Elsass: Das köstliche Grenzland - DER SPIEGEL
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Elsass Das köstliche Grenzland

Nicht deutsch, nicht französisch: Das Elsass besticht durch seine eigenwilligen Traditionen, die auch heute noch zwischen Rhein und Vogesen lebendig sind.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Straßburg - Die Elsässer in ihrem Grenzland zwischen Rhein und Vogesen haben sich das Beste beider Seiten ausgesucht: Beim Essen seien es die prächtigen Portionen der Deutschen, verbunden mit französischer Qualität, sagt mit einem Augenzwinkern der Straßburger Zeichner und Karikaturist Tomi Ungerer. An deutsche Landstriche erinnern auch die liebevoll gepflegten elsässischen Dörfer, wo auf Fensterbänken auch noch im Herbst die Geranien blühen.

Diese Jahreszeit mit ihren bunt gefärbten Laubbäumen verlockt zu Wanderungen durch die Vogesen unweit von Straßburg oder Colmar, bergan zu Schlossruinen wie den Trois Châteaux, Fleckenstein oder Haut-Barr. Von dort aus kann das Auge über die Rheinebene schweifen und in der Ferne die Spitze des Straßburger Münsterturms erblicken. Zu den schönsten Ausflugszielen gehört die Hohkönigsburg bei Sélestat, die Kaiser Wilhelm II. nach 1900 als eindrucksvolle Ritterburg wiederaufgebaut hat.

Mit dem "Elsässerditsch" kann man seine Überraschungen erleben. Seit Jahrzehnten behaupten Sprachexperten, der Dialekt sei zum Aussterben verurteilt. "Mer senn die Letschde, wo noch so babbele wie de Schnawwel ne gewaksche isch" (Wir sind die Letzten, die noch so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist), heißt es in einem Lied des verstorbenen Kabarettisten Germain Müller. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger: Auch Müllers Enkel reden noch Elsässisch, und der Dialekt widersteht allen Unkenrufen. Die Nachbarn aus dem Badischen und dem Schwäbischen verstehen zumeist die feinen Unterschiede zwischen "Milhüserditsch" im Süden und dem "Steckelburjerditsch" der Straßburger. Doch für alle Deutschen gilt, dass die Kommunikation auf Französisch als taktvoll angesehen wird.

Dass man in Straßburg gut essen kann, ist weithin bekannt. Allerdings besteht die Kunst darin, wirklich gute Restaurants aufzuspüren. Als Faustregel gilt, dass Gaststätten im unmittelbaren Umkreis von Sehenswürdigkeiten wie dem Münster, der Altstadt "La Petite France" oder um die zentralen Plätze Kleber und Gutenberg herum nicht unbedingt Tempel für Feinschmecker sind. Dort jedoch, wo Einheimische essen, kann es nur gut schmecken, denn Elsässer sind anspruchsvolle Kostgänger.

Ähnlich wie Straßburg an der Ill hat auch Colmar an der Lauch eine - allerdings sehr viel kleinere - Altstadt zu bieten, "La Petite Venise", die in mittelalterlicher Tradition restauriert wurde. Weltberühmt wurde das Stadt mit etwa 83.000 Einwohnern jedoch durch den Isenheimer Alter von Mathias Grünewald (um 1480 bis 1528) im Unterlinden-Museum. In Colmar steht auch das Geburtshaus des Bildhauers Frédéric-Auguste Bartholdi, der 1886 die New Yorker Freiheitsstatue erbaut hat.

Störche, Käse und das Elternhaus des "Urwalddoktors" Albert Schweitzer hat das Münstertal in der Nähe von Colmar zu bieten. Im Pfarrhaus von Gunsbach hat der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1953 seine Kindheit verbracht. Das Haus ist ein Museum, wo im Zimmer des Gelehrten heute noch sein Stock und sein Hut hängen.

Der Hauptort des Tales hat dem berühmt-berüchtigten Münsterkäse seinen Namen gegeben. Stark riechend und mit rötlich-brauner Rinde schmeckt dieser elsässische Beitrag zum Käsereichtum Frankreichs besonders gut mit Kümmel. In Münster ist auch eines der Storchenzentren zu besuchen. Dort sind die Symbolvögel der Region das ganze Jahr über heimisch. Durch die Fütterung im Winter wurde ihnen der Zugvogelinstinkt ausgetrieben. Die einst fast ausgestorbenen Vögel ziehen nun wieder ihre Kreise über den Giebeln der Fachwerkhäuser.

Jeder Weg durch das Elsass führt auch durch Mülhausen im Süden kurz vor der Grenze zur Schweiz. In dieser Industriestadt lohnt ein Gang durch das Automobilmuseum mit fast 500 Sport- und Luxuswagen aus vergangenen Zeiten. Ebenso anregend ist der Abstecher zum Ökomuseum in Ungersheim, wo ein traditionelles elsässisches Dorf wiederaufgebaut wurde. Die Bauernhäuser stammen aus der gesamten Region. Durch den Wiederaufbau in diesem Freilichtmuseum wurden sie vor dem Abriss gerettet. Animateure in historischen Kostümen bevölkern die Häuser und kümmern sich um lebendige Pferde, Kühe, Ziegen und Schafe.

In den Winzerdörfern am Fuße der Vogesen kann man seinen Vorrat für den heimischen Weinkeller auffüllen: in Mittelbergheim oder Ribeauvillé, Riquewihr oder Ammerschwihr. Die Winzer schenken großzügige Kostproben aus und beraten bereitwillig über die Qualitäten des Pinot Noir, des einzigen elsässischen Rotweins, des fruchtigen Gewürztraminers, des süßlichen Muscats oder des herben Rieslings.

Allerdings findet man eine gute regionale Auswahl auch in Straßburg und zwar im Weinkeller des Städtischen Krankenhauses. In dieser Fundgrube mit einem kleinen, aber feinen Angebot an Weinen ist gleichzeitig ein kleines Weinmuseum mit dem ältesten Weißwein in einem Fass aus dem 15. Jahrhundert zu sehen - an diesem darf allerdings nur geschnuppert werden.

Von Petra Klingbeil, gms