El Hierro Taucherparadies mit Öko-Ehrgeiz
So also müssen Teneriffa und Gran Canaria vor gut 30 Jahren ausgesehen haben: Zwischen Weinfeldern, Bananen- und Ananasplantagen im El-Golfo-Tal auf der Insel El Hierro erhebt sich romantisch auf einem Hügel ein frei stehender Glockenturm der Pfarrkirche von Frontera. Aus Angst vor Piraten bauten die Einwohner das dazugehörige Kirchenschiff unterhalb des Hügels, damit man vom Meer aus nicht die prächtige Kirche sehen konnte, die Seeräuber womöglich auf dumme Gedanken gebracht hätte.
Nur zwei, drei weitere Bergdörfer sind aus der luftigen Höhe an der Nordküste El Hierros zu erkennen. Dabei gehört das fruchtbare El-Golfo-Tal noch zu den am dichtesten bewohnten Regionen der Insel.
Das Leben auf dem kleinsten und westlichsten Eiland der Kanarischen Inseln ist ruhig und beschaulich. Es gibt keine größeren Städte, keine Industrie, keine Autobahnen. Die knapp 10.500 Inselbewohner leben hauptsächlich vom Fischfang oder bauen Ananas, Bananen, Mangos, Papayas, Wein, Kartoffeln und Feigen an. Der Massentourismus, der von den anderen Kanaren-Inseln mit all seinen negativen Folgen Besitz ergriffen hat, ist an El Hierro praktisch spurlos vorbeigegangen.
Strom aus Wind und Wasser
Gerade einmal 60.000 Touristen kommen pro Jahr auf die Insel, die nur über zehn mittelgroße Hotels verfügt. Die Einwohner haben sich bisher so bewusst gegen den Massentourismus entschieden, dass es nicht einmal vom spanischen Festland Direktflüge auf die Insel gibt.
Überraschenderweise kennen auch die Einwohner anderer Kanaren-Inseln El Hierro nur selten. So nennen die Herreños ihre Insel auch heute noch "die Vergessene" - das allerdings könnte sich schon bald ändern.
Nicht nur wegen der riesigen Kiefernwälder, die im gebirgigen Inselinneren die bis zu tausend kleinen Vulkankrater durchziehen, soll El Hierro als "grüne" und nicht mehr als "vergessene" Insel in die Urlaubsbroschüren eingehen. Ende 2009 wird sie die erste große bewohnte Insel der Welt sein, die ihren gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen bezieht. Dafür ist auf El Hierro nicht viel nötig: Drei Windräder und zwei Wasserkraftwerke reichen aus. Das Energieprojekt passt zum gewünschten Image der "grünen Insel". Schon seit Jahren bemüht sich die Inselregierung darum, ihr Eiland als "ökologische Insel" touristisch und wirtschaftlich zu vermarkten.
"Wir haben keine langen, weißen Sandstrände wie Gran Canaria, und die Insel ist nur schwer zu erreichen. Deshalb müssen wir uns Marktlücken wie den umweltbewussten Qualitätstourismus suchen oder uns gegen die Großproduktionen auf Teneriffa mit ökologisch angebautem Obst auf dem Markt durchsetzen", sagt Javier Morales, stellvertretender Bürgermeister der Inselhauptstadt Valverde. So wurden in den vergangenen drei Jahren die Wanderwege ausgebaut.
Fischfangverbot kurbelt Tauchtourismus an
Ananas- und Bananenbauer wurden zum Umstieg auf ökologischen Anbau ermuntert und die wenigen öffentlichen Busse mit Wasserstoff als Treibstoff ausgestattet. Bereits im Jahre 2000 erhielt die gesamte Insel die Auszeichnung als Unesco-Biosphärenreservat. Es gibt fünf Naturschutzgebiete und das Meeresschutzgebiet Punta de La Restinga. Das Meeresschutzgebiet, eines der Ersten auf den Kanaren, hat solch einen Erfolg, dass derzeit geprüft wird, in zwei oder drei Jahren noch weitere Küstenabschnitte unter Naturschutz zu stellen.
"Durch das Fischfangverbot in diesen Zonen nahm der Fischreichtum unheimlich zu. Das kurbelte nicht nur den für uns wichtigen Tauchtourismus enorm an, sondern gab auch den Fischern bessere Zukunftschancen", erklärt Javier Morales. Durch das Fischfangverbot an der Punta de La Restinga haben sich die Fische wieder so weit ausgebreitet, dass die lokalen Fischer nicht mehr auf die Fangzonen vor der afrikanischen Küste angewiesen sind. Andere Kanareninseln wie Gran Canaria und Teneriffa wollen dem Beispiel El Hierros folgen.
