Der spanische Norden Baskische Schwestern
In die Felsen sind riesige rostige Schleifen geknüpft, jede zehn Tonnen schwer. Wenn das Meer vor San Sebastian übermütig wird, spritzt die Gischt durch den verwitterten Stahl, und die Spaziergänger bringen sich halb lachend, halb verschreckt in Sicherheit. Dort, wo die Steine enden und die Stadt beginnt, dort, wo andernorts Imbissbuden und Eisstände das Bild bestimmen würden, gibt es hier nur Pflastersteine, Skulpturen und den Blick auf das Meer.
"El Peine del Viento" - der Kamm des Windes - heißt das Werk des baskischen Künstlers Eduardo Chillida am Rande San Sebastians. Und selbst Besuchern, die mit abstrakten Plastiken sonst ihre liebe Not haben, dürfte das Wechselspiel zwischen den Elementen und den stählernen Zeichen gefallen.
Seit zwei Jahren hat der berühmte Baske in der Ortschaft Hernani, nur wenige Kilometer von San Sebastian entfernt, sogar ein eigenes Museum: Ein Bauernhof aus dem 16. Jahrhundert wurde von Chillida zur Galerie umgebaut. Das archaisch und doch zeitgemäß wirkende steinerne Gebäude sowie der dazugehörige Park bieten 150 Werken Platz und ziehen zahlreiche Kunstinteressierte aus dem In- und Ausland an.
Die Skulpturen am Meer und das Museum Chillida-Leku sind sehenswert. Doch wären die Besucherscharen sicher auch ohne den Lockruf der zeitgenössischen Kunst in das Seebad am Atlantik geströmt. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde San Sebastian von Königin Isabella II. zum Badeort erkoren. Zuletzt unternahm die 180.000-Einwohner-Stadt im Jahr 1995 gewaltige Anstrengungen, um ihre Attraktivität als Badeort noch einmal zu steigern: Wochenlang rumpelte Laster um Laster durch die engen Straßen der Altstadt - mit Sand aus den Bergen wurde der bei Surfern beliebte Strand La Zurriola verbreitert.
In der ehemals eher nüchternen Industriestadt Bilbao hingegen ist die Kultur in Gestalt des Guggenheim Museums zum Motor des Tourismus und zum Symbol des wirtschaftlichen Wiederaufschwunges geworden. Von dem kühnen Bauwerk mit seinem 55 Meter hohen, lichtdurchfluteten Atrium und seinen waghalsig geschnittenen Wänden lassen sich pro Jahr mehr als eine Million Menschen begeistern.
Vor der Eröffnung des Museums im Jahre 1997 sei der Tourismus auf die Küstenorte begrenzt gewesen, sagt Koro Garmendia, in Bilbao stellvertretende Ministerin für Handel, Industrie und Tourismus. Jetzt gebe es immer mehr Besucher, die eigens anreisten, um den Guggenheim-Fisch mit seinen Schuppen aus Titan selbst in Augenschein nehmen zu können. Die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland.
Die lange Vergangenheit als Stahlhüttenstandort ist der Stadt noch deutlich anzumerken. Wer dem Fluss Ria de Bilbao in Richtung Hafen folgt, stößt auf zahlreiche verlassene Lagerhäuser und Industriegebäude, die wie gestrandete Boote am Ufer des großen Flusses liegen. Von 10.000 Hochöfen sind nur noch 300 übrig geblieben, zeitweilig lag die Arbeitslosenrate bei 20 Prozent, berichtet Ignacio Azcuna, Bürgermeister der Stadt.
Azcuna, ein gemäßigter Nationalist, rechnet auch die Aktivitäten der Separatistenorganisation Eta und ihrer politischen Unterstützergruppen zum problematischen Erbe Bilbaos. "Aber es gibt kein Übel, das 100 Jahre währt", sagt der jovial wirkende Herr mit der großen randlosen Brille optimistisch. Im übrigen sei die Kleinkriminalität, die Touristen in der Regel stärker betrifft, als Terroranschläge auf Verwaltungsgebäude oder missliebige Politiker, im Baskenland geringer als in anderen Teilen Spaniens. "Und sie können auch als Frau nachts allein durch die Stadt gehen", ergänzt Tourismusministerin Garmendia.
Politisch setzt man auf eine Doppelstrategie aus konsequenter Strafverfolgung und Verhandlungen, beim wirtschaftlichen Neuanfang auf Modernisierung im großen Stil: Zu den Vorzeigeprojekten zählen neben dem Guggenheim Museum der postmoderne Flughafen, die neue Metro sowie die zwei riesenhaften Bürotürme, die auf dem Gelände eines alten Lagerhauses entstehen sollen.
Dabei hat sich die geschäftige Stadt ein sanftes Herz bewahrt: Ebenso wie in San Sebastian ist die Altstadt Bilbaos ein Ort, der wie verzaubert scheint, von der Sehnsucht der Menschen, einander nahe zu sein, ohne allzu viel von sich preiszugeben. "Man lädt sich nicht nach Hause ein", erklärt Hans Harms, ein promovierter Geisteswissenschaftler aus Jever in Norddeutschland, der seit über zehn Jahren in San Sebastian lebt und arbeitet.
Selbst am Geburtstag ziehe man mit den Freunden von Bar zu Bar. Gut für die Reisenden - so kommen auch sie in den Genuss eines riesigen Angebotes von Köstlichkeiten wie den Pinchos, auf Zahnstocher aufgefädelte Appetithappen, oder dem Txakoli, einem jungen Weißwein, der aus atemberaubender Höhe in dickwandige Gläser eingeschenkt wird.
Für das gesamte Baskenland gilt, dass im Sommer ständig irgendwo ein Volks- oder Kulturfest gefeiert wird. Zu den Großereignissen gehören die "Semana Grande"-Feste in Bilbao und San Sebastian (August), das Jazzfestival Jazzaldia in San Sebastian (Juli) und das international beachtete Filmfestival in San Sebastian (September).
Auch in den kleineren Ortschaften werden zahlreiche Feste organisiert, die Städte sind aber auch an ganz normalen Sommertagen einen Besuch wert. So führt die kurvenreiche Küstenstraße zwischen Bilbao und San Sebastian vorüber an eng bebauten, quirligen Hafenstädtchen, die sich - wie etwa Lekeitio oder Bermeo - ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben.
Lohnenswert ist auch ein Abstecher in das Landesinnere nach Guernica. In der Stadt, die traurige Berühmtheit durch das verheerende Bombardement der berüchtigten Legion Condor im Jahr 1937 errang, kann der Baum von Guernica betrachtet werden. Eine für deutsche Augen eher unscheinbare Eiche gilt als Symbol baskischer Unabhängigkeit. Wer will, macht noch einen Spaziergang durch den angrenzenden Park und trifft auch hier wieder auf Kunst: Skulpturen von Henry Moore und - natürlich - Chillida.