Côte d'Azur: Die blaue Diva - DER SPIEGEL
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Côte d'Azur Die blaue Diva

Betörend schön, elegant und eiskalt teuer: Die französische Riviera ist die Königin der Küstenstriche am Mittelmeer. Ihre Reize betörten einst die Stars aus Hollywood, heute umgarnt die "Côte" reiche Exoten mit Leidenschaft am Luxus.
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Irgendwann, wenn die Leichtigkeit der frühen Jahre dahin ist, wenn der wahre Glanz verflogen und der Stolz gebrochen ist, bleibt jeder großen Hure nur noch die nackte Arroganz. Wenn die Hure aber schlau ist und genügend Erfahrung besitzt, wenn sie wirklich schön ist, die halbe Welt ausgenommen hat und sich alles kaufen kann, bevor der letzte aller Träume unerfüllt bleibt, dann wird sie diese Arroganz in Perfektion beherrschen. Sie wird diese Arroganz durch die Straßen tragen und durch die marmornen Hotelhallen, und gelegentlich wird sie diese Arroganz aufblitzen lassen wie ein kaltes, makellos gewetztes Messer.

Die Côte d'Azur ist eine dieser großen Huren. Wahrscheinlich sogar die eleganteste, betörendste, durchtriebenste von allen. Eine Superdiva. Blasiert thront sie unter der Sonne Südfrankreichs, die auf ihr Haupt herabscheinen darf. Die französische Riviera. Die "Côte". Die Königin aller Küstenstriche.

Brasiliens Copacabana? Gegen sie nur ein Früchtchen. Eine ordinär wackelnde Pobacke, die im Sand kriechend Volleyball spielt. Kaliforniens Pazifikküste, Big Sur? Nichts als protzige Natur, die an die kulturlose Wüste der USA brandet. Und Acapulco, Kapstadt, die verschwitzten Strände der Karibik oder so etwas wie Sylt? Nach unwürdigen Konkurrentinnen dreht die Côte nicht mal den Kopf um. Parvenüs.

Unten in Cannes stolziert sie dir entgegen, die betagte Diva, in ihrem Licht und in ihrer Grandezza, vor dem glitzernden Meer und den alten Häusern, den Gassen und den Bistros, in denen die derbgesichtigen alten Männer sitzen, barfuß in blauen Segeltuchschuhen vor ihrem Pastis. Ihre ergebenen Statisten, die niemals von ihr lassen konnten. Und prompt haucht sie dir jenes Leben entgegen, das so viel gelebt hat und das sich um Sorgen niemals scheren würde. Nein, Madame verachtet Sorgen. Sorgen sind für Kretins.

Begrüßungs-Drink für 23 Euro

Erstmal ein Drink. Zum Ankommen, zum Befühlen. Du setzt dich hin, am berühmten Beachclub "Z Plage", unter Palmen und zu perlender Lounge-Musik, und nach zwei Minuten schiebt dir die Diva ihre erste Rechnung unter die Nase. "Un Gin Tonic, Monsieur? Avec Plaisir!" Um schlanke 23 Euro erleichtert sie dich. Eiskalt lächelnd, damit du gleich weißt, woran du bist.

Die Arme. Sie muss gelitten haben in den vielen Jahren. Wie jede Hure leidet, die alt wird und deren größte Gönner, deren Erfinder längst fort sind. Und ja, es waren große Namen, die es hier bunt getrieben haben. Zuerst kamen die Meister und ließen sich nieder. Van Gogh, Cézanne, Gaugin, Chagall, Picasso.

In der Belle Époque kamen die Zaren, die Könige Europas, um sich beim Polo und auf den Rennstrecken bei La Napoule zu tummeln. Es kamen Aga Khan und die Rothschilds, um 1929 das legendäre Casino am Palm Beach zu eröffnen, und sie hielten rauschende Bälle ab, gegen die jede heutige Oscar-Verleihung wie ein Kindergeburtstag bei Burger King anmutet. An den Pools tummelten sich bald Marlene Dietrich, Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald, und in den Dinnersalons stiegen Orgien der Dekadenz.

Für die Filmfestspiele tanzte Hollywood auf einem gecharterten Luxusdampfer aus Amerika an. Gary Cooper, Hitchcock, Orson Welles, Brando: Die Diva rollte ihre puffroten Teppiche aus, auf denen sich fortan die Crème de la Crème drängelte. Im "Eden Roc", in den Prunkhotels auf den Caps, residierten Lady Churchill, die Présidents, die Lenker der Welt. Beim Name-Dropping würde jede andere Küste erblassen.

Die Hure wurde berühmt. Und gierig. Sie nahm die Stones, die Mastrioannis, die Belmondos, die Bardot. In ihren Discos zappelten die "Vogue"-Models, die Côte wurde zum Mythos. Zum grandiosesten Luder aller Ufer der sieben Meere. Doch ihre großen Freier von einst sind längst weiter gezogen. Oder tot. Heute muss sich die Riviera mit dem Gemüse abgeben. Mit den Brad Pitts, Madonnas und George Clooneys. Den jämmerlichen Erben der altehrwürdigen Garde.

