Dolomiten Pfad der Friedenstaube
München - Der Erste Weltkrieg hat seine Spuren in den Dolomiten hinterlassen: Graue Betonklötze krallen sich in den Fels, erodierte Militärstraßen spannen ihr Netz über die Bergflanken, und die überwachsenen Trichter in den Almen zeugen von den Granaten, mit denen sich Österreich-Ungarn und Italien hier gegenseitig von der Bergfront bomben wollten. Der "Sentiero della pace", wie die Italiener den Pfad nennen, führt Wanderer auf einer Gesamtlänge von fast 500 Kilometern an diesen stummen Zeugen der Geschichte vorbei.
Die ehemalige Kampfzone zieht sich in einer weit geschwungenen Kurve vom Stilfser Joch im Nordwesten über das Ortlermassiv und die Brentagruppe in den Süden bis ans Ufer des Gardasees. Und von Riva über Dolomitenpässe wie den Passo Rolle und die Marmolatagruppe in den Nordosten über die Drei Zinnen zum Kreuzberg. Wer den gesamten Verlauf des Sentiero della Pace abwandern will, hat etwa 30 Etappen vor sich. Teils geht es über hochalpines Gelände mit gesicherten Klettersteigen - den sogenannten "via ferrata". Erst 1973 begannen erste Gruppen, Befestigungen und Wege zu sichern und das Geschehene zu dokumentieren. Dann, von 1986 bis 1996, wurde im Rahmen eines staatlichen italienischen Arbeitsbeschaffungsprogramms der Friedensweg in seiner heutigen Form angelegt.
Der "Sentiero" führt durch unvergessliche Landschaften: So erstrecken sich die Wiesen über die Hochebene von Lavarone im Folgaria im Trentino unendlich grün und friedvoll. Allerdings ist es nicht immer ganz einfach, den Wanderzeichen mit der weißen Friedenstaube zu folgen. Oft versteckt sich der Hinweis, wo der Wanderer ihn am nötigsten braucht. Dafür ist der Vogel an geraden Strecken gleich mehrfach an denselben Baum gepinselt. Trotz seiner landschaftlichen Schönheit und der historischen Bedeutung hat sich der Friedenspfad nie als einer der populären Alpenwanderwege durchgesetzt. Weite Strecken sind daher sehr einsam, und nicht an allen Abschnitten gibt es Unterkünfte - eine logistische Herausforderung.
Gipfel wurde mit Nitrogelatine zerstört
Am 23. Mai 1915 erklärte Italiens König Vittorio Emanuele III. der österreichisch-ungarischen Monarchie den Krieg, drei Wochen nachdem Italien aus dem Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn ausgetreten war. Bereits in den Jahren zuvor waren gigantische Fortanlagen nach damals modernster Kriegstechnik gebaut worden, wie die Anlagen auf dem Pasubio oder das Werk Belvedere: Im Innern der zum Museum umgebauten Festungsanlage fühlt sich der Besucher wie im Rumpf eines alten Schlachtschiffs, feuchter Modergeruch durchzieht die dunklen Gänge.
Der Krieg tobte vor allem auf den Bergkuppen, selbst auf die 3300 Meter hohe Marmolata wurden Kanonen gehievt. Berüchtigt ist der 2462 Meter hohe Col die Lana, den die Italiener heute Col de Sangue - Berg des Blutes - nennen. Am 17. April 1916 um 23.30 Uhr zündeten die italienischen Truppen die Sprengladung, die sie in monatelang gegrabenen Stollen unter den Gipfel getrieben hatten. 5000 Kilogramm Nitrogelatine hoben den Gipfel an und ließen ihn in einen 100 Meter breiten Trichter zusammensacken. Heute erinnert immer noch der bewachsene Krater an diese Nacht.
Auf 150.000 bis 180.000 Tote auf beiden Seiten wird die Opferzahl des Gebirgskrieges zwischen 1915 und 1918 geschätzt. Rund zwei Drittel davon kamen durch Lawinen, Bergrutsche oder die Kälte zu Tode. Allein vom 10. bis zum 13. Dezember 1916 starben mehr als 10.000 Menschen. Auf dem Pasubio betrug die Schneehöhe neun Meter, eine Pionierkompanie verschwand für immer im Schneesturm.
Zimbrische Sprachinsel
Der Friedensweg führt zu fast vergessenen Kulturen. Um das 12. Jahrhundert hatten sich hier die aus Bayern stammenden Zimbern angesiedelt: Mit der Begrüßung "Guuten Thak!" fühlt sich der Deutsche auf dem Luserna Hof fast wie zu Hause. Doch beim Blick auf den zimbrischen Fernsehsender und Lauschen der Unterhaltungen der anderen Gäste wird rasch klar, dass diese Sprache ein ganz eigenes Vokabular hat. Heute ist Lusern einer der letzten Orte, der aufgrund seiner isolierten Lage weitgehend das Zimbrische konserviert hat. Nur wenige Kilometer weiter diente Luis Trenker 1916 im Werk Verle bei Trient. Seine Erlebnisse bildeten die Basis für Bücher wie "Berge in Flammen" und "Sperrfort Rocca Alta".
Der Friedenspfad ist kein Weg für Kriegstouristen, sondern für geschichtsbegeisterte Bergfans, die ausgetretene Pfade verlassen möchten. Ein italienisches Sprichwort sagt: "Menschen gehen, Berge bestehen". Wer sich Zeit nimmt, hat auf dem Friedenspfad manchmal das Gefühl, dass Berge sogar erzählen können.
Von Jochen Hägele, ddp