Ærø in der Dänischen Südsee: Inselidylle mit grüner Zukunft
Dänisches Eiland Ærø Insel der Dickköpfe
Nils hat eine Vision. Von einer Welt, die auf ihre Ressourcen acht gibt. Von einer Gesellschaft, in der Kinder wieder ein Gefühl für die Natur haben, in der die Begriffe "für uns" und "Zukunft" mehr gelten als "für mich" und "heute". Und die kleine tiefschwarze Kuh, die ihren Hals neugierig reckt und an Nils' Ohr schnüffelt, ist Teil seiner Vision. Der 47-jährige ehemalige Manager hat seine lange Gestalt zusammengeklappt, hockt in Baumwollhemd und -hose auf der Weide seines Biohofs Vesteraas mitten auf der Insel Ærø und heißt mit vollem Namen Nils Ørum-Nielsen. Doch im wenig formellen Dänemark ist jeder sofort per Du. Also Nils.
Ein wenig liebt Nils das Dozieren, dafür wird er auch schon mal zu Vorträgen nach Japan eingeladen. Man müsse im Kleinen beginnen, was im Großen verändert werden solle, sagt er. Und so soll seine Rinderherde der seltenen Dexter-Rasse einen winzigen Teil des intensiv landwirtschaftlich bewirtschafteten Dänemarks zurück in eine wilde Landschaft verwandeln. In ungedüngte Wiesen mit Klee, Disteln und Orchideen, durch die sich Flüsschen schlängeln und in denen sich auch die fast ausgestorbene Rotbauchunke wieder wohl fühlt. Und sie soll auch dabei helfen, dass Ærø Schritt für Schritt ein "Best Practise"-Beispiel für nachhaltige Entwicklung wird, hofft Nils, vielleicht im Kleinen ein Modell für Großstädte.
Traum vom autarken Leben
Dabei hat die gerade mal 30 Kilometer lange Insel in der Dänischen Südsee so gar nichts von einer Großstadt an sich. Kaum von der Fähre gerollt, lernt der deutsche Highspeed-Autofahrer dänische Gelassenheit kennen - sein Vordermann cruist kaum schneller als 60 km/h über die verschlungenen Straßen. Hier gilt als Rushhour, wenn sich drei Autos an den zwei großen Kreuzungen der Insel begegnen, und in den kleinen Orten schließen die Läden früh. An diesem Sommertag leuchten die roten Beeren der Eberesche im sanften Licht des Nordens, die abgeernteten Felder schimmern golden auf, und Urlaubs-Radfahrer schnaufen über die unvermutet hügeligen Pfade.
Nils zog vor sechs Jahren mit seiner Frau Maja von Kopenhagen in diese Inselidylle, rüstete die örtliche Brauerei auf Ökobier um und bietet jetzt auf seinem Hof nachhaltig gebaute Ferienwohnungen an. Doch er ist nicht der hiesige Nachhaltigkeitspionier. Eine kleine Gruppe von Ærøern träumte schon vor Jahrzehnten von einer "grünen Insel", davon, sich von fossiler Energie unabhängig zu machen: Die ersten Windkrafträder der Insel wurden 1980 gebaut, mit drei neuen Rädern sollen die Anlagen im kommenden Jahr den Strombedarf aller 7000 Einwohner decken. Die heute größte Solaranlage der Welt mit 18.365 Quadratmetern startete 1995 als Test in Marstal im Süden von Ærø - nachdem die Heizkosten des örtlichen Schwimmbads in den Himmel stiegen.
Zur wirklich "grünen Insel" ist es jedoch noch ein langer Weg: Nicht immer waren sich die Ærøer einig über die störenden Windkrafttürme in der Landschaft. Zudem sorgt ein geplantes Schutzgebiet in der Dänischen Südsee bis zu einer Volksabstimmung im Oktober für heftige Diskussionen. Und für Abfall, Abwasser und Landwirtschaft "müssen wir noch innovative nachhaltige Lösungen entwickeln", sagt Nils. Aber schon träumt der Direktor der Verkehrsbetriebe von E-Bussen, gespeist mit Inselstrom. Drei Elektroautos in Blau und Gelb sind bereits für die Verwaltung im Einsatz - zu mieten auch für Touristen.
Carl, der Tourismusdirektor: Mehr Menschen braucht die Insel
Auch Carl Jørgen Heide hat eine Vision. Der Direktor für Tourismus und wirtschaftliche Entwicklung möchte die kleine Insel fit für die Zukunft machen - und für mehr Arbeitsplätze und mehr Einwohner sorgen. Waren es vor 25 Jahren noch 10.000, stagniert ihre Zahl heute bei 7000. Viele junge Leute gehen zur Ausbildung nach Odense auf Fünen oder nach Kopenhagen, wenige kommen wieder. Der 61-jährige voluminöse Mann hat schon viel bewegt in den drei Jahren, die er nun hier ist, sagen die Leute. Gerade musste er einen Arzt aus Bayern anwerben, ein dänischer Mediziner fand sich nicht.
