Eisenbahnmuseen Nostalgie unter Dampf
Nürnberg/Frankfurt/Main - Fasziniert starren die Männer mit gezückten Foto- und Videoapparaten auf das große Tor. Langsam öffnet es sich und gibt den Blick auf einen Veteranen des Eisenbahnverkehrs frei. Im Schritttempo rollt leise fauchend eine Dampflokomotive heraus. "Eine alte 99er", stellt Alois Wimmer mit Kennerblick fest. "Sie wurde 1938 bei Henschel gebaut." Der Eisenbahnfan ist aus Graz in Österreich bis nach Binz auf Rügen gereist, um den "Rasenden Roland" in Aktion zu sehen - eine Art Museumsbahn der Spur 750 Millimeter im so genannten Regelverkehr.
Jedes Jahr im Frühjahr gehen die Liebhaber alter Lokomotiven auf Reisen, um in den deutschen Eisenbahnmuseen und bei Museumsbahnen die zu Dutzenden noch erhaltenen Dampfrösser zu bewundern. Diese haben auch im Zeitalter modernster Computertechnik nichts von ihrem Reiz verloren - im Gegenteil. "Das Interesse an der Industriekultur ist zunehmend", sagt Heimo Echensperger, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Museums- und Touristikbahnen (VDTM). Die Statistik weist mehr als 300.000 Besucher pro Jahr in den Lok-Museen aus.
Auf besonderes Interesse treffen die stählernen Ungetüme überall dort, wo sie aus eigener Kraft noch rollen und möglichst Züge ziehen - wenn auch nur im Schneckentempo und über kurze Strecken. Reisekomfort erwartet auf diesen Strecken niemand, dafür ausgiebige Informationen über die mehrere Tonnen schweren Maschinen möglichst mit Blick in die Betriebswerkstatt. Der stellvertretende VDTM-Vorsitzende Günther Steinhauer schätzt die Zahl der erhaltenen Dampflokomotiven auf 1500. "Etwa 180 davon sind betriebsfähig."
In Westdeutschland wurden die Dampflokomotiven, die mehr als ein Jahrhundert lang Züge durch Europa schleppten, erst 1977 außer Dienst gestellt. In der DDR fuhren sie noch ein paar Jahre länger. Technik und Geschichte lassen sich besonders gut im Deutschen Eisenbahnmuseum in Nürnberg studieren. "Eines unserer Prachtstücke ist die "Nordgau" aus dem Jahr 1853, die älteste in Deutschland erhaltene Dampflok. Sie war mehr als 50 Jahre in Betrieb", sagt Sprecherin Antje Bittner.
Auch andere Verkehrsmuseen zeigen Besonderheiten. In Dresden etwa können Besucher die "Saxonia" sehen, die erste in Deutschland konstruierte Dampflok. Es ist allerdings nicht das längst verschrottete Original aus dem Jahr 1839, sondern ein originalgetreuer Nachbau aus dem Jahr 1989.
In Neuenmarkt in Oberfranken wartet das Deutsche Dampflokomotiv-Museum (DDM) auf Besucher. Ausgestellt sind etwa zwei Dutzend der Riesen, darunter ein bahntechnisches "Schmankerl", wie Barbara Bergmann von der Verwaltung erklärt: "Die Schnellzuglokomotive 10 001 aus dem Jahr 1956, von der überhaupt nur zwei Stück gebaut worden sind." Für einen Imbiss steht ein renovierter und bewirtschafteter Mitropa-Speisewagen von 1935 bereit.
Das Bayerische Eisenbahnmuseum in Nördlingen mit den Museumsbahnen Nördlingen-Dinkelsbühl und Nördlingen-Gunzenhausen nennt 28 Dampfrösser sein Eigen. "Sehenswert ist die grüne Bayerische Schnellzuglok S 3-6 aus dem Jahr 1918", sagt Ekkehard Böhnlein zum Bestand. "Wir veranstalten mit den Veteranen auch Nostalgiefahrten."
Der Verein "Historische Eisenbahn Frankfurt" zeigt ebenfalls ein besonderes Exemplar aus der Bahnhistorie: Die vor 70 Jahren bei Krupp in Essen gebaute Schnellzug-Lok 01 118 ist die Einzige dieser Reihe, die seit ihrer Indienststellung ununterbrochen betriebsfähig ist. Sie hat inzwischen etwa 3,5 Millionen Fahrkilometer zurückgelegt. Die 24 Meter lange Maschine wiegt insgesamt etwa 170 Tonnen und zieht mit ihren 2240 PS heute Züge auf Sonderfahrten.
Dampflokromantik bietet das Eisenbahnmuseum der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (DGEG) in Bochum-Dahlhausen. "Wir haben hier zwölf betriebsfähige Dampfloks", erläutert Sönke Windelschmidt, einer der Verantwortlichen. "Von Jahr zu Jahr kommen kontinuierlich mehr Besucher. Das Interesse an der 'alten Bahn' wächst." Kein Wunder, denn die Anlage verfügt über einen historischen halbrunden Lokschuppen aus dem Jahr 1918 mit einer typischen Drehscheibe davor, über die die Maschinen in die gewünschte Richtung manövriert wurden. Ein Wasserturm und ein Kohlenkran sowie ein nahe gelegenes Bahnhofsgebäude aus den zwanziger Jahren runden das Bild ab. Eine Dampflokomotive aus dem Jahr 1918 zieht den Museumszug.
Besonders beliebt bei Bahnfans sind die unter Denkmalschutz stehenden Harzer Schmalspurbahnen (HSB), deren ältestes betriebsbereites Exemplar aus dem Jahr 1897 stammt. Die 1927 errichtete Werkstatthalle in Wernigerode öffnet für Besucher jeden Freitagnachmittag sowie nach Voranmeldung. "Wir haben auch zwei Mallet-Loks, die eigens für Gebirgsfahrten konstruiert wurden", sagt HSB-Betriebsleiter Jörg Bauer. Etwa zwei Dutzend Dampfrösser bedienen den Schienenverkehr nach regulärem Fahrplan auf einer Strecke von 131 Kilometern. Hier lässt sich Dampflokromantik hautnah erleben.
Von Horst Heinz Grimm, gms