Diskretion ist Ehrensache

David Collas ist einer derjenigen, der mit den Allüren der Diva und ihrer heutigen Kunden vertraut ist. Er ist Herrscher über die Bars und Restaurants des "Martinez", einem der Fünf-Sterne-Paläste an der Croisette. Er kann ein paar hübsche Geschichten erzählen.

Wie die von Diego Maradonna und Penelope Cruz, die gleich hier am "Z Plage" barfuß im Sand tanzten. Was sie danach taten, bleibt freilich ein Geheimnis. "Wir kennen die Wünsche unserer Gäste", sagt Collas. "Aber wir würden nie darüber reden."

Ein als Clown verkleideter Afroamerikaner spielt am Piano in der dunkel gedimmten Hotelbar des "Martinez", drum herum, in tiefen Sesseln, sitzen heute Libanesen, Russen, Araber. Araber, die mit eigenen Köchen anreisen, die für die Sommersaison fünfzehn Mercedes-Limousinen einschiffen lassen, gleich zwei Etagen für Gäste und Diener mieten und die beim Concierge schon mal nach einem Heli verlangen, um zum Shoppen nach Paris zu fliegen. "Und diesen Heli", erzählt Monsieur Collas im blitzweißen Oberhemd, "sollte man besser innerhalb einer Stunde besorgt haben." Sonst ist das Hotel in der nächsten Saison einen guten Gast los. Und paar Millionen Petrodollar Umsatz dazu.

Spätestens jetzt weißt du, dass du ein Nichts bist. Die Diva nimmt dich nicht mal mehr an die Hand. Sie nimmt nur Oberliga. Die Adligen, die Oligarchen, die Schweizer Nummerkonten. Wenn gerade nichts Besseres da ist, weidet Madame auch mal die Jeunesse dorée aus, die sich unten am Niki Beach mit Champagnerschlachten gegenseitig überbietet. Um den Rekord zu brechen, bestellte ein 25-jähriger Papagallo letzten Sommer für 50.000 Euro 300 exakt auf sieben Grad gekühlte Flaschen "Moet & Chandon". Und spritzte sie mit seinen Freunden unter sengender Sonne über die Menge.

Die Hure liebt solche Kunden. Weil es gefundene Fressen sind und weil sie gelernt hat, sich nicht mehr zu schämen. Sie schickt ein paar ihrer Kellner vor, kassiert und lächelt. Und entblößt nicht mal ihr Knie dafür.

Köstlichkeiten und Kultur

Leise Geigen spielen im "Palme d'Or", dem besten Restaurant vor Ort. An diesem Abend gibt es eine Mise en Bouche, gefolgt von einer Blumenkohlemulsion mit Parmesanblättchen, danach pochierter Wolfsbarsch, getopt nur noch von den Birnenvariationen mit Basilikumsorbet. Christian Willer, der Koch der Köche, schwebt wie ein weißer Buddha zu den Tischen und parliert geduldig mit den Gästen. Er tut dies, weil sich die Diva ihre Spitzenköche nicht nur als Köche hält, sondern auch als Entertainer, als Schmeichler, als letzte Hüter ihres erlesenen Geschmacks.

Und wenn mal ein sehr reicher Amerikaner daherkommt und denkt, er sei jemand, dann geht sie genau hier mit ihm essen. Lässt ihn ein wenig an der Kultur der alten Welt schnuppern, schleudert ihm ein, zwei Sätze gestochen scharfes Französisch ins Gesicht und sieht genüsslich zu, wie der Amerikaner klein wird. Und zahlt.

Wie herrlich sie einen noch immer ausnehmen kann. Heute beherrscht sie auch diese Kunst in Perfektion. In den Läden von Dior, Chanel, Chloé. Riesige, schneeweiße Schaufenster, die mit zwei Paar sündhaft teuren Stöckelschuhen auskommen oder einem einzigen unbezahlbaren Kamtschatka-Nerz. Es gibt einen weisen Spruch, der besagt, dass wer das Beste kennt, das Gute nicht mehr erträgt. Es ist ein Spruch, der zu Mäßigung ermahnt, der vor Luxus und Maßlosigkeit warnt. Doch die Diva hält sich nicht an solche Regeln. Sie verachtet sie.

Abends erstrahlt die Bucht von Cannes. Die weißen Hotelfronten mit den großen Namen darüber. Die Lichter der Yachten, die Restaurants, die Casinos, die grün beleuchteten Palmen, die Bars, das Palais Croisette. Aus den Limousinen steigen jetzt die Herren in den unbezahlbaren Anzügen. Im "Palme d'Or" gehen die Austern und der Kaviar, und in der "Chunga Bar" tanzt schon das Gemüse und wird es bis zum Morgengrauen tun.

Es ist die Zeit, wenn die größte aller Huren die Bühne der Nacht betritt. Es ist die Zeit, sich ums Geschäft zu kümmern. Denn eine Weisheit kennt sie nur zu gut. Ewig lockt das Weib. Und je durchtriebener, desto besser.