Espace Killy Kunst im Herzen des Gletschers
Val d'Isère - Über drei Berge und zwei Täler erstreckt sich bei Val d'Isère und Tignes in den Savoyer Alpen in Frankreich ein Skigebiet, das zu den größten und abwechslungsreichsten der Welt gehört: die Espace Killy mit 300 Kilometer Piste, umgeben von Gletschern, etlichen Dreitausendern und dem Gipfel des Mont Blanc.
Jean-Claude Killy, dreifacher Olympiasieger in Grenoble 1968, ist der Namensgeber für das Skigebiet zwischen dem Gletscher La Grande Motte im Westen und dem Col de L'Iseran im Osten. 95 Lifte und zwei Standseilbahnen befördern von Ende November bis Anfang Mai stündlich 135.000 Skifahrer. Sie können unter 131 Pisten mit insgesamt 300 Kilometer Länge wählen, darunter breite Pistenautobahnen, sanft gewellte Skiwiesen, schnelle Schussstrecken und steile Buckelpisten.
Apartmenthäuser wie Felswände
1992 schuf Bernhard Russi bei Val d'Isère die "Face Olympique", eine spektakuläre Abfahrtsstrecke, die auf einer Länge von 2,4 km 890 Höhenmeter überwindet. Auf der benachbarten Piste "Oreiller-Killy" trifft sich seit 49 Jahren alljährlich die Ski-Weltcup-Elite.
Eine entschärfte Version der "OK"-Piste führt hinab zu den Apartmenthäusern des Ortsteils La Daille, die wie Felswände das enge Tal des wilden Flusses Isère abriegeln. Mehr Romantik bietet das Ortszentrum von Val d'Isère, das zu den Olympischen Winterspielen 1992 saniert und restauriert wurde. Vier hohe Steinsäulen stützen das Eingangsportal zur Fußgängerzone Val Village mit Geschäften und Apartments. Savoyardische Chalets aus dunklem Holz und Stein gruppieren sich um die Dorfkirche aus dem 11. Jahrhundert.
In den Épiceries genannten Feinkostläden mischt sich der Duft würziger Landwürste mit den Aromen kräftiger Käsesorten wie Tomme de Savoie, Beaufort und Reblochon. Der als "Meilleur Ouvrier de France Pâtisserie" ausgezeichnete Konditor Patrick Chevallot lädt zu einer Pause mit Kuchenkreationen für Gourmets.
Espace Killy: Kunst im Herzen des Gletschers
Neben dem Rocher de Bellevarde ist die Tête du Solaise, deren Abfahrten und Buckelpisten in der Sonne glänzen, der zweite Hausberg von Val d'Isère. Da die Bergspitze eher flach ist, fahren die Skiläufer auf Bändern zu den nächsten Liften, die die Verbindung zum Signal de l'Isèran (3354 Meter) und dem Gletscherskigebiet Glacier du Pissaillas unterhalb der Pointe du Montet (3488 Meter) schaffen. In den Höhenlagen sind die Pisten von Val d'Isère so weit und offen, dass sich auch Anfänger wohl fühlen. In Richtung Tal werden die Abfahrten zunehmend steiler, enger und schwieriger.
Oberhalb von Val d'Isère am Fuße der Grande Motte entwarf Raymond Pantz im Jahr 1956 Frankreichs höchstgelegenen Wintersportort auf dem Reißbrett: Tignes. Auf 2100 Meter Höhe ordnete er fünf funktionale Skistationen rund um einen kleinen See an, die dem Klischee einer Bettenburg im Hochgebirge sehr nahe kommen. An das alte Dorf Tignes, das 1952 beim Bau des Isère-Stausees Lac du Chevril in den Fluten versank, erinnert einzig eine kleine Ausstellung im Maison de Tignes. Auf der anderen Seite des kleinen Sees liegt der Ort Val Claret.
Seit einigen Jahren gesellen sich in Tignes gemütliche Hotels im Chaletstil zu den Wohntürmen. Holz und Naturstein verdrängen den Beton. Das Motto des Wintersportortes lautet "Ski pur". Die meisten Pisten beginnen vor der Haustür, die Gäste suchen statt Après-Ski und Nachtleben nur eines: Sport von früh bis spät mit größter Vielfalt.
Unterirdische Seilbahn
Wie eine gelb-graue Raupe rast die Seilbahn "Funiculaire de Grande Motte" in sechs Minuten unterirdisch von Val Claret zum Ganzjahresskigebiet unterhalb der Eispyramide des 3656 Meter hohen Gletschers Grande Motte. An der Bergstation weist ein verwittertes Schild den Weg zu einer versteckten Attraktion: die Grotte de la Glace, eine 186 Meter lange Galerie im Herzen des Gletschers, von acht Künstlern mühevoll per Hand ins blau schimmernde Eis geschlagen.
Zurück zu den Talstationen von Val Claret und Tignes führt die einfache Piste Génépy. Mit 5,5 Kilometern ist sie die längste Abfahrt der Espace Killy. Von Val Claret aus verbinden die beiden kuppelbaren Sechsersessellifte Bollin und Fresse über den Tovière (2708 Meter) und den Col de Fresse (2576 Meter) Tignes mit Val d'Isère.
Im Nordosten endet die Espace Killy am Massiv von Brévières mit dem markanten Felsentor Aiguille Percée (2748 Meter), an dessen Nordflanke die anspruchsvolle Sache-Piste durch das unberührte Vallon de la Sache hinab zum Ortsteil Tignes-Les Brévières auf 1550 Meter Höhe führt. Snowboarder können sich dort im nach Angaben des Betreibers größten Snowpark Europas austoben. Neben den beiden 120 Meter und 70 Meter langen Half Pipes gehören auch Quarters, Rails, Air Tables und eine "Beachzone" mit Liegestühlen zum Park.
Eine Institution in Val d'Isère ist die rustikale Taverne d'Alsace, die Hubert Deiss vor mehr als 15 Jahren gründete. "Wir Elsässer haben Val d'Isère zu dem gemacht, was es heute ist", erzählt der Patron. Denn 1932 eröffnete dort der elsässische Skilehrer Charles Diebold die erste Skischule, während sein Landsmann Jacques Mouflier 1936 den ersten Lift von Val d'Isère in Betrieb nahm und in den Ausbau der Skistation investierte. Die ganze Espace Killy, es gäbe sie nicht ohne die elsässischen Vorfahren von Jean-Claude Killy.
Von Hilke Maunder, gms