Basilikata: Die Zukunft ist Rot - DER SPIEGEL
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Basilikata Die Zukunft ist Rot

Sorgenkind und unbekannte Schöne zugleich: die Basilikata im Süden Italiens. In der armen Region zwischen Apulien und Kampanien ist noch viel zu entdecken, etwa den wilden, schweren Rotwein Aglianico del Vulture. An seiner Qualität feilen eine Reihe aufregender Weingüter.
Von Jens Priewe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Beste an der Basilikata sei die Autobahn nach Bari, spotten die apulischen Nachbarn. Ausgerechnet Bari, diese graue, laute Hafenstadt an der Adria! Müssen sich die Menschen in der Basilikata solchen Hochmut gefallen lassen?

Rino Botte hat, als er die Autobahn verließ, das Lächeln im Antlitz der Basilikata gesehen, dieser verschwiegenen, zwischen Apulien und Kampanien eingeklemmten Region, ihre fast weltfremde Schönheit - und nicht nur die brutale Hässlichkeit, die Müllkippen, die menschenleeren Dörfer, die neuen Wohnsilos am Rande zerfallender Städte. Er hat die Menschen gesehen, den Stolz in ihren Gesichtern. Die Würde, mit der sie die demütigende Rückständigkeit, die Armut, die Hoffnungslosigkeit ertragen. Nicht einmal die Wut ist hier vulgär, anders als im Norden Italiens, wo er herkam, und anders als in Bari.

Die Stadt, aus der Rino Botte stammt und in die er vor neun Jahren zurückgekehrt ist, heißt Barile. Sie liegt am Fuß des Monte Vulture, eines erloschenen Vulkans. Auf seiner Nordseite ist der Berg mit dichten Kastanienwäldern überzogen, an den anderen Flanken finden sich Olivenhaine. Kirschbäume, Wiesen, Getreidefelder. Und Weinberge. In ihnen wächst ein wilder, schwerer Rotwein, von dem manche behaupten, er sei der Barolo des Südens.

Dabei hat der Aglianico del Vulture mit einem Barolo so viel gemeinsam wie eine bistecca Fiorentina mit einer venezianischen Leber. Die Aglianico-Rebe kam vor 2500 Jahren von Euböa nach Italien. Die Griechen verstanden etwas von gutem Wein, den Römern war Getreide wichtiger, besonders in Lukanien, wie sie die Basilikata nannten. Da aber Getreide auf vulkanischen Böden schlecht wächst, ließen sie die Rebstöcke am Monte Vulture stehen; so konnte die Aglianico-Traube überleben. Heute, da autochthone Sorten wieder modern sind, wird sie in ganz Süditalien angebaut. "Aber nirgends", betont Rino Botte, "ergibt sie einen so charaktervollen Wein wie an den Hängen des Monte Vulture."

Von Essen und Trinken versteht er etwas. Im norditalienischen Cremona führte er zwei erfolgreiche Restaurants. Das eine war die legendäre Trattoria "Da Botte", in der die Gäste an langen Tischen saßen und gemeinsam schmausten: Busfahrer neben Filmsternchen, Außenminister neben Buchhalter. Das zweite hieß "Ceresole" und war in den 90er Jahren ein Treff für Gourmands und Weinverrückte. 1998 zog es Rino Botte wieder in den Süden, den er als 22-Jähriger verlassen hatte. In einem alten Palast am Rand von Barile eröffnete er ein kleines Hotel und ein Restaurant, die "Locanda del Palazzo". Es ist das beste der Basilikata, das Hotel das eleganteste.

Dunkel wie Tinte und muskulös

"Was mich bewogen hat, wieder hierher zurückzukommen?", Rino Botte legt die Stirn in Falten und denkt nach. "Ich glaube, dass die Zukunft in der Basilikata liegt. Sie ist ein reiches Land. Sie hat fruchtbare Böden, saubere Luft, hervorragendes Wasser und eine schwierige, aber dankbare Rebsorte. Alles zusammen findest du im Norden selten." Was die Rebsorte und den Wein angeht, der aus ihr erzeugt wird, hat er schnell eine Flasche als Beleg zur Hand: ein dunkelroter Tropfen, beerenfruchtig mit röstigem Unterton, viel rauem Tannin, hochkonzentriert. Lucia, seine Frau, serviert dazu rosa gebratenes Rindermedaillon; sie ist die Küchenchefin. "Der Wein", bekennt Rino Botte, "ist noch weit von der Perfektion entfernt. Aber für den Anfang geht es." Er reicht die Flasche herüber. "Macarico" steht auf dem Etikett. "Das ist die Lage." Und wer stellt den Wein her? "Ich."

