Cheshire: Nackte Hexen und planschende Stars - DER SPIEGEL
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Cheshire Nackte Hexen und planschende Stars

Die Grafstadt Cheshire ist Refugium der englischen Oberschicht. Viele Promis haben die Schön- und Abgeschiedenheit der Gegend für sich entdeckt - selbst Fußballstar Wayne Rooney kann hier ungestört in seinem rosafarbenen Swimmingpool planschen.
Von Edgar Klüsener
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann, der da seine Tochter vom Ballett-Unterricht abholte, kam Sue Morris vage bekannt vor. Die Mutter einer ihrer Schülerinnen wusste mehr und wisperte etwas von einem bekannten Bassisten. Ein weiteres Promikind also in Sue Morris' Ballettschule. Anfangs war's ja etwas komisch, mittlerweile aber hat sie sich daran gewöhnt, dass die Kinder der Reichen und Berühmten in ihrer Ballettschule ein- und ausgehen. Sue Morris lebt in Alderley Edge, und da ist auch ihre Ballettschule.

Popstar-Kinder im Ballettunterricht sind nur ein Indiz dafür, dass die Grafschaft Cheshire zum Refugium der Alt- und Neureichen der Insel geworden ist. Und nicht nur Sänger und Bassisten haben Alderley Edge für sich entdeckt, auch Fußballspieler, vor allem die von Manchester United. Tatsächlich wohnen laut Statistik nirgendwo auf der Insel mehr Millionäre auf einem Haufen als in den sanften Hügeln und den pittoresken kleinen Städten im Flachland des Countys Cheshire.

Sue Morris und ihr Ehemann Steve, Mitinhaber einer Werbeagentur, leben schon lange in Alderley Edge, sie waren dorthin gezogen, lange bevor der inzwischen so berühmte wie berüchtigte trendy Cheshire-Set das Städtchen für sich entdeckte. Der Ort ist vor allem eine lange, sehr lange Hauptstraße. Zu beiden Seiten der Straße reihen sich Nobel-Bistros, kleine, aber feine Restaurants, Straßencafés und Kunstgewerbler. Alderley Edge strahlt satte Behaglichkeit aus und dezenten Wohlstand. Der wahre Reichtum allerdings ist meist gut versteckt. Die kurvenreiche Landstraße, die von Alderley Edge nach Macclesfield führt, ist auf den ersten Kilometern an beiden Seiten begrenzt von dichten Hecken und Baumreihen.

Rekordabnehmer für Luxusautos

Nur selten öffnet sich eine Abzweigung oder eine Einfahrt und erlaubt einen flüchtigen Blick auf die stattlichen Häuser und die Prachtvillen, die sich hinter dem Grün verbergen. In deren Garagen parken auch die meisten Luxusautos der britischen Inseln. Die Nobelmarke Lotus zum Beispiel hat über 20 Prozent aller ihrer in Großbritannien verkauften Luxusmodelle nach Alderley Edge geliefert. Die Szenerie erinnert an die Nobelgegenden von Hollywood, an die kleinen Canyons, in denen sich dort die Paläste der Showstars und der Superreichen verbergen.

Die Straße führt weiter durch ein kleines Waldstück und vorbei an The Edge, eine alte Kupfermine ganz hoch oben in den sanften Hügeln von Cheshire. Von hier aus kann man weit ins Land schauen, und am Abend färbt sich der Himmel im Nordosten rötlich, wenn sich die Lichter des nahen Manchester am Himmel widerspiegeln. Um The Edge, eine klaffende Wunde aus nacktem Felsgestein inmitten licht bewaldeter Hügel und ein beliebtes Ausflugsziel, ranken sich unzählige Sagen und Legenden. König Artus soll hier irgendwo in einer Höhle mit hundert Rittern warten, bereit, herauszupreschen, sollte England einmal wirklich ernsthaft in Not geraten.

Bis dahin wird er wohl mit anderen mythischen Helden im Wartestand - Barbarossa fällt da zum Beispiel ein - an irgendeinem geheimen Ort zum Zeitvertreib zünftig Karten kloppen. The Edge ist magisches Land. Feen und Elfen treiben den Sagen nach hier ebenso ihr Unwesen wie ganz reale und manchmal ziemlich nackte moderne Druiden und Hexen, Neuheiden auf den Spuren idealisierter vorchristlicher Religionen.

Wayne Rooneys rosa Swimmingpool

Weiter schlängelt sich die Straße, Meile auf Meile durch Felder und Wiesen, durch lieblichste englische Farmlandschaft. Kurz vor Macclesfield zweigt eine Seitenstraße ab nach Prestbury, und wieder das Bild, das schon von Alderley Edge bekannt ist. Dichter Bewuchs verbirgt den Blick auf Villen und kleine Herrenhäuser, auch die Einfahrt zum exklusiven Prestbury Golf Club ist schnell übersehen. Prestbury selbst ist ein idyllisches kleines Örtchen, einer von diesen Plätzen, wo das Leben noch in Ordnung ist, so nah und doch so fern der hektischen Betriebsamkeit der großen Städte Manchester, Macclesfield oder Liverpool.

