Andalusien Manche mögen's heißkalt
José hat nicht viel Zeit. In zwei Wochen geht sein Flug zurück nach Mozambique. Dort wohnt er. Und dort ist gerade Sommer. Daher will er jetzt bei seinem Heimaturlaub in Europa Winter, Schnee, Kälte und Eis erleben. "Um den Sommer in Afrika dann richtig genießen zu können", sagt er.
Auf mich wartet kein Sommer, den ich in zwei Wochen genießen kann. Meine Wohnung in Madrid hat keine Heizung und es ist kalt. Ich will Sonne, Strand und Meer. Und ich will auch nicht von hier aus mit dem Billigflieger nach Schweden, wie mein Freund José vorschlägt.
Aber Jóse Almuñécar will nicht von seinem Plan abweichen. Schnee muss sein. Eine schwierige Situation. Aber nicht unlösbar. Ein paar Stunden später steht der salomonische Kompromiss: Am Morgen werden wir baden und am Abend Schlitten fahren. Das geht, man muss nur wissen wo in Andalusien, in der Provinz Granada.
Granadas Sierra Nevada hat sowohl das größte Skigebiet als auch den höchsten Berg Spaniens zu bieten: Das Skigebiet bringt es auf stolze 86 Pisten und der Mulhacén auf 3479 Meter. Und dann heißt es, dass Granadas Strände auch noch das mildeste Klima der spanischen Halbinsel zu bieten haben. "Costa Tropical", die tropische Küste, heißt die Zone. Und der Name kommt nicht von ungefähr. Zwischen den Städtchen Almuñécar und Motril wachsen Avocados, Zuckerrohr und Mangos. Das Mittelmeer funktioniert hier als gigantische Klimaanlage und beschert der Küste milde Winter und angenehme Sommer. Die Sierra Nevada, die sich lediglich 50 Kilometer landeinwärts auftürmt, hält die kalten kontinentalen Winde ab.
Und deshalb sind wir jetzt hier. Auf einem Parkplatz an einem kleinen Strand, am westlichsten Zipfel der Provinz Granada. Gestern nacht sind wir von Madrid hierher gefahren und haben unseren treuen Lieferwagen mit Schlafgelegenheit todmüde hier geparkt.
9:45 Uhr:
Ein grandioser Ausblick. Langsam geht die Sonne über der Steilküste von Granada auf. Nur wenige Strände gibt es hier. Steil fallen die Felsen in das Mittelmeer. Die Temperatur: 15 Grad Celsius. Im Radio melden sie Schneestürme über der Sierra Nevada. Es wird Zeit für ein Frühstück und den ersten Programmpunkt: ein Bad im Mittelmeer. Dafür haben wir uns den Strand von La Herradura ausgeschaut, der etwas weiter östlich liegt. La Herradura ist das spanische Wort für Hufeisen.
Treffender konnten die Granadinos das perfekte Halbrund nicht benennen, das diese Bucht in der Nähe von Almuñécar formt. Leider haben auch schon die großen Baufirmen das Potential von La Herradura erkannt und die Flanken der Bucht mit wabenförmigen Appartements zugepflastert. Im Sommer ist es hier so voll, dass die Stadtverwaltung herrenlose Sonnenschirme einsammelt, um Platz für Neuankömmlinge zu schaffen. Jetzt allerdings ist es paradiesisch leer. Nur einige Schüler von der nahe gelegenen Gesamtschule "La Gaviota" rauchen heimlich Zigaretten am Strand.
10:15 Uhr:
Frühstück in der Strandbar "La Parilla" in La Herradura. Milchkaffee, Tomaten, Brot und Olivenöl. Vor dem Bad. Erinnerungen an Kaiser Barbarossa werden wach. Der sprang angeblich nach einem reichhaltigen Essen ins Wasser und wurde kurz darauf tot ans Ufer gespült. Laut José gibt aber nichts zu befürchten, wenn man nur schnell macht. "Man muss im Wasser sein, bevor die Verdauung einsetzt." In der Schule hat man mir etwas anderes erzählt.
10:45 Uhr:
In der Sonne ist es inzwischen richtig schön warm. Das Meer sieht aber irgendwie kalt aus. Beim ersten Sprung ins Wasser, bleibt mir kurz der Atem stehen. Eigentlich unverständlich. Jóse zeigt das Thermometer und das Thermometer zeigt 17,5 Grad Celsius Wasser- und 19 Grad Celsius Lufttemperatur.