Abends kommt Michele Cutolo in die "Locanda", ein Arzt und Gastroenterologe aus Barile. "Stimmt", ergänzt er den Gedanken seines Freundes Rino Botte, "beim Aglianico gibt es noch viel zu tun. Aber ein bisschen was haben wir in den letzten Jahren auch schon zustande gekriegt." Mit diesen Worten stellt er eine Flasche seines "Basilisco" auf den Tisch, um dann von den Tücken des Arztberufs und seiner Lust und Leidenschaft für den Wein zu schwadronieren. Der "Basilisco" entpuppt sich als muskulöser, hochfeiner Wein von disziplinierter Fülle, trotz einer gewaltigen Tanninlast.

Später kommt auch Vito Paternoster ins Lokal. Der Enddreißiger verkörpert als jüngster Sohn der Paternoster-Familie die dritte Generation einer Weindynastie am Monte Vulture. Die zweite ist 86 und arbeitet im Weinberg: sein Vater Pino. Von der ersten ist nur das schmiedeeiserne Schild übrig, das über dem alten Keller in Barile hängt, "Paternoster Anselmo" steht darauf. Nach dem Gründer hat die Familie ihr Spitzengewächs benannt, den "Don Anselmo". Ein barocker Wein, voll mit Aromen von Wild, Lakritz, Schokolade und Likörkirsche, das Gegenstück zum "Basilisco". Sogar die verwöhnten Kritiker in Rom und Mailand haben den "Don Anselmo" hoch gelobt.

Italienischer Winzer aus Venezuela

Seither gilt Paternoster als bestes Gut der Region. Die 130.000 Flaschen sind binnen Jahresfrist verkauft, und die Nachfrage steigt. Vito und seine vier Geschwister wollen wachsen. Neue Weinberge haben sie schon angelegt, und da, wo die Schnellstraße nach Potenza, der Hauptstadt der Basilikata, die Olivenhaine durchschneidet, steht ein neuer Keller aus Glas, Stahl und Beton. Aber längst nicht alles, was aus den Tiefen ihrer Felsgrotten kommt, hat "Don Anselmo"-Qualität. Paternosters Basiswein "Synthesi", der 80 Prozent der Produktion ausmacht, ist ein ziemlich wilder, rauer Tropfen.

Auch gegen den "Don Anselmo" ließe sich einwenden, dass für seine Üppigkeit die Frische geopfert wird. Vito und seine Brüder wissen das, und sie haben den besseren Aglianico auch schon in der Flasche. "Rotondo" heißt er, ein Wein, der Opulenz mit sauberen, frischen Aromen verbindet. "Besserer Wein, das hört Vito nicht gern", flüstert Rino Botte, "sag einfach: anderer Wein."

Jenseits der Schnellstraße wohnt ein anderer Freund von Rino Botte: der Berufsschullehrer Salvatore Fucci. Auch er zieht Reben. Sie stehen um das Haus, da, wo andere ihre Blumenrabatten haben. Seine Eltern haben sie nach der Rückehr aus Venezuela gepflanzt, wohin die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Hunger auswandern musste. Vor ein paar Jahren hat Fucci die Weinberge auf sechs Hektar vergrößert. Seither behält er im Herbst die Trauben für sich und produziert seinen eigenen Wein, einen Aglianico der anderen Art: "Elegant", "weich", "komplex", "mit Eukalyptus- und Minzenoten", so hat ihn Fuccis Tochter Elena fachgerecht beschrieben.

Die letzten Aglianico-Trauben hängen bis Dezember

Sie hätte auch sagen können: "ohne Überreife", "ohne ledrige Noten", "ohne den Geruch von angebranntem Gummi". Die 27-Jährige studiert an der Weinbauschule in Pisa. Der Vater sehnt ihre Rückkehr herbei, den Betrieb hat er ihr schon überschrieben. "Wein ist unsere Zukunft", ist er überzeugt, "aber in höherer Qualität als in der Vergangenheit." Sein Wein heißt "Titolo", und obwohl es erst ein paar Jahrgänge von ihm gibt, wird die Flasche schon für 35 Euro verkauft.

