Chalkidiki: Eiskaffee mit russischem Wodka - DER SPIEGEL
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Chalkidiki Eiskaffee mit russischem Wodka

Die griechische Halbinsel Chalkidiki streckt ihre drei Finger in die Ägäis: Während die Mönchsrepublik Athos ihre Pforten verschlossen hält, ist Sithonia mit seiner wilden Landschaft ein Ziel für Wanderer und Naturfans, Kassandra dagegen fest in der Hand der Pauschaltouristen.
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Ouranoupolis - Ein Reisender mit besonderer Kluft kommt den Frauen entgegen: Üppig wallt graues Kopf- und Barthaar herab, im Ausschnitt der schwarzen Kutte gleißen schwere Goldketten, die klobigen Hände werden von kantigen Ringen geschmückt. Den Gruß der Touristinnen erwidert er nicht, im Vorbeigehen würdigt er sie keines Blickes.

Es ist ein Mönch, der hier auf Athos, dem östlichen "Finger" der griechischen Halbinsel Chalkidiki, seines Weges zieht. Ihre Geschichte und ihre Geheimnisse machen die autonome Mönchsrepublik Athos zu einem höchst interessanten Reiseziel - und auch zu einem kaum erreichbaren: Frauen bleibt der Zutritt verwehrt, und nur wenige Männer erhalten auf Antrag eine Einreisegenehmigung für einige Tage.

Die meisten Touristen sehen die rund 20 prächtigen Klosterbauten auf dem Athos deshalb höchstens aus der Ferne: bei einer der in Ouranoupolis startenden Bootstouren, die an dem "Finger" entlang fahren und dabei immer einen Abstand von 500 Metern zum Ufer halten. Wie Schwalbennester sind einige Klöster an die Berghänge gebaut.

Zudem gibt es ein schönes Panorama zu bestaunen - immerhin ist der Athos mit 2033 Metern der höchste Gipfel der Ägäis. Das Gefühl, auf die aufwendig gebastelte Kulisse eines Fantasy-Films zu blicken, wäre überwältigend, wenn nicht an fast jedem Komplex riesige Baukräne und Betonmischer stünden: Die Europäische Union ist bemüht, die jahrhundertealten Gemäuer mit Millioneninvestitionen zu erhalten.

Nackter auf pinker Luftmatratze

Auch vor den derzeit etwa 2300 Einwohnern der Mönchsrepublik hat die Moderne offensichtlich nicht haltgemacht: In einer Bucht sehen die Touristen einen nackten Mann liegen, der sich auf einer pinkfarbenen Luftmatratze sonnt - ein skurriles Detail, das der Kapitän bei seinen Erläuterungen geflissentlich übergeht. Auch in den Hafenbars von Ouranoupolis wird deutlich, dass Mönche keineswegs bescheidene Asketen sein müssen. Ältere präsentieren hier stolz allerlei güldenes Geschmeide; jüngere laufen angeregt in die Freisprecheinrichtung ihres Handys plaudernd durch den Ort oder sitzen über Laptops der neuesten Generation gebeugt in der Sonne.

Von Ouranoupolis aus können Urlauber am Grenzzaun der Mönchsrepublik entlang zum Ostufer des Athos-"Fingers" laufen. Immer wieder huschen grün schillernde Eidechsen über die staubigen Pfade, es ist herrlich still zwischen den Hügeln. Ein mehr als fünf Meter hoher Schilfgürtel säumt einen kilometerlangen Sandstrand, an dem an diesem Tag nur einige Einheimische in Campingwagen den Frieden unverbauter Natur genießen. Bei der leisen Pirsch entlang des sumpfigen Schilfgürtels lassen sich Libellen und Frösche beobachten, in einem der flachen Tümpel sind die Umrisse zweier Wasserschildkröten zu erkennen.

Mit der Mönchsrepublik hat Athos sicherlich das spannendste Ziel Chalkidikis zu bieten. Landschaftlich reizvoller ist allerdings der mittlere "Finger" Sithonia. Auf der Ringstraße, die immer neue Ausblicke auf das türkisgrün schimmernde Mittelmeer und das raue, unbesiedelte Inselinnere bietet, geht es zunächst nach Vourvourou.

Die Straße durch das langgestreckte Urlaubsdorf mit etlichen Pensionen und privaten Ferienhäuschen führt zum Karidi Beach. An den Naturstrand plätschert azurblaues Wasser, die Bucht ist gesäumt von uralten Pinien und bizarr geformten Felsen. Im Frühsommer liegen nur wenige Badegäste auf dem Sand oder schlürfen auf dicken Kissen unter den Bäumen hockend Eiskaffee, den ein kleiner Kiosk am Hang verkauft.