Nordseetouristen würden bei diesen Bedingungen selbst im Hochsommer vor Freude Luftsprünge machen. Ist es also doch das Brot mit Olivenöl? Ich beschließe das Bad zu genießen und plötzlich geht es auch schon besser.
10:50 Uhr:
Im Hintergrund macht sich eine Gruppe Taucher auf, die Steilküste zu erkunden. In ihren dicken Neoprenanzügen sehen sie aus wie Robben. Robben bevorzugen kaltes Wasser und sonnen sich gerne auf Eisschollen. Mir wird plötzlich kalt. Ich schwimme ans Ufer und erkläre das Bad hiermit für beendet. Bei komfortablen 19 Grad kann ich meinen weißen Großstadtbauch immerhin schön an der Luft trocknen.
Der Weg in die Berge: Lesen Sie hier weiter
11:15 Uhr:
Im Auto. Es geht ein wenig weiter Richtung Osten die Küstenstraße N 340 entlang, bis Almuñécar in Sicht kommt. Plattenbauten an Nationalstraße. Der Verkehr staut sich. Das ehemalige Küstendorf könnte idyllisch sein, aber leider hat den langjährigen Bürgermeister Juan Carlos Benavides der Größenwahn gepackt. Bald soll die Autobahn von Málaga nach Almuñécar eröffnet werden und die Stadt hofft auf ungeahnte Touristenströme. Nur ein kleines Schild weist uns den Weg: A-4050 Jete, Otivar, den Berg im Delta des Río Verde hoch das ist unsere Straße. Wir lassen den Bauboom hinter uns und biegen in Richtung Landesinnere und in die Berge ab.
12:00 Uhr:
Haarnadelkurve und kuriose Verkehrsschilder: "Bitte hupen". Die schmale Straße auf das Hochplateau der Sierra Almijara lässt nicht viele Ausweichmöglichkeiten zu. Wir hupen brav, und hinter der nächsten Kurve lauert eine Überraschung. Schneeflöckchen und Schneereste! Und das auf ungefähr 800 Metern über dem Mittelmeer! Zur Sicherheit machen wir jetzt schon Schneebälle und Fotohalt. José ist ganz aus dem Häuschen. Eigentlich könnten wir schon wieder umkehren. Oder einen Gleitdrachen leihen und lässig ins Tal treiben. Oder in der Schlucht des Rio Verde eine kleine Wanderung machen. Aber keine Zeit. Sierra Nevada ruft. Wir wollen mehr Schnee!
12:45 Uhr:
Langsam neigt sich die Straße in Richtung Granada. José erzählt, dass diese Senke in der Nähe von El Padul "Suspiro del Moro", der "Seufzer des Mauren" heißt. Im Jahr 1492, auf der Flucht vor den Kreuzzüglern, soll sich hier der letzte maurische Herrscher von Granada, König Boabdil, noch ein letztes Mal nach seinem verlorenen Granada umgeschaut und geweint haben. Viel dürfte er nicht gesehen haben, die Stadt liegt immer noch weit entfernt.
13:00 Uhr:
In Granada ist kein Schnee gefallen. Die Stadt liegt in einer Senke zwischen der Sierra Almijara und der Sierra Nevada auf 662 Metern. Zu niedrig für Schnee, aber dennoch ist es kalt. "Weiterfahren", befiehlt José, und wir biegen auf die Umgehungsstraße Richtung Alhambra/Sierra Nevada. Der Himmel wird immer dunkler. Von der Sonne am Morgen am Strand kann man nur noch träumen. Die Autoheizung bläst aus allen Rohren. Warnend blinken die Verkehrshinweise über uns. Ab Kilometer 25 Schneekettenpflicht. "Hast du so was?", fragt mich José. Nein, natürlich nicht. Zum letzten Mal habe ich diese Dinger vor 20 Jahren in der Schweiz gesehen.
13:30 Uhr:
Ein findiger Tankstellenbesitzer hat die Zeichen der Zeit erkannt und wirbt mit Schlittenverleih und Schneekettenverkauf: "45 Euro", sagt die blonde, polnische Bedienung im schicken Schneedress. "Billiger?", fragen wir. "Billiger gibt's nicht", antwortet sie, und ihr Lächeln gefriert auf die Außentemperatur: Immer noch über Null, aber schon recht frostig. Wir verlassen den Laden und beschließen, es einfach mal so zu probieren. Es fängt an zu schneien.