Der Aglianico ist eine spätreife Sorte. Die letzten Trauben werden trotz südlicher Sonne erst im November geerntet. Beim Weingut Le Querce hängen sie manchmal sogar bis Dezember. Das Resultat ist der "Vigna della Corona". Einerseits aristokratisch streng, hüllt er andererseits den Genießer in eine Wolke von Wohlgeschmack ein. Er zählt zum Besten, was die Basilikata, ja ganz Süditalien hervorbringt. Aber er hat auch seinen Preis: rund 50 Euro. Der "Rosso di Costanza", der zweite Spitzenwein von Le Querce, ist nur halb so teuer, aber von dieser Klasse auch ein ganzes Stück entfernt. Und der Standard-Aglianico "Il Viola" für zehn Euro ist ohne Fehl und Tadel, aber spröde und sperrig. "Der Aglianico ist eine schwierige Rebsorte", räumt Leonardo Pietrafesa ein, der 50-jährige Besitzer. "Ich habe keine Lust, ihn zu vergewaltigen und einen leckeren Allerweltswein aus ihm zu machen."

Etwa 60 Güter gibt es im Anbaugebiet des Aglianico del Vulture. Wenige arbeiten professionell, die meisten dilettieren fröhlich vor sich hin. Ihre Weinberge sind Rebenverhaue, und um die Gerätschaften im Keller würden sich Museen reißen. Dennoch nimmt die Zahl der Kellereien, die ordentliche Weine erzeugen, zu. Terra dei Re, ein auch architektonisch auffälliges Gut in Rionero, wartet mit geschliffenen Tropfen auf. Fein und geradlinig sind die ersten Weine des ehrgeizigen Antonio di Palma (Cantine di Palma). Der junge Arcangelo Giannattasio (Arca) hat gerade mit einem tadellosen 2005er debütiert. Vigne di Mezzo. ein Ableger des Großguts Feudi di San Gregorio aus Kampanien, erzeugt schon seit ein paar Jahren mit sicherer Hand Weine, wie internationale Verkoster sie lieben.

Antipasti, primi und secondi im fliegenden Wechsel

Die aufregendste Neugründung der letzten Jahre ist jedoch die Cantine del Notaio. Dabei haben ihre Produkte, die erst seit 1998 abgefüllt werden, eigentlich viele Attribute, die moderne Weintrinker abschrecken. Das Bouquet ist alles andere als knackig frisch. Einige Exemplare wirken klobig, andere lassen Eleganz vermissen und sind im Abgang bitter wie dunkle Schokolade. Doch irgendwie sind sie in sich stimmig - zumindest als Gegenentwurf zur standardisierten Spitzenqualität all jener Rotweine, die durch die Hand toskanischer Wanderönologen gegangen sind. "Der Önologe bin ich selbst", versichert Gerardo Giuratrabocchetti.

Punkt ein Uhr mittags rasseln in Rionero die eisernen Rollläden der Geschäfte herunter. Die Straßen leeren sich. Der Verkehr versiegt. Die Menschen fliehen das schmerzhaft helle Licht und ziehen sich in die Kühle ihrer vier Wände zurück. Im "La Pergola", dem einzigen Restaurant des Ortes, ist dann Hochbetrieb. Die Kellner flitzen durch den Speisesaal und servieren in fliegendem Wechsel Antipasti, primi und secondi sowie krügeweise Wasser. Eine Hausfrauenküche, nie exzellent, garantiert überraschungsfrei. Aber alles, was es an lokalen Spezialitäten gibt, kommt hier auf den Tisch: eine wilde Zwiebelart namens lampascioni, ein Brokkoli-artiges Gemüse namens cima di rape, frischer Ricotta und jede Menge Pasta mit Namen wie lagane, cavatelli, strascinati.

