Costa Verde Das Wüten der Stürme
Eigentlich macht man das nicht. Nein. Man reist nicht an die Costa Verde, wenn der Sommer schon vorüber ist. Mein erster Weg in Santander führt in einen kleinen Laden, der einzig Regenschirme führt. Ich erstehe ein riesengroßes, schwarzes Exemplar. Er sei sturmfest, betont der freundliche, ältere Ladenbesitzer und fragt, ob er ihn einpacken solle. "Nein danke", antworte ich, "ich möchte ihn gleich benutzen."
Wie nasse Katzen stehen die Palmen an der Promenade, und im kleinen Hafen kuscheln sich Yachten und Fischerkähne aneinander, als ob sie frieren. Aber mit großem Regenschirm kann man auch im Oktober an den Strand El Sardinero II gehen. Santander hat viele schöne Strände, doch "in" ist die Playa Sardinero II. Auch im Herbst.
"Dort warten die süßesten Surfer auf ihre Welle", meinen deren Groupies, während sie auf ihre Surfer warten. Hier treffen sich am frühen Nachmittag die Szenegänger und sammeln Kraft für die nächste Nacht. Man spaziert mit Hund und Regenschirm, joggt oder flaniert und ein paar Alte wagen sich ins Meer. Wahrscheinlich Engländer. Immerhin soll das Wasser 17 Grad Celsius haben - ein Grad wärmer als im Juni. Die Sonne zeigt sich schon am folgenden Tag. Das muss sie auch. An jedem zweiten Tag scheint die Sonne, deute ich optimistisch eine Statistik, die für den Oktober 14 Regentage vorsieht. Übrigens nicht mehr als im August oder September. Nur der Juni gilt mit elf Regentagen als extrem trockener Monat.
Wenn die Sonne scheint, strahlt das weiße Spielkasino über der Playa El Sardinero. Anfang des 20. Jahrhunderts verzockten dort spanische Adelige ihre Apanagen, und wenn sie gewonnen hatten, bauten sie sich gleich danach Paläste in Santander. Im großartigsten dieser Gemäuer residierte König Alfonso XIII., ganz oben auf dem Hügel der Halbinsel Magdalena. 1941 vernichtete ein großes Feuer weite Teile von Santanders Altstadt. Aber noch immer leuchten abends viele gepflasterte Plätze und romantische Gassen im warmen Licht antiquierter Laternen. In ungefähr jedem zweiten der alten Häuser befinden sich Bars und Bodegas, also jene urspanischen Kultstätten, an denen Geselligkeit, Wein und Tapas geboten werden.
Spanische Küche mit Suchtpotenzial
Das Restaurant "Entre tapa y vino" ist allerdings anders. Über dem Strand von Sardinero sitze ich in neuer, spanischer Sachlichkeit aus Holz, Stahl und Glas, blicke hinunter auf das Meer. Man serviert Tintenfisch in eigener Tinte mit Mousse von Karotten - Tapas neu interpretiert. Walnüsse, Rosinen und Honig verleihen vier pikanten Käsesorten ungeahnte Geschmacksnuancen, die von Olivenöl und Basilikum abgerundet werden. Dazu ein Rioja der besseren Art. Neue, spanische Küche mit Suchtpotenzial.
Santillana del Mar liegt nur 30 Kilometer von Santander entfernt. Kein Reiseführer, der nicht von dem mittelalterlichen Dorf schwärmen würde, dieser "Symphonie in Stein". Die Realität: Selbst an regnerischen Herbsttagen schieben sich Bustouristen wie die Lemminge über das mittelalterliche Pflaster, und kaum einer der zahlreichen Souvenirshops versprüht mittelalterlichen Charme.
Die Restaurants sind im Schnitt nicht besonders gut, aber besonders teuer und, wie gesagt, es regnet! Comillas dagegen ist eine kleine Stadt mit nachgedunkelten Häusern aus Sandstein, zu denen mein schwarzer Regenschirm hervorragend passt. Im Herbst wirkt Comillas sehr familiär. Als ich zum zweiten Mal vor dem Café an der Plaza frühstücke, grüßen mich die Kellnerin, das Paar am Nachbartisch und die meisten Passanten. Man kennt sich. Comillas ist winzig. Die Altstadt ist noch winziger - ein wunderschöner, gepflasterter Platz mit Rathaus und Kathedrale und ein paar kleine Gassen. Das Meer hat einen ordentlichen Strand und der Jugendstilarchitekt Antoni Gaudí einen netten, verspielten Palast mit Türmchen und Mosaiken geschaffen.
