Dolomiten-Bergtour: Jeder Schritt ein Risiko - DER SPIEGEL
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Dolomiten-Bergtour Jeder Schritt ein Risiko

Auf rostigen Eisentritten zum Gipfel: Die Tour auf den höchsten Berg der Dolomiten ist nichts für furchtsame Gemüter. Als Schauplatz des Ersten Weltkriegs lockt die Marmolada auch Geschichtsinteressierte an - manche vergessen vor lauter Begeisterung, an ihre Sicherheit zu denken.
Von Christian Schreiber
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von allen Seiten fliegen die weißen Fetzen heran. Über dem Sellastock hängt eine dicke Wolkenschicht, die immer tiefer sinkt und bereits den Piz Boé kitzelt. Wir beobachten das Spiel der Wolken aus einigen Kilometern Entfernung, über uns wirft die Sonne noch ihr kräftiges Licht auf die blauen, roten und gelben Kletterhelme.

Noch ist der Marmolada-Gipfel nicht erreicht, aber die allerletzten Meter zum Kreuz des höchsten Dolomiten-Gipfels (3343 Meter) verlaufen auf einem breiten, ungefährlichen Grat, die Karabiner des Klettersteigsets baumeln nur noch am Gürtel und müssen nicht mehr übers Drahtseil rutschen.

Der Aufstieg ist eine Mischung aus hochalpiner Tour mit Gletscher-Querung und geschichtsträchtiger Ferrata, die selbst hier in den Dolomiten einzigartig ist. Nach einem strengen Winter kann der Anstieg über den Westgrat sogar im Juli noch von einer Eisschicht bedeckt sein und die Gipfelstürmer müssen mit Steigeisen über die Trittbügel gehen. Wir aber nicht. Nach dem kleinen Gletscher haben wir unsere Schuhe von den Aufstiegshilfen befreit und aus dem Rucksack den Klettergurt herausgekramt.

Bergführer Otmar Prinoth ist als Erster fertig mit dem Umrüsten und nutzt die Gelegenheit für einen kleinen Crash-Kurs über die Vergangenheit der Marmolada: Sie war Kampfgebiet im Ersten Weltkrieg. Die Österreicher sollen tiefe Stollen in den dicken Eispanzer gesprengt und eine unterirdische Eisstadt errichtet haben, um den Berg gegen die Italiener zu verteidigen. In Zeiten des Klimawandels sind davon natürlich keine Spuren mehr sichtbar, die Sonne hat kräftig an der Eisschicht genagt.

Prinoth wird sich später zwischen Marmolada-Hütte und Gipfelkreuz aufbauen, die nur wenige Meter voneinander entfernt sind, sich auf Zehenspitzen stellen und seine Arme gen Himmel recken. "So hoch waren hier Schnee und Eis noch vor fünfzehn Jahren." Jetzt liegt hier der blanke Fels, das Gletschereis fängt erst zwei, drei Meter weiter unten an.

Auf der Route der Soldaten

Die Marmolada hat den Krieg aber nicht aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Während des Aufstiegs tauchen nur wenige Meter neben den Stahlseilen uralte, vor sich hin rostende Strommasten auf. Und der Klettersteig selbst ist schließlich ein Relikt aus der blutigen Zeit. Natürlich wurde nachgebessert, ausgebessert, aufgebessert. Viele Tritte sind aber noch original, man sieht ihnen die Jahre nicht unbedingt an.

Bergführer Prinoth weist immer rechtzeitig darauf hin, wenn wieder ein betagter Abschnitt kommt. Mit nervenschwachen Gästen sollte er das nicht unbedingt machen. Welcher Bergsteiger hört schon gern, dass er seinen Stiefel gerade auf einen 90 Jahre alten Trittbügel setzt? Und die Ferrata auf die Marmolada wird auch von Leuten begangen, die nicht den absoluten Nervenkitzel suchen. Sie ist für Dolomiten-Verhältnisse einfach. Gefährlich wird die Tour allerdings beim Abstieg über den Gletscher, der nun vor uns liegt.

Die Gipfelfotos sind gemacht, der Hüttenwirt hat sich über unseren Teekonsum gefreut und der Sellastock ist nun in Wolken gehüllt, von seiner ohnehin schmalen Südseite kaum mehr etwas zu sehen. Der Rückweg zur Seilbahn-Station verläuft, abgesehen von einem kleinen Felsband, komplett auf Eis, was aber auch ganz normale Wanderer nicht von ihrem Gipfelsturm abgehalten hat. Und so rutschen die Touristen vor uns übers blanke Eis. Ohne Seil, in kurzen Hosen, noch nicht einmal Stöcke haben sie dabei. Diesmal geht es gut.