Auch Prestbury ist reich. Wer es sich erlauben kann, hier zu leben, der braucht sich um seine Altersversorgung und um die materielle Zukunft der Kinder sicher nicht zu sorgen. Wayne Rooney wohnt hier - der riesige rosafarbene Swimmingpool auf seinem Anwesen stört ein wenig die sonstige geschmackssichere Gediegenheit, die für Prestbury typisch ist.

Cheshire ist eine alte Grafschaft. Schon das Domesday Book , 1085 vom Normannenkönig Wilhelm dem Eroberer in Auftrag gegeben, erwähnt sie. Damals war Cheshire noch wesentlich größer als heute, aber 1182 wurde das Land aufgeteilt. Cheshire verlor einige Teile an die neue Grafschaft Lancashire, andere an das benachbarte Wales. Heute grenzt Cheshire im Westen an Wales, Merseyside und Liverpool, im Norden an Manchester, im Osten an Derbyshire und im Süden und Südwesten an Staffordshire und Shropshire.

Eingebettet in die für Cheshire so typischen Bauern- und Gartenlandschaften liegen malerische kleine Dörfer, alte Industriestädte und eben diese lange vergessenen kleinen Städtchen, die plötzlich bei den Reichen und Berühmten in Mode gekommen sind.

Fluch und Segen der neuen Reichen

Die Alteingesessenen sehen den Boom mit gemischten Gefühlen. Der Zuzug der Millionäre ist gut für den Wohlstand der Region. Er ist allerdings auch Gift für die Haus- und Grundstückspreise, die sich in den letzten Jahren vervielfacht haben. Selbst simple kleine Einfamilienhäuser werden mittlerweile für solche Rekordsummen gehandelt, dass sie für junge Durchschnittsverdiener schlicht nicht mehr erschwinglich sind.

Der Reiz, den die ländliche Grafschaft auf wohlhabende Städter aus Greater Manchester, Liverpool oder Birmingham ausübt, ist leicht erkennbar. Weitläufige Gartenlandschaften, bilderbuchhafte kleine Orte, kaum Kriminalität, und außerdem ist man hier eben unter sich. In der Hauptsache weiß, gut ausgebildet, erfolgreich und jung genug, die angenehmen Seiten des Lebens noch in vollen Zügen genießen zu können. Außerdem ist Cheshire inselweit bekannt für die Schönheit seiner Töchter. Sagt zumindest Steve Morris, der ursprünglich aus dem Süden Englands kommt, wo der Hauptstadtmoloch London uferlos in alle Richtungen auswuchert. "Schon in meinen Teenagerjahren hieß es allgemein, dass die hübschesten Mädchen Englands in Cheshire zu finden sind."

Chester: Römerstadt als Touristenmagnet

Römerstadt als Touristenmagnet

Dass die Grafschaft heute eine der beliebtesten Touristenattraktionen der Inseln ist, hat sie jedoch weniger dem neuen Wohlstand zu verdanken, sondern neben den lieblichen Landschaften der Cheshire Plains und den sanften Hügeln im Osten vor allem auch dem Hauptort und Verwaltungssitz Chester. 2000 Jahre hat die einst von den Römern gegründete Stadt mittlerweile auf dem Buckel. Denen hat sie auch ihren Namen zu verdanken, aus dem lateinischen Castrum Devana (= Lager am Fluss Deva) ist über die Jahrhunderte hinweg Chester geworden.

Der systematische Aufbau eines befestigten römischen Lagers lässt sich noch heute im Stadtbild erkennen. So wie am Cross, in dem die vier Hauptstraßen der Stadt zusammentreffen oder das Amphitheater. Unter den Römern war Chester eine der wichtigsten Städte Englands, die Hauptverteidigungslinie gegen die walisischen Kelten und die Iren von der anderen Seite der irischen See. Seine herausragende Bedeutung hat der Ort seitdem nie verloren.

Fluchtburg der Aristokratie

Zur Zeit von Heinrich VIII. war Chester der wichtigste und größte Hafen Englands, der in seiner Bedeutung erst viel später von Liverpool abgelöst wurde. Als die industrielle Revolution die Städte Manchester und Liverpool in stinkende, überlaufene, quirlige und wild wuchernde urbane Ungetüme verwandelte, wurde Chester zur Fluchtburg der Aristokratie, die zwar gern ihr Geld in den neuen Industriestädten arbeiten ließ, aber auf keinen Fall selbst in diesen oder in deren unmittelbarer Umgebung leben wollte.

So beherbergt der Stadtkern mehrere exquisite Beispiele für die Architektur wohlhabender britischer Aristokraten und Großbürger vergangener Jahrhunderte. Er hat aber auch seinen gediegenen mittelalterlichen und spät-neuzeitlichen Charme perfekt konserviert. Außerdem ist Chester eine weit über die Grenzen der Grafschaft hinaus berühmte Einkaufsstadt, in der das Shoppen zu einer Kunstform für sich geworden ist. Besonders die Galerien, überdachte Einkaufpassagen, deren Struktur und Erscheinungsbild aus dem Mittelalter überkommen sind, ziehen täglich Tausende von Einkaufstouristen in die Stadt.

Wie die Grafschaft Cheshire, deren Hauptort sie ist, strahlt auch Chester eine Aura satter Zufriedenheit und behaglichen Wohllebens aus und bezaubert mit ihrer augenfälligen, unaufdringlichen Schönheit.