Ascona: Aufbruch am Lago Maggiore - DER SPIEGEL
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Acona: Platz für alle

Foto: TMN

Ascona Aufbruch am Lago Maggiore

Ein Ort erfindet sich neu: Anfang des 20. Jahrhunderts lockte das Fischerdorf Ascona am Lago Maggiore Aussteiger und FKK-Freaks an, dann besiedelten zahlungskräftige Rentner den Urlaubsort. Jetzt mischen findige Unternehmer mit trendigen Restaurants und Szenebars das Städtchen neu auf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ascona - Erst kamen die Aussteiger nach Ascona, dann die Rentner, jetzt ist es das internationale Lifestyle-Publikum. Der Schweizer Urlaubsort am Lago Maggiore erlebt eine Renaissance: Das Fischerdorf am Fuße des Monte Verità, auf dem Aussteiger am Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kolonie für Weltverbesserer, Vegetarier und Anhänger der freien Liebe gründeten, erfindet sich mal wieder neu.

Der Unternehmer Stefan Breuer, der junge Starkoch Ivo Adam und einige Verbündete wie der Hotelier Philippe Fruttiger mischen den Ort in der Südschweiz auf. "Breuer und seine Mitstreiter haben Ascona aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst", sagen die einen. "Er vergewaltigt Dornröschen", schimpfen dagegen lärmempfindliche Ruheständler.

Anders als die meisten der etwa 70 Millionäre in dem 6000-Einwohner-Städtchen setzte sich der 51-jährige Breuer am "Berg der Wahrheit" nicht einfach zur Ruhe. An der von altbackenen Lokalen gesäumten Seepromenade eröffnete er trendige Restaurants und eine coole Bar. "Seven" heißt die Kollektion - nach Breuers Familie, die mit seinen fünf Kindern auf insgesamt sieben Köpfe kommt.

Zu den Lokalen gehören die Sea-Lounge-Bar am Seeufer und das Flaggschiff der Kollektion: Seven - ein Gourmetrestaurant mit weltstädtischem Design. Der Laden ist voll, obwohl die Preise hoch, die Portionen klein und manche Gerichte mittelmäßig sind.

Am anderen Ende der Uferpromenade liegt das bodenständigere "Seven Easy", in der Altstadt das "Seven Asia", und eine "Seven"-Disco ist auch in Planung. "Grandissimo!" jubelt das Partyvolk im Tessin - nervend finden es so manche Rentner. Breuer ficht das nicht an. Er geht seinen Weg - und wenn möglich barfuß. Mit diesem Markenzeichen hätte er bestens zu den Aussteigern auf dem Monte Verità gepasst, die die Asconeser "Balabiott" nannten, "Nackttänzer".

"Wir Tessiner sind speziell"

In der Zeit um 1900 gründete der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven die Kolonie, deren Mitglieder gerne nackt über die Wiesen des 300 Meter hohen Bergs tanzten, um den bürgerlichen Zwängen zu entfliehen. "Seltsame Leute", sagt Marina Guzmàn-Metzger. "Aber wir Tessiner sind auch speziell und immer extrem", erzählt die Frau aus Ascona beim Bummel durch die Gassen zum See, wo gerade das Schiff aus Locarno festmacht. "Deshalb passten die Aussteiger eigentlich ganz gut zu uns, so wie vielleicht jetzt auch Herr Breuer."

Der Gegenwind flaut langsam ab. "Viele haben gemerkt, dass sie von uns profitieren", erklärt Ivo Adam. Bislang sorgte vor allem das Jazzfestival im Sommer für Schwung und internationales Flair. Ansonsten döste die "Perle des Lago Maggiore", wo Paparazzi einst Weltstars wie Brigitte Bardot und Herbert von Karajan ablichteten, nur noch vor sich hin. Und trotz des mediterranen Flairs und seiner 2600 Sonnenstunden im Jahr wurde Ascona immer teutonischer. "Man spricht Deutsch" muss hier niemand mehr an die Ladentür schreiben.

Umgeben von italienischen Nachbarn, ist Ascona fest in deutscher und deutsch-schweizerischer Hand. Da war es kein Wunder, dass die deutsche Nationalelf während der Fußball-EM 2008 ins Luxushotel "Giardino" zog. Geblieben sind von den Vize-Europameistern ihre in Metall gegossenen Fußabdrücke an der Uferpromenade. "Sein Comeback verdankt der Ort aber auch ein wenig der DFB-Elf", meint Hotelier Fruttiger.

Reisfeld im Maggia-Delta

Auch er hat sein Hotel verjüngt und neuen Schwung in die Küche gebracht: Im Restaurant "Ecco" regiert der jüngste Sternekoch der Schweiz, Rolf Fliegauf, mit experimenteller Küche. Damit eroberte der 28-Jährige einen Michelin-Stern und sogar das ältere Stammpublikum.

Hinter der Postkartenidyll-Fassade werden auch andere Asconeser immer experimentierfreudiger: So legten sie für ihr geliebtes Risotto im Delta des aus dem urwüchsigen Maggia-Tal kommenden Gebirgsflusses eines der nördlichsten Reisfelder der Welt an. "Was anfangs wie eine fixe Idee klang, ist heute ein Verkaufschlager", erzählt Direktor Renato Altrocchi vom Gut Terreni alla Maggia. Der Weinmacher Angelo Delea wiederum baute als erstes Tessinerweine in französischen Barriquefässern aus und produziert so heute große Merlots.

Wem der neue Trubel zu viel wird, flüchtet auf den Monte Verità, wo nur das renovierte Bauhaus-Hotel belebt zu sein scheint. Rund um das in einem Zen-Garten gelegene Teehaus herrscht dagegen magische Ruhe. Hoch über Ascona und den Brissago-Inseln im silbrig schimmernden Lago Maggiore ist auf dem Berg der Wahrheit Platz für alle: die Aussteiger, die Rentner und das neue Lifestyle-Publikum.

Bernhard Krieger, dpa

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