Bike & Boat: Ins Herz der Telemark - DER SPIEGEL
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Bike & Boat Ins Herz der Telemark

In Norwegen, einem Land oft extremer und unwegsamer Natur, bietet der Telemarkkanal eine perfekte Mischung aus Wildnis und erreichbarer Zivilisation. Per Mountainbike, aber auch mit dem Kajak ist der Wasserweg sportliche Herausforderung. Autor Ulrich Booms kombiniert beides.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum haben wir uns richtig warm gefahren, stehen wir mit unseren Mountainbikes schon vor der ersten Attraktion des Telemarkkanals, den fünf Schleusen von Vrangfossen: Hier müssen die Bootsfahrer noch selber an mächtigen gusseisernen Rädern kurbeln, um die hölzernen Tore der Schleusen zu bewegen. Gerade haben wir unser Auto in Ulafoss zurückgelassen und unsere Räder mit Klamotten, Essen und Zelt für fünf Tage bepackt. Das Ziel der Bike-Tour: Dalen, 123 bergige Kilometer Landweg bis zum Endpunkt des Telemarkkanals unterhalb der Hardanggervidda. Dort wartet ein Zweierkajak auf uns, mit dem wir den Kanal wieder nach Ulafoss hinabfahren wollen.

Gebaut wurde der Kanal, um die Telemark am wirtschaftlichen Fortschritt des ausgehenden 19. Jahrhundert teilhaben zu lassen. 110 Kilometer reicht der Stichkanal vom Skagerak ins Herz der norwegischen Südprovinz. Geschickt haben die Ingenieure eine Reihe von Seen miteinander verbunden. Und wo sie die Natur nicht nutzen konnten, haben sie Felsbarrieren gesprengt und insgesamt 18 Schleusen gebaut, um den Niveauunterschied von 72 Metern zwischen Dalen und Ulafoss zu überwinden.

Die Straße windet sich an den Seen entlang. In den Hang gegraben, bietet sie herrliche Ausblicke in lang gezogene Täler. Über die glatten, fast senkrechten Felswände stürzen breite Wasserfälle in die Seen. Hellgraue Felsen, dunkelgrüne Kiefern mit ihren gelbbraun leuchtenden Stämmen begleiten uns.

Mit dem schweren Gepäck sind aus den agilen Mountainbikes schwerfällige Lastesel geworden. Die Schotterpiste, vom Regen in der Nacht aufgeweicht, führt permanent über kleine Hügel. Das verleitet uns zu einer abwechslungsreichen Fahrweise: abwärts nehmen wir Fahrt auf, um mit Schwung den nächsten Hügel zu erklimmen. Aber meist reicht der Schwung nicht, und das Klettern zieht uns nach und nach das Mark aus den Muskeln. Kaum die Hälfte nach Kviteseide, unserem Etappenziel für heute, haben wir geschafft, als wir uns eingestehen müssen, am Ende unserer Kräfte zu sein. Typisch: Nur drei Tage liegt der letzte Bürotag hinter uns, zwei Tage davon haben wir im Auto und auf der Fähre verbracht, und dann überwältigt uns die Urlaubseuphorie in der tollen Landschaft und reißt uns unvernünftig fort.

Heiße Dusche und klare Nachtluft sind die perfekte Kur

Mit dem inneren Schweinehund kämpfend, fällt mein Blick auf rote Flecken am Fahrbahnrand: wilde Erdbeeren. Wir lassen die Räder gegen einen Baum fallen und schlagen uns die Bäuche voll. Das hilft. Wir kommen wieder in Fahrt und erreichen am Abend den Zeltplatz in Kviteseide. Heiße Duschen, heißer Tee, Berge von Nudeln, Joghurt mit den selbst gepflückten Erdbeeren und frische, klare Nachtluft sind die perfekte Kur, um am nächsten Tag voller Elan Richtung Dalen aufbrechen zu können.

Wir verlassen die Seen und fahren stetig bergauf. Durch das Geräusch von brechendem Holz aufgeschreckt, schaue ich über die Leitplanke und sehe wenige Meter unter mir eine Elchkuh mit zwei Jungen. Wir können die drei eine Weile beobachten, da sie uns nicht bemerkt haben und nur langsam äsend in Gebüsch verschwinden.

Kurz darauf erreichen wir die Stabskirche von Eidsborg aus dem 14. Jahrhundert. Die kleine, verwitterte Kirche, bis zum Grund mit Schindeln bedeckt, schmiegt sich harmonisch in die sattgrüne Landschaft. Innen riecht es nach altem Holz, im Halbdunkel studieren wir die Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert. Jauchzend rasen wir dann durch einige steile Serpentinen hinab nach Dalen. Dort finden wir unser Boot wie verabredet im Bootshaus, die Räder dürfen wir für die nächsten Tage dort auch abstellen.