13:45 Uhr:
Der Wagen schnurrt die Bergstraße hoch. Ein Schneepflug kreuzt unseren Weg. Die Warnschilder blinken hektischer, und der Asphalt wird immer weißer. José gibt eine Runde Schokoladenkekse aus. Wir mampfen schweigend. Am Straßenrand haben die ersten Autos geparkt, und ihre Insassen versuchen, die Schneeketten zu montieren. Alle haben sie einen Plan in der Hand, stampfen unglücklich den Frost aus den Füßen und versuchen, das Eisen um ihre Pneus zu wickeln. Wir fahren einfach an ihnen vorbei. Ein Hochgefühl.
Das Problem hat einen Namen: Schneeketten! Lesen Sie hier weiter
14:00 Uhr:
Der Wind treibt die Schneeflocken waagerecht durch die Luft. Wir passieren ein Schild, das 1800 Höhenmeter anzeigt. Die Reifen unseres Lieferwagens fangen an zu schlingern. Nervosität stellt sich ein. Ein besonders Geschäftstüchtiger hat sich an den Straßenrand gestellt und bietet die begehrten Ketten an. "60 Euro." Wir beschließen, den Preistreibern ein Schnippchen zu schlagen, umzukehren, und in einem Hyper-Supermarkt in Granada auf Kettenschau zu gehen.
14:45 Uhr:
Es gibt offensichtlich einige, die die gleiche Idee hatten. Im Carrefour ist der Schneekettenstand geplündert. Aber wir finden einen Satz für 24 Euro TÜV-geprüft beglückwünschen uns, investieren den Gewinn in Fast-Food und einen Billigschlitten "Made in Germany" und sind sofort wieder Richtung Skistation unterwegs wir wollen ja schließlich noch etwas vom Schnee haben.
15:30 Uhr:
Wieder am 1800-Meter-Schild angekommen. Wir stellen wir unser Auto ab und machen uns an die Montage. Ich lese den Plan, José montiert. Die Beschreibung ist auf Chinesisch und die Zeichnung hieroglyphisch. Die Hände werden kalt. Schnee rieselt in den Kragen, und irgendwie klappt es nicht. Die Kette hängt am Reifen wie die Haut am Körper eines Übergewichtigen nach erfolgreicher Diät. Uns schwant, dass es eventuell unterschiedliche Größen geben könnte. Der Schneekettenverkäufer heißt Gonzalo, bestätigt uns unsere Vermutung und grient: "Wenn ihr wollt, ich habe die Richtigen. 60 Euro." Wir bedanken uns freundlich und fahren wieder zurück nach Granada - Ketten tauschen.
16:15 Uhr:
Die Verkäuferin im Supermarkt ist nett und gibt uns neben den richtigen Ketten noch einen Tipp. "Bleibt aber lieber unten - die Skistation schließt in einer Stunde, und außerdem seht ihr im Augenblick dort oben nur Nebel." Ein gutes Argument. Wir beschließen, dass wir immerhin teilweise Erfolg hatten Schnee und Bad an einem Tag und die Skifahrt auf morgen zu verlegen.
17:30 Uhr:
Für rund 1,70 Euro gibt es in Granadas Kneipen zu jedem kleinen Bier eine Tapa. In der Bar Calle Elvira legen sie sogar Hamburger, Pfannkuchen oder Paella zu dem Bier. Das schlechte Wetter hält an, aber uns ist das inzwischen egal. Wir trinken uns erst einmal satt. Morgen soll es schön werden.
Die A 4050 nimmt in Almuñécar in der Provinz Granada ihren Anfang und schlängelt sich etwa 60 Kilometer bis in das nahe Granada gelegene Padul hinauf. Dort die Abzweigung auf die A44 Richtung Granada nehmen und nach 34 Kilometern bei der Ausfahrt 132 auf die Umgehungsstraße Richtung Sierra Nevada und Alhambra abbiegen. Von hier aus geht es auf der A 395 31 Kilometer hinauf zu dem Skigebiet "Sierra Nevada". Schneebericht und Wettervorhersagen im Internet.