Trotzdem sollte man zwischendurch mal das Dorf verlassen und weiter an der Küste entlang fahren, nicht auf der neuen Autobahn, sondern diesem Asphalt-Flickenteppich vertrauen, der bei La Rabia ein naturgeschütztes Sumpfgebiet quert - wo zwischen Nebelschleiern nackte, fahle Baumleichen aus dem Sumpf ragen - und bis San Vicente dem Verlauf der Küste folgt. Ziemlich grün hier: sanfte Hügel, Wiesen, Sträucher und kleine Wälder, der Blick von der Straße hinunter auf die Playa de Oyambre - ein wildromantischer Atlantikstrand, der sich in einer kilometerlangen Bucht räkelt.
Churros und heiße Schokolade
Kurz bevor ich San Vicente de la Barquera erreiche, bricht die Sonne durch die Wolken und neben der Straße leuchtet ein goldener Strand. Eine Stunde lang stapfe ich durch den Sand, segele vor dem Wind, stemme mich gegen ihn auf dem Rückweg, lasse mich richtig durchpusten und kann mir gar nicht vorstellen, die grüne Küste im Sommer zu besuchen. "Im Herbst ist es viel schöner", bestätigen ein paar Surfer. "Ist hier ziemlich voll im Sommer und die Wellen taugen nicht viel." In Asturien macht mir der Wettergott eine Freude und schickt ein ordentliches Tief in die Biskaya. Die Wellen brüllen, und der Sturm trägt sein Wüten in den Hafen von Llanes. Heute wagt sich keiner raus.
Tiefschwarz hängt der Himmel über dem Ort und dem Meer. Landeinwärts über den Bergen klafft eine Lücke in den Wolken, stechen Sonnenstrahlen durch die Lücke und beleuchten die Promenade am Flussufer wie eine Bühne. Es ist Sonntag. Wochenendgäste aus Bilbao bevölkern Llanes. In gediegener Country-Style-Mode schlendern sie bis zum Ende der Flaniermeile und steigen auf die Plattform über den Klippen. Von oben sehen sie die Wellen heranrollen. Sie schlagen donnernd vor die Hafenmauer und explodieren auf den haushohen Betonquadern. Wie ein Geysir katapultiert sich der Atlantik in den Himmel, unwiderstehlich strömt das Meer über den Beton und flutet als Wasserfall auf der anderen Seite den Hafen. Der schwarze Himmel ist noch näher gerückt, hängt noch tiefer, nur eine Armhöhe über den Köpfen der Ausflügler. Dann fallen dicke Tropfen. Die Schaulustigen strömen zurück zu den Altstadthäusern und verschwinden in den Cafés, auf Churros - frittiertes Gebäck - und heiße Schokolade.
Das schroffe Küstengebirge Picos de Europa reicht in Llanes fast bis an den Atlantik. Cangas de Onis, die ehemalige Hauptstadt Asturiens, ist die Kapitale aller Outdoorsportler, die von hier zu den Gipfeln aufbrechen. Und offensichtlich auch eine der kulinarischen Hauptstädte Asturiens. Sidería heißt das Ziel der lukullischen Sehnsüchte und Sidra heißt der berühmte asturische Apfelwein. Eine Sidería ist in der Regel ein Spezialitätenrestaurant, das aussieht wie eine düstere Spelunke.
Der Winter kommt früh in diesem Jahr, sagen die Leute in Cangas. Von einem Tag auf den anderen wird es plötzlich kalt. Am Morgen leuchten die goldenen Herbstwälder an den Hängen und darüber strahlen die Gipfel in frischem Weiß. Von Cangas de Onis führt eine Straße nach Covadonga und von dort hinauf zu zwei Gletscherseen.
Vom Edelschimmel dabei halb verschlungen
Covadonga ist nationales Heiligtum, weil dort 722 die christliche Rückeroberung Spaniens begann. In den unwegsamen Bergen und Schluchten schlug der westgotische Fürst Pelayo mit seinen asturischen Kriegern erstmals ein maurisches Heer. In der Cueva Santa, der heiligen Grotte von Covadonga, liegt er bestattet. Man baute eine Kapelle in der Grotte. Dann fand man eine anbetungswürdige Marienfigur und entdeckte, dass sich, wenn man in den Teich unterhalb der Grotte eine Münze warf, ein Wunsch erfüllte und beinah fertig war die Wallfahrtsstätte. Fehlte noch die neoromanische Basilika, eine mächtige Kirche, die seit 1891, romantisch zwischen Wald und Fels eingebettet, das Tal schmückt.
