Belgien: Zeitreise durch Wallonien - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Belgien Zeitreise durch Wallonien

Trutzige Burgen und elegante Schlösser säumen das Tal der Maas. Japanische Hochzeiten gibt es hier ebenso wie Hauskonzerte mit der Schloßherrin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Baron Axel L. Marie-Josèphe Bonaert kennt die Highlights im Garten von Schloss Freyr bei Dinant. "Hier ist der allerschönste Platz", sagt der Schlossherr und lenkt die Augen der Besucher hinunter zum nahen Maas-Fluss. Noch bedeutender sei der optische Trick unterhalb des Gartenschlösschens: "Durch die Winkel, Ecken und den Abhang zur Maas erscheint das Grün viel weitläufiger als in Wirklichkeit."

Schloss Freyr aus dem 16. Jahrhundert vereint die Stile Barock, Renaissance und Klassizismus und zählt zu den Edelsteinen unter den Schlössern und Burgen in Wallonien links und rechts der Maas. Über viele Jahrhunderte war die heutige Provinz Namur, einst im Herzen des alten Europa gelegen, wegen ihrer zentralen Lage der Zankapfel zwischen Herrschern aus Spanien, Frankreich, Österreich, Spanien und den Niederlanden. Mehr als ein Dutzend Burgen und Schlösser dienen heute als Ferienwohnungen, Bed-and-Breakfast-Unterkünfte oder noble Hotels - das "Château de Limont" kann von den Gästen sogar mit dem Hubschrauber angeflogen werden.

Elegante Schlossanlagen und düstere Ritterburgen

Einige der Schlösser, wie etwa Franc-Waret in der Nähe von Fernelmont, öffnen ihre Pforten nur einige Male im Jahr für Besucher. Doch für Gartenfreunde lohnt der Abstecher in das Hügelland nordöstlich von Namur in jedem Fall: Am Ende einer 400 Meter langen Allee aus hundertjährigen Eichen und Buchen öffnet sich der Blick weit auf die Schlossanlage im Stil Ludwig XV.

Den krassen Gegensatz zum eleganten Franc-Waret bildet die düstere Ritterburg in Vêves-Celles. Im Mittelalter auf steilem Felsen errichtet, galt die Festung lange als unbezwingbar. Einige Mauern wie der dicke Festungsturm stammen bereits aus dem zwölften Jahrhundert.

Der "Liebesbrunnen" erfüllt Wünsche

Nur eine halbe Autostunde entfernt verbreitet Annevoie verspielte Heiterkeit. Fast 70.000 Besucher pro Jahr reisen in das Seitental der Maas, jedoch nicht wegen des Schlösschens selbst, sondern wegen der Wasserkunst im Schlossgarten: Von überall her sprudelt und plätschert es zwischen dem Grün gepflegter Wiesen und den 200 Jahre alten Rotbuchen. Kühles Nass ergießt sich aus mehr als 50 kleinen und kleinsten Fontänen, Wasserfälle stürzen herab, manche Springbrunnen sehen aus wie das Rad eines Pfauenvogels. Alles Wasser sprudelt und springt ohne Pumpen, denn die Gartengestalter nutzten die Kraft der Quellen und das natürliche Gefälle des Rouillon-Baches.

Von 1758 an bis in das 19. Jahrhundert hinein ließen die Herren von Annevoie, die Industriellenfamilie de Montpellier, den 28 Hektar großen Garten teils im italienischen, teils im französischen und teils im englischen Stil anlegen. "Es gibt Besucher aus Amerika, die kommen zu uns, um sich auf diese Weise den Abstecher zu berühmten Gärten in Italien zu sparen", sagt Monique Goosens, die Gäste aus aller Welt durch den Park führt. Dabei verweist sie in einem Laubengang dichter Buchenhecken geheimnisvoll lächelnd auf den "Liebesbrunnen": "Wer das Wasser in seiner Hand spürt, der hat nach alter Überlieferung einen Wunsch frei..."

Japanische Hochzeiten in belgischen Schlössern

Ob aus diesem Grund so viele Japaner unter den Besuchern sind, ist nicht bekannt. Zu den Schlössern an der Maas reisen sogar Brautpaare aus dem Land der aufgehenden Sonne, um in fürstlichem Ambiente ihre Hochzeit zu feiern. "Während des vergangenen Jahres hatten wir 28 japanische Hochzeiter auf Schloss Modave", sagt Renée van Beneden, die in dem Bauwerk die Feierlichkeiten vorbereitet. In 80 Sälen wird der Glanz höfischen Lebens deutlich, 21 davon können Besucher bestaunen. "Der Erbauer, Graf Jean Gaspar Ferdinand de Marchin, wollte für sich ein kleines Versailles schaffen", sagt van Beneden.

Zum Speisen zieht es viele Gäste im Lessetal zum mittelalterlichen Château Lavaux-Sainte-Anne, hinter dessen dicken Rundtürmen sich ein Jagd- und Naturkunde-Museum verbirgt. Im Schlossrestaurant lassen sich Feinschmecker von Meisterkoch Eric Martin verwöhnen.

Die schönen Künste der Musik wiederum spielen die Hauptrolle auf Château Les Beaux Arts in dem Dorf Ronzon bei Marche-en-Famenne. Seit 1998 ist die Pianistin Lisa van Muylecom aus den Niederlanden Besitzerin des Schlösschens. In den altertümlich eingerichteten Räumen beherbergt sie bis zu 25 Gäste. Im Salon laden eine Hausorgel aus dem Jahr 1760 und ein Steinweg-Flügel zum Musizieren.

Schon zum Frühstück erklingt Bach von der CD durch die Salons, und nach dem Dinner spielen so manches Mal die Musiker unter den Gästen zusammen mit der Schlossherrin Klassisches. "Musik mit Hotelatmosphäre, dazu ein 100 Jahre altes Schlösschen und viel Ruhe in der grünen Natur" - diese Mischung, so sagt Lisa van Muylecom, sei "eine ideale Kombination zum Ausspannen für gestresste Zeitgenossen."

Von Bernd F. Meier, gms