Always Happy Landings: Ein bisschen Angst gehört dazu
Foto: SPIEGEL ONLINEWir müssen mal über Angst sprechen. Ja, ich habe manchmal Angst vor dem Segelfliegen. Ich liege hin und wieder am Abend vor einem Flugtag im Bett und überlege, was alles passieren kann. Es kann nämlich immer was passieren. Das habe ich erst an meinem letzten Flugtag gesehen.
Ich kam erst gegen Mittag an den Platz. Meine Vereinskameraden wirkten bedrückt. Es fehlte einer der beiden Doppelsitzer, auf denen bei uns geschult wird. Und einer der beiden Lehrer fehlte auch. Er war zur Untersuchung im Krankenhaus, wie ich erfuhr, weil es am Morgen eine ziemlich harte Landung gegeben hatte. Eine ähnliche Landung, wie ich sie auch schon einmal erlebt hatte - nur diesmal wirklich hart, und nicht nur gefühlt.
Was war passiert? Als der Lehrer am Nachmittag aus dem Krankenhaus zurückkehrte, schilderte er die Ereignisse. Wir hatten an dem Tag ziemlich starken Wind, die Landungen waren anspruchsvoll. Aus irgendeinem Grund hatte er bei dem besagten Flug weniger Fahrtreserve, als bei den Böen im Endanflug gut gewesen wäre. Im Abfangbogen war die Fahrt dann plötzlich weg - und die ASK 21 sackte durch. Ihm und dem Flugschüler war nichts passiert, bei der ASK 21 nur die Fahrwerksverkleidung in Mitleidenschaft gezogen worden.
Erfahrung schützt nicht vor Fehlern
Trotzdem: Wie kann so etwas passieren? Einem so erfahrenen Fluglehrer? Derlei Fragen mit vorwurfsvollem Unterton sind schnell gestellt, vielleicht auch deshalb, weil sie von einer unbequemen Wahrheit ablenken: So etwas kann immer passieren. Und Erfahrung schützt nicht davor, Fehler zu machen. Im Gegenteil.
Ich habe in den letzten Monaten mehrere Abende damit verbracht, die Unfallberichte der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung zu Segelflugunfällen zu studieren. Ich wollte wissen: Was für Fehler machen Segelflieger? Und warum?
Die für mich erstaunlichste Erkenntnis aus dieser Lektüre: Nur wenige Unfälle werden offensichtlich durch Fluganfänger, also durch mangelnde Erfahrung, verursacht. Die Mehrzahl von versierten Fliegern. Sie suchen noch in Bodennähe nach Thermik, obwohl sie schon längst zur Landung angesetzt haben sollten. Oder vergessen, Ruder anzuschließen, weil sie beim Aufbauen des Fliegers kurz abgelenkt werden, und stürzen ab, weil sie das Flugzeug vor dem Abheben nicht noch einmal gründlich überprüfen.
Wenn man sich diese Unfallberichte durchliest, wirkt es eher, als mache Erfahrung schläfrig. Gleichgültig gegenüber der Gefahr, die das Segelfliegen birgt. "Es sterben mehr Menschen auf dem Weg zum Flugplatz als im Segelflugzeug" - mit Sprüchen wie diesem kann man das Risiko weglächeln. Aber ist das sinnvoll? Ist es nicht besser, ein bisschen Angst zu haben?
Ich zumindest möchte mir meine Angst bewahren. Es ist nicht die Form von Angst, die lähmt. Sondern die, die vorsichtig und achtsam macht. Deswegen behandele ich sie nicht wie einen Feind, den ich verjagen muss. Sondern wie einen Freund, der mich hoffentlich lange begleitet.