Berlin Panorama auf Schienen
Berliner, die moderne Verkehrsmittel glatt und seelenlos finden, müssen sich keinen Oldtimer kaufen. Sie nehmen einfach die S-Bahn. Rund ein Drittel des S-Bahn-Fuhrparks der Hauptstadt hat das Ende des Zweiten Weltkrieges noch miterlebt.
Die Züge mit ihrer angedeuteten Tropfenform, den Signal-Bullaugen und der gelb-schwarz-roten Lackierung präsentieren sich weitgehend im Originalzustand. Der älteste ist seit mehr als 70 Jahren ununterbrochen im Einsatz.
Auch wenn die Eisenbahner das Durchhaltevermögen mit Stolz erfüllt, droht den Zügen jetzt die Verschrottung. In den kommenden fünf Jahren sollen die Wagen komplett durch moderne Modelle ersetzt werden - nur einer nicht: Die Panorama-S-Bahn soll als Aushängeschild des öffentlichen Nahverkehrs weiter ihre Kreise ziehen.
In knapp zweijähriger Bauzeit wurde der Zug aus dem Jahr 1943 zum sightseeinggerechten Schmuckstück umgebaut. Die äußere Erscheinung und das typische Rattern blieben weitgehend erhalten. Im Inneren erinnert aber nicht mehr viel an den ursprünglichen Verwendungszweck.
Wo vorher Bänke nur Minimalkomfort boten, machen sich jetzt 65 rote Pullman-Sessel breit, die zudem um 180 Grad gedreht werden können. Der durchgängig begehbare Zug verfügt über eine Bar, eine Klimaanlage und eine behindertengerechte Toilette. Das wichtigste Extra aber ist durchsichtig und eine Spezialanfertigung aus der Schweiz: die Panorama-Verglasung.
Sie gibt den Insassen freien Blick auf die Sehenswürdigkeiten, die der Zug auf seinem einstündigen Weg passiert. Dazu zählt der Reichstag ebenso wie die Museumsinsel oder der Flughafen Tempelhof. Wie bei einer klassischen Stadtrundfahrt wird die Szenerie am Wegesrand von einem Führer erläutert und durch Anekdoten mit Leben erfüllt.
Für Eisenbahnfans wird die Fahrt auch zur Reise in die Verkehrsgeschichte. Von den Bahnhöfen entlang der Route stammen viele noch aus der Frühzeit der Berliner Stadtbahn, die 1882 ihren Betrieb aufnahm. Dass sie ihren originalen Charme bewahrt haben, hat den gleichen Hintergrund wie im Fall der S-Bahn-Züge: Nach 1945 blieb das Recht zum Betrieb der städtischen S-Bahn bei der Reichsbahn, die an den östlichen Teil des Landes fiel.
Bis 1984, als die DDR aus Kostengründen kapitulierte, wurde der West-Berliner S-Bahn-Verkehr in Ostregie abgewickelt. Die Bevölkerung im Westteil empfand wenig Sympathie gegenüber dem fremdgesteuerten Verkehrsmittel und stieg verstärkt auf die von den Berliner Verkehrsbetrieben unterhaltenen U-Bahnen und Busse um.
Inzwischen wird kräftig in neue Bahnhöfe und Züge investiert. Aber die S-Bahn-Gesellschaft stößt beim Hauptstadt-Publikum nicht auf ungeteilten Beifall. Als sie einen neuen Zug mit veränderter Farbgebung in Dienst stellte, hagelte es Proteste der Berliner. Künftig sollen wieder alle S-Bahnen ein gelb-schwarz-rotes Kleid tragen - auch wenn die Designer ein einfarbiges schicker finden würden.
Informationen:
Die Panormama-S-Bahn fährt vom 1. Mai bis 15. Oktober jedes Wochenende mehrmals täglich am Ostbahnhof ab. Die Fahrt kostet 29 Mark für Erwachsene und 16 Mark für Kinder. Die genauen Abfahrtzeiten sind unter der Rufnummer 030/29 71 98 43 zu erfragen.
Tobias Wiethoff