Touristen, Bergsteiger, Wanderer, Bergführer werden am Fuße des Gletschers von einer Gondelbahn aufgenommen, die hinabführt zum Fedaiasee und bei der langen Fahrt genügend Zeit lässt zum Grübeln. Den einen oder anderen beschäftigt sicher die Frage, was der deutsche TÜV wohl zu Müllkörben mit Eisenstäben sagen würde, die in jeder Großstadt zwischen Kaufhäusern und Fast-Food-Restaurants stehen könnten, hier aber jeweils zwei Wanderer in mehr als 2000 Metern über dem Meeresspiegel von A nach B befördern.

Wir verdrängen das Thema und lenken unsere Gedanken lieber auf den gestrigen Tag, den Auftakt unseres Ferrata-Kurztripps mit dem Motto: immer den Sellastock im Blick. Schon bei der Ankunft in unserem Hotel im Grödnertal haben wir ein Stückchen des Bergmassivs gesehen, das die Italiener ganz langweilig Gruppo di Sella getauft haben.

Da waren die deutschsprachigen Südtiroler eindeutig kreativer. Die Berggruppe rund um ihre höchste Erhebung, den Piz Boé (3152 Meter), sieht tatsächlich aus wie ein überdimensionierter Hackstock. Vor allem von Westen aus betrachtet, wo wir unsere erste Sellastock-im-Blick-Ferrata gestartet haben: auf den Gipfel des kleinen Col Rodella.

Drahtseilakt für Trittsichere

Der Hügel geht in dieser imposanten Dolomiten-Bergwelt bestenfalls als Zwerg durch, trägt nicht einmal einen eigenen Namen und wurde deswegen nach einer Bergbahn benannt. Dafür spendierten ihm die Südtiroler auf seiner Westseite eine knackigsportliche Ferrata, die ganz schön an den Nerven zerrt.

Vor allem, wenn man an der Schlüsselstelle warten muss und sieht, wie sich andere mit zittrigen Beinen um das luftige Eck hangeln, dem die Erbauer lediglich ein Drahtseil verpasst haben. Kein künstlicher Tritt. Kein natürlicher Tritt. Nur speckiger, steil abfallender Fels.

Der Steig selbst verlangt nur etwa eine Stunde Gehzeit, aber mit dem Gipfel haben einige Bergsteiger ihre Grenzen erreicht. Die ersten Minuten haben sie keinen Blick für den Sellastock, der sich gestern mit voller Wucht gezeigt hat, weil der Nordwind die Wolken weggeblasen hatte.

Den Schön-Wetter-Wind würden wir uns jetzt auch wünschen, aber immerhin haben wir Glück, dass das Gewitter erst nach der Fahrt in den Müllkörben einsetzt. Weil wir für die Marmolada früh aufgestanden sind, bleibt am Nachmittag noch Zeit für einen Sigthseeing-Trip im Grödnertal, der Heimat von Luis Trenker. Touristen könnten glatt meinen, Padre Pio stammte auch aus dem Tal, das sich ostwärts zu den Dolomiten-Gipfeln hin schlängelt.

Überall grüßen heilige Holzkameraden. Gröden hat eine lange Tradition in Sachen Schnitzerei. Noch immer gibt es gut hundert Einheimische, die Maria mit Jesuskind aus einem Stamm Zirbenholz schälen können. Nur finden sich immer weniger Käufer, weswegen sich die Handwerker zunehmend von der Tradition verabschieden.

Spektakuläre Werke sind gefragt: So haben die Grödner einen Großauftrag von einer Sportartikel-Firma bekommen und Bergsteigerfiguren in Lebensgröße geschnitzt, Hermann Buhl oder Paul Grohmann zum Beispiel. Aber bei keinem baumelt ein Klettersteigset um den Bauch. Die Figuren haben ihren Ruhm schon lange vor dem aktuellen Ferrata-Boom erlangt.

Völkerwanderung zum Grand Cir

Das Grödnertal erlebt seit einigen Jahren einen wahren Ferratisti-Ansturm. Im Hochsommer bedeutet das auf dem berühmten Pisciadù-Klettersteig Stau vom ersten Stahlseil bis zur finalen Hängebrücke. Wir dagegen haben uns für den letzten Tag eine vergleichsweise ruhige Route auf die Kleine Cirspitze vorgenommen.

Selbst hier kommt der Bergsteiger an Schnitzkunst vorbei, gleich nach der Einstiegsleiter wartet in einer Felsnische eine Holz-Madonna. Streng blickt sie an den Klettersteiggehern vorbei, hinüber zur Gran Cir (2592 Meter), die im Laufe des Vormittags eine Völkerwanderung erlebt. Wir dagegen schwingen uns gemütlich auf Fels und Stein nach oben und genießen traumhafte Ausblicke aufs Grödnertal.

Der Klettersteig gehört zu den wenigen in der Region, bei denen das letzte Seil unmittelbar am Gipfelkreuz endet. Mehr als sechs, sieben Bergsteiger haben hier oben nicht Platz. Es wird langsam eng, aber so schnell gibt heute keiner seinen Platz frei. Fasziniert blicken alle nach Süden, zum Sellastock. Freier Blick. Die Regenwolken machen heute woanders Station.