Manchmal lädt er Familien aus Kopenhagen nach Ærø ein, will ihnen das Inselleben schmackhaft machen. Manche bleiben. Vielleicht auch weil die Insulaner hier keinen ausschließen: "Hier feiert niemand Weihnachten alleine", sagt Carl, und langweilig werde es auch nie, auch nicht im Winter: Bei 150 Vereinen gerate man fast in Stress - "Chor, Theater, Seifenkisten bauen, es gibt zu viel zu unternehmen". Das Eiland könnte mehr Touristen vertragen, das meint auch Nils. Zwar heißt es, dass im Juli und im August die vor allem dänischen Besucher den schönsten Ort der Insel, Ærøskøbing, fluten, sich bei den Segelregatten im Herbst die Boote in die kleinen Häfen zwängen.
Doch an diesem sonnigen Augusttag sitzen wenige Gäste in den Cafés der Vestergade, am Abend werden nur vereinzelte Gläser Øl in der Hafenkneipe gezapft. Und in der Dunkelheit zieht Stadtführer Jan Pedersen, ausgerüstet mit Morgenstern, Laterne und Nachtwächteruniform, den einzigen Trupp an Touristen hinter sich her, die sich längst in die schiefen Fachwerkhäuser und das bunte Stockrosenmeer über dem Kopfsteinpflaster verliebt haben.
Ihnen kommen die im Mittelalter angelegten Sträßchen wie ein Freilichtmuseum vor, und sie lauschen Jans Geschichten, vorgetragen in zackigem Dänisch und Deutsch: über "Flaske-Peter", der in den Vierzigern fast 1700 Buddelschiffe baute und von Königen aus aller Welt besucht wurde. Darüber, dass Ærø durch Schmuggel reich wurde - denn über Jahrhunderte bis 1864 gehörte die Insel zum Herzogtum Schleswig und lag außerhalb der Zollmauern des dänischen Königreichs. Jan erzählt, dass das denkmalgeschützte Ærøskøbing nun auch Unesco-Welterbe werden will. Die 1500 Seiten Begründung für den Antrag im vergangenen Jahr allerdings hätten nicht ausgereicht - die Uno-Organisation fordert dreimal so viel.
Erik, der Museumsleiter: "Wir sind nicht autoritätsgläubig"
Erik Kromann hat ebenfalls eine Vision. Die dänische und vor allem die Marstaler Schiffbaukultur dürfe nicht in Vergessenheit geraten, meint der sehnige 65-Jährige mit den fliegenden grauen Haaren. Immerhin war Marstal, der größte Ort Ærøs, im 19. Jahrhundert nach Kopenhagen der wichtigste Segelschiffhafen des Landes. Acht Werften drängelten sich an den Kais - heute sind es nur noch zwei.
Erik erzählt in "Wir"-Form, wenn er von den vielen Männern des Orts und seiner Familie erzählt, die als Matrosen, Steuermänner oder Kapitäne über die Meere der Welt bis nach Neufundland schipperten. Dabei währte seine eigene Zeit an Bord nicht lang: In den Achtzigern blieb er wegen seiner Kurzsichtigkeit an Land, übernahm vor 30 Jahren die Leitung des Schifffahrtsmuseums - und häuft dort Schätze aus aller Welt an.
Blaue Lackreste kleben an Eriks Armen; er kommt direkt aus dem Dock, in dem er dem Museumsfrachtschiff "Samka" den letzte Schliff gibt. Doch in einer provisorischen Werft gegenüber seinem Museum liegt aufgebockt sein neuestes Projekt: die 1914 gebaute "Bonavista", ein Marstal-Schoner, den Seefahrer weltweit an dem typischen herzförmigen Spiegelheck erkennen. Von einer Besucherbühne aus sollen so viele Menschen wie möglich die Renovierung verfolgen können, meint Erik. Pfingsten 2012 sei Stapellauf.
Wie Nils und Carl setzt auch Erik sich für sein Ærø ein. Im Jahr 2000 wollte die Regierung die renommierte Seefahrtsschule schließen, doch dem Museumsleiter und 2000 anderen Insulanern gefiel das nicht. "Wir sind wenig autoritätsgläubig", sagt er. "Was aus Kopenhagen kommt, wird hier nicht respektiert", sagt auch Carl. So organisierten die Aufmüpfigen Schiffe und Boote, setzten über die Ostsee zur Hauptstadt über. 5000 weitere Schulfans reisten zur Demonstration an - die Schließung wurde gestoppt.
"Wir sind Seeleute", sagt Erik über sich und alle Ærøer, "wir müssen schnell und vernünftig handeln, sonst fährt das Schiff auf Grund."