Zum Übernachten am Strand ist es auch im Juni noch zu frisch, doch auf einem der vielen kleinen Campingplätze entlang der Küste ist eine Bambushütte direkt am Meer zu finden. Die einfachen, aber sauberen sanitären Anlagen sind in Leichtbauweise erstellt. Zwar verfügt fast jeder der Campingplätze über eine Strandtaverne, im Frühjahr ist es aber sicherer, sich notfalls auch selbst versorgen zu können.

Eiskaffee mit Wodka zum Mittag

Nach einem morgendlichen Bad im Meer und ausgiebigem Frühstück am Sandstrand mit Blick auf den Berg Athos geht es weiter nach Süden. Eine Herde Ziegen quert die Straße, die sich in Serpentinen über die Hügelketten windet. Die Pfade der Tiere entlang der Küsten lassen sich trefflich für stundenlange Wanderungen nutzen - neben genug Wasser sollte aber ein Antimückenspray unbedingt im Gepäck sein.

Zum skurrilen Ereignis wird das Mittagessen an der Strandpromenade von Kalamitsi: Unter schattenspendenden Tarnnetzen wird zu russischen Popklängen griechisches Essen serviert. Den überall auf der Chalkidiki servierten Eiskaffee kann man hier auch mit Wodka aufgepeppt bekommen. Der russische Kellner hört sich die auf Englisch vorgetragenen Wünsche seiner deutschen Gäste allerdings ratlos an - und holt dann seine griechische Chefin zu Hilfe.

Auch andere Orte auf Sithonia sind fest in der Hand einer Urlaubernation. In Toroni an der Westküste zum Beispiel erklärt der Schilderwald entlang der Dorfstraße meist auf Deutsch, wo hier geschlafen, gegessen und gebadet werden kann. Zwei winzige, wie Wollkugeln aussehende Hundewelpen stolpern am Strand entlang und schnappen nach den Zehen ahnungslos schlummernder Badegäste. An der Mündung eines kleinen Baches sitzen Dutzende Wasserschildkröten in der Frühsommersonne. Auch sie sind den Umgang mit Touristen gewöhnt.

Beim Näherkommen vervielfacht sich die Zahl, immer neue Köpfe rauschen nach möglichen Futtergaben Ausschau haltend heran. Nach einem Spaziergang zu einer Burgruine am südlichen Strandende - einer der wenigen historischen Sehenswürdigkeiten Sithonias - geht die Fahrt weiter die Westküste entlang in Richtung Norden. Eine abseits und daher absolut ruhig gelegene Pension ist hier in dem kleinen Ort Tristinika zu finden. Die beleibte Wirtin spricht weder Deutsch noch Englisch, gibt aber nach einigem pantomimischen Spiel bereitwillig Gläser und Besteck für ein abendliches Picknick heraus.

Pauschaltourismus auf Kassandra

Ein langer Pfad durch sumpfiges Gelände führt von den wenigen Häusern und Ferienwohnungen des Weilers zu einem breiten, kilometerlangen Sandstrand. Die unverbaute Pracht ist menschenleer, über den Küstenstreifen flitzen lediglich etliche Schwalben und Fledermäuse, im Sumpf beginnen Tausende Frösche ein abendliches Konzert. Später im Jahr wird am nördlichen Ende des Strandes die Bar "Ethnik" zwischen den Dünen rund um die Uhr Cocktails servieren - im Frühling allerdings ruht die Bambushütte noch im Winterschlaf.

Die einfachen Pensionen und Tavernen nahe der oft naturbelassenen Strände sind es, die den besonderen Reiz Sithonias ausmachen. Vor allem im Frühjahr und im Herbst ist der Landfinger mit seiner wilden, rauen Landschaft ein Ziel für Wanderer und Naturverbundene. Im Sommer vergnügen sich auch viele Griechen aus dem 120 Kilometer entfernten Thessaloniki und eine erkleckliche Zahl Pauschaltouristen auf der Halbinsel - mit vollen Straßen, Stränden und Strandbars als Folge.

Der Anblick großer Hotelkomplexe bleibt Besuchern auf Sithonia aber erspart - anders als auf dem westlichen "Finger" Kassandra. Dort sollte, vor allem an der Ostküste, nur verweilen, wer sich am Anblick von Bettenburgen nicht stört sowie ein eher reges Nachtleben und Partyspaß sucht. Auch die Landschaft ist hier von Menschenhand geprägt: Statt mit dichtem Buschwerk sind die Hänge und Ebenen mit Feldern überzogen. Allerdings sind auf Kassandra auch die Chancen am größten, außerhalb der Saison auf offene Restaurants und Hotels zu stoßen. Außerdem gibt es hier die meisten Pauschalangebote.

Von Annett Klimpel, dpa