Schmal und steil wird die Straße ab Covadonga. Sie führt erst durch Wald und dann zwischen Wiesen und Felsen hinauf auf über 1000 Meter. Wie dickflüssig und sehr schwarz, als seien sie schon zu Urzeiten erstarrt, ruhen die Gletscherseen Lago Enol und Lago Ercina vor den schneebedeckten Zweitausendern. Gräser und nackter Fels am Seeufer - späte Ginsterblüten lugen aus Schneeflecken, und eisige Böen fallen von den Bergen herab. In einer windgeschützten Mulde vor einer Almhütte genießen Kühe ihre letzten freien Tage. Bald werden sie hinunter ins Tal getrieben, wo sie den Winter im Stall verbringen.
"Käse zu verkaufen." Mit einer Kordel ist das Schild an einem Baum befestigt. Unter dem Baum liegen runde Käselaibe auf einem Tisch, und dahinter steht Manuel. Drei Monate reift sein Käse in Höhlen, wird vom Edelschimmel dabei halb verschlungen, bevor er die Gaumen erfreut. Manuel zeigt auf einen Berg: "Eine Stunde steige ich bis zu der Höhle. Da oben mache ich den Rucksack voll und dann steige ich mit 30 Kilo Käse wieder ab."
Manuel verkauft Queso gamonedo, der aus der Region um Cangas de Onis stammt. 23 Euro kostet das Kilo. "Ich weiß", gibt Manuel zu, "das ist teuer. Aber unser Käse aus Kuh-, Ziegen- und Schafsmilch wird ausschließlich von Hand gemacht. Es steckt viel Arbeit drin." Celso betreibt in Cangas de Onis einen kleinen Laden, "La Sifonería", halb Sidería und halb Delikatessengeschäft. Essen und Trinken sind Celsos liebste Hobbys. Celso serviert eine Käseplatte und erklärt die verschiedenen Sorten. Milder Queso de los beyos, rötlicher, trotzdem milder Afuega'l pitu, pikanter Gamonedo, herzhafter Cabrales. Ich kann nicht mehr, dabei schmeckt es so gut. "Kein Problem", sagt Celso. "Da hilft Orujo!" Orujo ist Branntwein und wird in Asturien vor allem aus Äpfeln gebrannt. Aber Celso hat etwas Besonderes. "Ein ganz milder Orujo de miel!" - Honigbranntwein. Celso bekommt ihn von einem Freund aus Galicien.
Klarer Herbsthimmel voller Sterne
Die Altstadt von Oviedo, der asturischen Hauptstadt, ist kaum bekannt und dabei eine der schönsten an der spanischen Nordküste. Eine gewaltige Kathedrale, alte Bürgerhäuser und eine verwirrende Zahl an kleinen, versteckten Plätzen, Antiquitäten- und Büchergeschäften, Boutiquen, Restaurants, Bars und Siderías. Hier plätschert das Leben wie ein verträumter Bach, dort brodelt es wie das asturische Meer. Von 10 bis 14 Uhr haben die Geschäfte geöffnet, und alle scheinen alles auf einmal einkaufen zu wollen. Während der Siesta ist auf den Straßen jedoch der Hund begraben. Am späten Nachmittag jedoch stürzt sich die gefräßige Hektik erneut auf die Stadt, doch spätestens um zehn Uhr abends kehrt zumindest an Wochentagen Ruhe ein.
Der letzte Tag im Oktober. Es ist kalt geworden. Auch in Oviedo liegen die Temperaturen nicht mehr weit über dem Gefrierpunkt. Unter alten Fassaden spielt ein Mädchen mit einem jungen Hund, während die Mutter bei einer Laterne sitzt und liest. Der Kellner kommt, reibt sich die kalten Hände und gießt den Sidra nach. Wenig später öffnet sich über dem Platz ein klarer Herbsthimmel voller Sterne. Warum soll man eigentlich nicht im Oktober an die Costa Verde reisen?