Oktoberfest Massenbierhaltung
Eine Hand, fünf Liter
Foto: Johannes Simon/ Getty ImagesEinmal im Jahr.
Einmal im Jahr geschieht Unausweichliches, kommt der Sommer zu spät, der Winter nicht an. Einmal im Jahr wird Borussia Dortmund nur trauriger Zweiter und in München findet das Oktoberfest statt, die so genannte Wiesn, und überzieht die Stadt mit einem merkwürdigen Kokon aus Romantizismus und Massenbierhaltung.
Der Romantizismus besteht darin, mit seiner Familie tagsüber durch alternde Geisterbahnen mit defekten Gespenstern zu fahren, das Lachen der Kinder in für Bandscheibenvorfälle nicht förderlichen Rumpelbahnen zu hören und nonstop Blödsinn zu essen, als kriegte man es bezahlt. In Bayern aufgewachsene Personen freuen sich zusätzlich über Trachten, verschiedene Varianten von Traditionsgetute und eintausend ewige Bräuche, die aber alle vollkommen in Ordnung sind.
Man gibt den Kindern unvernünftig viel Losbudengeld, damit endlich auch sie leicht entflammbare Plüschtiere in gesetzlich verbotenen Farben besitzen. Und dann wäre da noch die so genannte "Oide Wiesn", ein relikthaftes Rückzugsgebiet mit Niveaugetränken und alten Karussells.
Wiesn-Impressionen: Romantizismus und Massenbierhaltung
Diese wirkt zwar bisweilen so, als hätte inmitten der Schinkenstraße plötzlich ein Antiquariat für Walter Kempowskis Gesamtwerk aufgemacht, ist damit aber der willkommene Antipode zu Grelllicht und Remmidemmi. Nur in diesem Jahr wieder nicht, wo die Tradition einer Ausstellung für dringliche Spezialbelange der Landwirtschaft weichen musste.
Mit einem Tagesbesuch auf dem Oktoberfest verhält es sich ansonsten wie mit einem Besuch auf einem verwunschenen Friedhof: Man ist besser weg, wenn die Zombies aufwachen (außer, man ist selbst ein Zombie). Denn ist München normalerweise eine strenge Dame mittleren Alters in sehr teuren, aber nicht immer sehr schicken Kleidern, fallen zum Oktoberfest über Nacht die Spaßvögel aller Herren Länder ein und gründen einen Verein.
Die Lingua Franca des Oktoberfests sind Dirndl und Lederhosen sowie der Hang zu Humpen und Hüpfen, und diese Sprache ist leicht erlernbar. Wenn es dämmert, werden alle Regler auf Fun gestellt, und auf geht es zu verschwitzten Ausuferabenden in den Festzelten. Der Erwin fasst wem auch immer von hinten wohin auch immer, vollkommen egal.
Nur hier haben auch die Sportfreunde Stiller noch die Möglichkeit, neue Anhänger für ihren grauenvollen Pupspop zu akquirieren, denn nur hier singen alle alles mit. Bisweilen geht es dann zwar nicht mehr um die Tracht, sondern eher um eine Tracht Prügel, aber herrje, so ist das halt manchmal, Burschi. Musst ja nicht mitmachen!
Und da ist was dran, denn wieso auf das Oktoberfest gehen, wenn man Menschenansammlungen, Spontanverbrüderungen und Distanzlosigkeit nicht auf seiner Seele Klingelschild stehen hat?
Andererseits, wenn man schon in München ist: Warum nicht?
Vielleicht geht es ja nur darum, einmal im Jahr zu gucken, ob Aufregung und Gegenwelt nicht doch etwas zu bieten haben. Denn wer am Rande der Tanzfläche steht, ist eben nur ein Nichttänzer und kein cooler Kluger. Man könnte also wenigstens eine Nachtwanderung für uns Randfiguren durch die wankenden Überreste des prallen Massenbierhaltungs-Lebens organisieren. Denn was gibt es nicht alles zu sehen!
Vor den Zelten stehen Frisurjugendliche und kommen nicht mehr rein. In den Zelten liegen wahre Männer und kommen nicht mehr raus. Im Käferzelt ist der ehemalige Fußballspieler Stefan Effenberg und hat reichlich schlechte Laune (erzählt man sich). Auf den Wegen küssen sich vollkommen Fremde entweder ihren Herzensriss sternschnuppenlang heil oder verabreden sich zum Wiedersehen irgendwo im Nirgendwo.
Panoptikum Wiesn: Das pralle Leben
Auf dem Kotzhügel kotzen Personen auf den Hügel, die Toilettenbediensteten haben mächtig zu tun im Revier, vollkommen geistesgestörte Fahrgeschäfte leuchten in der Nacht bengalisch schön.
Besucher, die einen im Tee (süddeutsch.: Krone) haben, erzählen bisweilen durchaus hochinteressante Sachen. Wie der Mann, der unaufgefordert mitteilt, dass er es grundsätzlich befürworte, dass man seinen Hintern abnehmen könne, denn der Hintern sei ja eine ziemlich dreckige Sache und müsse nicht überall mit hin. Anschließend kollabierte er, aber einen so neuen Gedanken hatte ich wirklich lange nicht gehört.
Ich bewundere die Polizisten und Sicherheitsleute und ihre Gelassenheit, ich bewundere die Kellner in den Zelten und ihre Muskelkraft, ich bewundere die Reinigungskräfte und ihre abgebrühte Freundlichkeit. Aus der Charakterstärke dieser Personen kann man der Welt eine wundervolle Allwetterjacke nähen. Selbstverständlich bewundere ich auch den Mann, der so gerne seinen Hintern abnehmen würde. Möge er bitte nicht zu hart gefallen sein, denn sonst vergisst er sein schönes Vorhaben noch.
Die Wiesn ist also die Schulter, an der sich die pure Vernunft nach Dienstschluss schon mal die Seele ausweint. Es gibt ödere Arten, seine Zeit zu verbringen.
Kommt also jemand vielleicht doch noch mit auf ein Bier, dem Leben etwas Vitalität in die alten Venen pusten? Das Morgengewitter will mit einem Abendrausch ja ausreichend vorbereitet werden. Haben wir zumindest mal gehört. Ein Prosit!
Gerrit Pohl & Anika Bergmann-Pohl