Borddurchsagen: "Ohrstöpsel, falls Anke vorliest" - DER SPIEGEL
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Borddurchsagen "Ohrstöpsel, falls Anke vorliest"

Humor auf Befehl: Bühnenreife Kabarett-Einlagen gehören bei deutschen Fluggesellschaften mittlerweile zum Konzept. Wer sich als Flugbegleiter bewirbt, soll neuerdings auch witzig sein.
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lufthansa-Flug 1401 um 19:20 Uhr von Köln-Bonn nach Hamburg, Durchsage nach fünfzehn Flugminuten irgendwo über dem Münsterland:

"Meine Damen und Herren, weil die Maschine leider durch ein Versehen mit zu wenig Zeitschriften ausgestattet wurde, haben wir unser Bordunterhaltungsprogramm kurzfristig erweitert. Stewardess Anke wird zunächst für die Passagiere der Business Class die ersten vier Kapitel aus 'Krieg und Frieden' vorlesen und anschließend in der Economy Class mit zwei Kapiteln aus 'Vom Winde verweht' fortfahren. Wer unsere Anke bereits kennt, wird wissen, dass wir die Sitztaschen mit Kopfhörern und Ohrstöpseln ausgestattet haben. Vielen Dank."

Gelächter in der Maschine - der ungewöhnliche Spaß des Purser kam gut an bei den gestressten Herren in der zu vier Fünfteln mit Businessreisenden besetzten Boeing 737.

Schon zur Begrüßung hatte der gut aufgelegte Mann am Mikro die Passagiere aus der Lektüre geschreckt: "Willkommen auf unserem Lufthansa-Flug nach Toronto. Die Flugzeit wird knapp zehn Stunden betragen." Irritierte Blicke, aufgeregtes Kramen nach Tickets und Bordkartenschnipseln. "Okay, okay," fügt er an. "Ich wollte nur sehen, wie munter Sie heute Abend noch sind." Erleichterung und Lächeln. Überdurchschnittliche Aufmerksamkeit bei den ansonsten immer monoton heruntergespulten Sicherheitshinweisen war dem Mann am Mikro sicher.

Wie unterhaltsam Purser ihre Borddurchsagen gestalten, ist ihnen selbst überlassen: "Es gibt ein Grobraster für die Durchsagen. Drumherum bleibt Spielraum für eigene Gestaltung, denn sonst wäre es zu stereotyp," so Lufthansa-Sprecherin Karin Weber.

"Wir sind dafür, dass diese Spielräume ausgenutzt werden. Wie weit das geschieht, liegt im Ermessen der Purser." Nur für Späßchen rund um die Sicherheit hat man in der LH-Konzernzentrale nichts übrig. Zurecht.

Die international gültigen Vorschriften sehen beispielsweise vor, dass deutlich und ohne jede Veralberung über Anschnallzeichen, Schwimmwesten und Notausgänge informiert wird. Das sollte auf Englisch und in mindestens einer weiteren Sprache erfolgen.

Bei LH-Konkurrent Deutsche BA gehören unterhaltsame Durchsagen schon seit Jahren zum Konzept: "Wir wollen uns dadurch gezielt abgrenzen, lockerer und persönlicher sein. Unsere Purser werden in dreitägigen Seminaren zu mehr Offenheit und Witz motiviert," so DBA-Sprecherin Stefanie Koall. Trotzdem bleibe alles freiwillig: "Jeder macht die Durchsagen so fröhlich und originell, wie er möchte und vor allem so, wie es zu ihm passt."

Schon bei der Einstellung des Bordpersonals werde darauf geachtet, dass die künftigen Mitarbeiter Spontaneität beweisen und auch zu Späßchen aufgelegt sind. Das beginnt bei Pursern, die ihre Ansagen in kabarettbühnenreifem Sächsisch machen, führt über Versform bis hin zur Variante mit Jodel-Begleitung durch eine Stewardess aus München.

Selbst jongliert und gezaubert wird an Bord der Deutschen BA: Schoko-Herzen aus Sakkotaschen zum Beispiel. Ein Flugbegleiter kann's perfekt und verdiente sich vor seiner Karriere am Himmel ein paar Mark als Straßenkünstler hinzu. "Das ist doch beste und obendrein kostenlose Werbung für uns, wenn wir so im Gespräch bleiben," meint Stefanie Koall. Bei der Sicherheit versteht allerdings auch die DBA keinen Spaß: "Alles streng nach Vorschrift des Luftfahrt-Bundesamtes!"

Vorreiter im lockeren Reden über den Wolken ist die US-Fluggesellschaft "Southwest", einer jener Niedrigpreis-Carrier, die den Markt in den Vereinigten Staaten aufgerollt haben und von Erfolg zu Erfolg eilen. Auch dort gehört die textliche Kabarett-Einlage zum Konzept. Kostprobe: "Wenn die Sauerstoffmasken herunterfallen, dann stellen Sie bitte das Schreien ein und ziehen Sie eine Maske über das Gesicht."

Berühmt für ihre bühnenreifen Durchsagen sind auch die in den kanadischen Atlantikprovinzen beheimateten Crews. Kostprobe aus einem Air-Canada-Flug von St. John's auf Neufundland nach Halifax und Ottawa: "Willkommen auf unserem Flug nach Halifax und Timbuktu. Sollten Sie keine Lust haben, ihr Gepäck in die Fächer über den Sitzen zu wuchten, dann winken Sie einfach. Der Kapitän kommt Ihnen dann helfen. In dieser Phase der Flugvorbereitung ist er im Cockpit sowieso unterbeschäftigt und freut sich, Ihnen zur Hand gehen zu können."

Tatsächlich packt das Kabinenpersonal sofort mit an. Wenig später noch mal der Purser mit schelmischem Tonfall: "Passen Sie diesmal bei den Sicherheitshinweisen bitte auf. Wir kommen anschließend durch die Reihen und stellen Verständnisfragen." Und er kam tatsächlich herum.

Die Reaktionen der Passagiere auf die neue Lockerheit am Himmel jedenfalls scheinen die Bemühungen zu rechtfertigen. "Wir haben inzwischen körbeweise Passagier-Post zu dem Thema bekommen," so Koall von der DBA, "insgesamt sehr positiv!"

Und manchmal nimmt die heitere Spontan-Variation einer Durchsage einer kritischen Situation die Spitze. Wortmeldung des Kapitäns nach einer ungewöhnlich harten Landung in Los Angeles: "Ladys und Gentlemen! Ich kann Sie beruhigen. Wir sind nicht abgeschossen worden, sondern bloß gelandet. Willkommen in L.A. - und sorry für das ruppige Aufsetzen hier. Schönen Tag noch."