Vom Endpunkt der Welt zum Taucherparadies
El Hierro gilt heute als Taucherparadies: In den Grotten und an den abfallenden Felswänden sind Begegnungen mit Rochen, Barrakudas und sogar Haien, Delfinen und Walen keine Seltenheit. Vor allem "El Bajón", eine aus fast 100 Meter Tiefe aufsteigende Felsnadel, zieht jährlich Hunderte Taucher an. Das Riff liegt direkt vor einer kleinen Bucht aus Lavagestein, in der Christoph Kolumbus wochenlang ankerte, bevor er 1492 endgültig über den Atlantik zur Entdeckung Amerikas fuhr. El Hierro war damals das westliche Ende der bekannten Welt, weshalb hier auch der erste Meridian, der "Meridian null" angesetzt wurde, bis ihn die Engländer im Jahre 1884 mit nach Greenwich nahmen.
Heute steht an dem Ort der Leuchtturm "Faro de Orchilla", von dem aus spektakuläre Sonnenuntergänge beobachtet werden können.
Schon die alten Römer kannten das Eiland als westlichsten Punkt der Erde. Mit dem Niedergang des römischen Reiches gerieten die Kanaren jedoch in Vergessenheit, so dass die von nordafrikanischen Berbervölkern abstammenden Ureinwohner El Hierros, die Bimbaches, bis zur Ankunft der Spanier 1405 auf dem Niveau von Steinzeitmenschen weiterlebten. Die Bimbaches nannten ihre Insel "Ecero", was "stark" bedeutet. Vermutlich entwickelte sich daraus später der spanische Name "Hierro". Manche Dörfer wie Tamaduste, Taibique oder Echedo tragen noch heute Namen aus der alten Bimbache-Sprache.
Heimat für seltene Rieseneidechsen
Nur auf Hierro finden Urlauber auch eine Art von Rieseneidechsen, unter anderem in einer Zuchtanstalt bei Frontera. Lange Zeit galt sie als ausgestorben, bis 1974 ein Viehhirte im Gebirge einige Exemplare entdeckte. Mittlerweile leben wieder mehrere Hundert der bis zu 70 Zentimeter langen Echsen in den Steilhängen des Risco de Tibataje.
Eine weitere Attraktion ist das Dorf Guinea im El-Golfo-Tal, ein archäologisches Freilichtmuseum, in dem Besuchern gezeigt wird, wie die Einwohner El Hierros vor Jahrhunderten lebten. Die halbrunde Bucht El Golfo entstand vor etwa 50 000 Jahren nach einem Erdbeben, bei dem ein Drittel der Insel im Meer versank.
Oberhalb der heute schroff und bis zu 1000 Meter abfallenden Felskanten bieten Aussichtsplattformen wie der Mirador de Bascos und der Mirador de la Peña schöne Panoramablicke auf das Tal und den Atlantik. Der Mirador de la Peña, ein Werk des Künstlers César Manrique, beherbergt außerdem ein Restaurant, dessen Besuch lohnt.
Verkrüppelter Wacholderbaum als Wahrzeichen
Versteckt zwischen Lavafeldern und Bananenplantagen, laden Buchten wie der Charco Azul und La Maceta zum Baden ein. Der schönste Strand El Hierros befindet sich jedoch im Westen der Insel: Die Playa del Verodal mit ihrem rötlich-schwarzen Sand ist ein Produkt des letzten Vulkanausbruches 1793, der vor allem den Südwesten mit pechschwarzen Lavafeldern überzog.
Hier in der Hochebene von La Dehesa prägen von den Passatwinden skurril verformte Wacholderbäume die Landschaft. Ein gigantischer Wacholderbaum, dessen verkrüppelter Stamm im rechten Winkel gekrümmt ist, gilt heute als Wahrzeichen der Insel. Nur eine staubige Piste führt in diese mystisch wirkende Landschaft. Manche Vulkankrater reichen fast bis zum Meer herunter - so auch in der Bucht von Tacorón, wo sich ein Naturpool mit klarem Wasser befindet.
Die Insel ist nicht überall so karg und felsig wie im Süden. Im Norden locken saftige Weidelandschaften sowie grüne Hochebenen mit riesigen Kiefernwäldern. Durch das Innere der Insel ziehen sich Berge, in denen sich die Passatwolken verfangen und sich ein dichter Nebelwald gebildet hat. Wanderwege führen durch mit Moos bewachsene Lorbeerwälder, die wie ein verzauberter Märchenwald wirken. Auf alten, teils aus Lavasteinen gebauten Pfaden kann der Wanderer stundenlang durch die Wälder ziehen, ohne einem Menschen zu begegnen.
Und das soll auch so bleiben. Der Tourismusplan für die kommenden acht Jahre sieht vor, dass nur in wenigen Küstengebieten neue Hotels gebaut werden dürfen. Diese müssen vier oder fünf Sterne tragen und maximal 200 Betten bieten. Der Blick auf die Nachbarn Gran Canaria, Teneriffa oder Fuerteventura hat nach Auskunft Morales' zu dieser Entscheidung geführt: "Vor allem im Tourismusbereich haben wir aus den Fehlern der anderen Inseln gelernt".
Manuel Meyer, gms