Leider zieht es sich während des Umladens zu und beginnt zu regnen. Der dünne Nieselregen kriecht langsam am Hals hinab und durchweicht mein Gorehemd. Die rasche Umstellung von Bein- auf Armarbeit macht uns etwas zu schaffen, bald aber haben wir den Paddelrhythmus raus. Wir schaffen es trotz immer höher schwappender Wellen im heftigen Gegenwind, der sich in unseren Aufbauten aus Packtaschen und Spirituskocher auf unserem Kajak verfängt, noch bis zum herrlich gelegenen Campingplatz von Lardal.

Moos, Harz und Pilze

Der Morgen ist kalt und trübe. Es riecht nach Moos, Harz und Pilzen, was meinen Freund, einen exzellenten Pilzkenner, ganz unruhig werden lässt. Aber die steilen Hängen über dem Bandak-See, bestanden mit dunklen, wassersatten Fichten sind nicht zu erklimmen, schon gar nicht barfuß. Erst mittags kommt während einer Rast auf einem weiten Sandstrand die Sonne raus. Es wird schnell warm und wir gehen schwimmen.

Wieder auf der Höhe von Kviteseide fahren wir durch einen langen flachen Durchbruch und kreuzen unter einer Brücke unsere Fahrradroute. Im Durchbruch zum nächsten See entdecken wir den perfekten Lagerplatz für die Nacht. Angeschmiegt an eine senkrechte Felswand liegt die sandige Bucht in der Abendsonne. Wir bauen aus Schwemmholz ein Dreibein, hängen die Kleider zum Trocknen auf und entfachen ein wärmendes Feuer. Bei heißem Tee träumen wir in die Dämmerung, die allerdings nicht endet, denn es ist Mitte Juli, und es wird auch um Mitternacht nicht richtig dunkel.

Wo abends die Sonne scheint, scheint sie morgens nicht. Wir sitzen zitternd im eiskalten Schatten der Felswand, als uns ein ohrenbetäubender Knall hochschreckt. Über dem Tal schwebt eine riesige Staubwolke. Kurze Zeit später passieren wir die Stelle und sehen, dass eine Felslawine eine breite Schneise in den Wald gerissen hat. Mit mulmigem Gefühl im Bauch beobachten wir die steilen Wände neben uns und legen einen Schlag zu, um schnell den nächsten offenen See zu erreichen.

Wie auf einem Wildwasserbach

Dort überholt uns die MS "Victoria" eines von drei Passagierschiffen, mit dem man den Telemarkkanal auch ohne eigenen Kraftaufwand bereisen kann. An der ersten Schleuse entladen wir das Boot und transportieren die Fuhre eine Etage tiefer. Das Aus- und Einpacken ist doch aufwendiger als gedacht, so dass wir an der dritten Schleuse im "Sluze-Cafe" fragen, ob wir unser Gepäck dort für ein paar Stunden zwischenlagern dürfen. Zwischen Tresen und Eistruhe findet wie selbstverständlich alles Platz.

Dadurch können wir die letzten 14 Kilometer unbeschwert paddeln und haben an den vielen folgenden Schleusen nur unser Boot zu transportieren. Wegen des starken Windes paddeln wir sehr dicht am Ufer, sehen einige Biberbauten, aber keinen seiner scheuen Bewohner. Der Kanal wird immer enger, denn die Landschaft dahinter ist flach geworden und die Ingenieure mussten verstärkt graben. In die Felsschwellen haben sie regelrechte Hohlwege gesprengt, spektakulär anzusehen, aber durch rücksichtslos schnell fahrende Motorboote sehr unangenehm zu paddeln. Der Schwell kreuzt sich permanent selbst, wenn er von den Felswänden zurückläuft. In unserem Gummikajak fühlen wir uns wie auf einem Wildwasserbach.

In Vrangfossen holen wir die Wasserrowdys wieder ein, denn für die fünf Schleusen werden sie noch eine Weile brauchen - im Gegensatz zu uns. Mehr als drei, vier Boote passen nicht in die Kammern, wir aber steigen den steilen Hang neben den Schleusen mit unserem Kajak hinunter, setzen ein und haben bald zwischen sanften Wiesen Ulafoss und unser Auto erreicht.

Hinter uns liegen 123 Kilometer mit dem Rad und 81 Kilometer mit dem Boot. Wir haben Wasserfälle, Elche und eine Stabkirche gesehen, wir haben gefroren, geschwitzt und Erdbeeren gegessen. Braucht man noch mehr für einen perfekten Norwegen-Urlaub?