auf die Halligen gefahren, hat die Überquerung jener Kulturlandschaft, die die zweite Marcellusflut 1362 zerriss und mit Mensch und Vieh verschlang, in seiner Ballade "Trutz, blanke Hans" beschrieben: "Noch schlagen die Wellen da wild und empört, wie damals, als sie die Marschen zerstört." Die sogenannten Uthlande - die Außenlande - wurden vernichtet, auf der die Friesen damals schon Acker- und Deichbau betrieben.
Zurück blieben die Inseln und Halligen und das Wattenmeer in seiner Formation, wie wir es heute kennen. Zurück blieb auch Langeneß, geformt aus versunkenen Mooren und vom Wasser angetragenen Sedimenten, durchzogen von Salzwassergräben, baumlos, erhebungslos. Das Land wird fast ein Dutzend Mal im Jahr überspült, fällt wieder trocken und dann erneut dem Meer anheim. Etwa hundert Menschen leben hier, hundert, deren Garderobe keine Abendkleider braucht, aber Gummistiefel, Öljacken und wollene Mützen gegen den Seewind.
Maulfaule Friesen? Manchmal nur ein Vorurteil
Auf dem Weg zum Leuchtturm saugt der nasse Boden die Schuhe ein. Weil es zu spät ist für die Halligtaxi-Vorbestellung bleibt nur die Inselerkundung zu Fuß. Die Straße führt lange geradeaus, dann nach rechts und wieder lange geradeaus. Der Blick reicht kilometerweit, nicht ein Menschen ist zu sehen, nur in der Ferne fährt ein Auto und verschwindet im Grau des Horizonts. Dass es auch belebtere Tage auf dieser Hallig gibt, davon künden lediglich Schilder: "Bei Gegenverkehr bitte hier halten."
Bei Kilometer sechs und der Kirchenwarft ist die Lust am Laufen vorbei. Draußen am Kirchenportal zeigen Linien die Wasserstände der Sturmfluten der Neuzeit an. In 100 Jahren, vielleicht schon in 50, wenn die Vorhersagen über den Anstieg des Meeresspiegels stimmen, könnte das Wohnen auf den Halligen unmöglich sein. Schon jetzt leistet man sich in Schleswig-Holstein, im nördlichsten Bundesland, ein Küstenschutzprogramm, das jährlich 30 Millionen Euro kostet. Auf den Halligen werden die Warften verstärkt, neue erbaut, die höher sind und breiter und dem Klimawandel trotzen sollen.
Man sagt den Friesen nach, sie seien maulfaul. Ein Menschenschlag, den der Kampf gegen das Meer, der träumerische Marschennebel karg und rau machte. Doch es ist wie mit manchem Vorurteil: Mal stimmt es, mal nicht. An diesem Abend ist das Hotelrestaurant so voll, als seien alle Bewohner der Hallig eingetroffen. "Gibt heute nur Grünkohl", wird dem Gast mitgeteilt.
Für die Abwesenheit kulinarischer Auswahl entschädigt die Geselligkeit der anderen Gäste. Bald ist man mitten drin.
"Bist du nur eine Nacht hier?", fragt einer, der über seinen roten Wangen eine Kapitänsmütze trägt.
"Ja."
"Oha. Das ist zu kurz. Warst schon mal hier?"
"Nee."
"Na so was."
Der Sturm kommt nicht
Später trifft eine plattdeutsche Theatergruppe von Föhr ein für die Aufführung von "Tante Adelheid", und alle Gäste strömen in den Saal. Zurück bleiben noch die Kellner und der Mann mit der Mütze. Der kommt nun mit zwei Schnäpsen und sagt: "Rück mal." Erzählt dann von der Seefahrt, von Kindheit ohne Strom und fließend Wasser, vom legendären Postschiffer Fiede Nissen und Wattführer Karsten Hansen, der alle Anekdoten aufschrieb, die man sich auf der Hallig so erzählt.
"Warst du nie woanders als hier?"
"Nee, warum denn? Brauch nix anners als hier."
Um 22 Uhr ist es mit allem vorbei. Die Theatergruppe eilt zum letzten Schiff, das sie durch die sternenlose Regennacht nach Hause bringt. Ein paar Zuschauer stehen noch draußen und rauchen. Der angekündigte Sturm, stellen sie mit Kennerblick fest, wird wohl nicht kommen.
Sie haben Recht. Am anderen Morgen ist es fast windstill. Nur die Nebel wallen, der Regen fällt. In der Ferne taucht die "Hilligenlei" auf und nimmt Kurs auf Langeneß.