Im "La Pergola" speist Donato D'Angelo, engagierter Verteidiger des traditionellen Aglianico del Vulture. Vor 25 Jahren, als die meisten hinter dem Namen Basilikata ein mediterranes Gemüsegericht vermuteten, tauchten seine Weine bereits in Deutschland auf. Jetzt ist er 54 Jahre alt. Aber der Stil seiner Weine hat sich wenig geändert. Sein Spitzenprodukt "Valle del Noce" ist knochig, sein einfacher Aglianico riecht wie der Reifen eines Ferrari nach der Vollbremsung: Verbranntes Gummi, rümpfen die Weinkritiker die Nase. D'Angelo widerspricht: "Ein Aglianico ist kein Softdrink. Er muss ernst und streng sein. Wer ihn entschärft, bekommt einen banalen Wein."

Ungeschlagen bei einfachen Weinen

Die Grenzen des Anbaugebiets für den Aglianico del Vulture sind weit gezogen. Auch die alte Stadt Venosa gehört dazu, obwohl sie mehr als 20 Kilometer vom Monte Vulture entfernt liegt. Über sie gibt es dreierlei zu erwähnen: den römischen Dichter Horaz, Begründer der lateinischen Lyrik, der hier geboren wurde, den edlen weißen Granit aus Trani, mit dem die Altstadtgassen gepflastert sind, und die Cantina di Venosa, eine tüchtige private Kooperative von 500 kleinen Winzern. Sie steht für 65 Prozent der gesamten Produktion an Aglianico del Vulture. Die Weine? An den höherwertigen Qualitäten feilen die Venöser so emsig wie einst Horaz an seinen Madrigalen. Aber bei den einfachen Weinen sind sie unschlagbar. Mehr Aglianico für sechs beziehungsweise acht Euro als bei ihren Einstiegsweinen "Vignali" und "Terre di Orazio" ist kaum denkbar.

Auch andere Güter können ihren Aglianico preiswerter anbieten als die Konkurrenten direkt am Monte Vulture. Woran liegt das? Zunächst ist es hier wärmer. Die Trauben reifen leichter aus, es sind höhere Erträge möglich. Außerdem bestehen die Böden in Venosa aus Sand und aus Lehm, Vulkangestein ist selten. Darum besäßen, behaupten Kritiker, die Weine weniger Struktur und weniger Duft. "Uralte Vorurteile", winkt Fabrizio Piccin ab, ein aus der Toskana zugewanderter Neuwinzer. Er hat wenige Kilometer hinter Venosa sein Gut Grifalco gegründet. "Wenn ich will und die Erträge reduziere, gibt die Aglianico-Rebe mir auch hier einen großen Wein." Der erste Jahrgang seines "Bosco del Falco" lässt ahnen, was er meint. Dabei ist es nur sein zweiter Wein. Der Spitzenwein schlummert noch im Keller.

Ein Koch für Pasta und Sushi

Noch weiter entfernt vom Monte Vulture liegt Genzano, ein verschlafenes Dörfchen tief im Hinterland der Basilikata. Dort hat der leutselige Önologe Oronzo Alò drei Garagen angemietet, in denen er mit neuester Technik tadellose, in der Spitze sogar begeisternde Weine erzeugt. "Die Qualität ist da", sagt er, "wir müssen jetzt raus aus der Anonymität."

Was das angeht, hat Mario Bisceglia keine Befürchtungen. Bevor er sein neues Weingut anlegte, hatte er erfolgreich Salami, Mozzarella und Illy-Kaffee vermarktet. Warum sollte so einer mit Wein scheitern? Inmitten der endlosen Weizenfelder um die Stadt Lavello hat er Reben gepflanzt und einen modernen Keller gebaut, entworfen von einer japanischen Designerin. Die Businesspläne sind fertig. Derzeit fehlt noch ein Koch, der außer Pasta und Lamm auch Sushi zubereiten kann - für internationale Gäste und Kunden.

Bisceglias Markt ist die Welt. Sein Bester, die 2001er Aglianico del Vulture Riserva, ist imposant, aber nicht billig, während die Basisweine seines Portfolios günstig, aber wenig aufregend sind. Bisceglia, der Fuchs, wittert seine Chance irgendwo in der Mitte, wobei sein Vertrauen in die Sorte Aglianico begrenzt ist: Er möchte ihr Merlot und Syrah an die Seite stellen. "Wir werden allen Zweiflern beweisen", sagt er im Brustton der Überzeugung, "dass wir hier in der Basilikata gute und preiswerte Weine produzieren können."

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