Färöer: Reich der Hexen und Riesen - DER SPIEGEL
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Färöer Reich der Hexen und Riesen

Auf den Färöern gibt es mehr Schafe als Menschen und kaum Kriminalität. Das auf den ersten Blick so friedlich wirkende Inselvolk pflegt umstrittene Traditionen wie die brutale Jagd auf Grindwale – und auch eine Ringlegende will nicht so recht zu der Idylle passen.
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Gjogv/Färöer – Um kurz nach 21 Uhr beginnt das magische Schauspiel. Die letzten Strahlen der Abendsonne brechen durch die purpurfarbenen Regenwolken und tauchen die zerklüftete Landschaft der Insel Eysturoy in einen goldenen Schimmer. Ein perfekter Regenbogen biegt sich über den Berg Slaettaratindur. Die raue See schlägt gegen den Riesen und die Hexe, spektakuläre Zwillingsfelsen, die sich wie zwei krumme Zähne aus der Brandung erheben.

Alles was jetzt noch fehlt ist eine Bande Orks, die hinter einem Felsen hervorgekrochen kommt, oder ein Pfeife rauchender Hobbit, der aus einem der torfgedeckten Häuser hervortritt. Immer wieder ist man auf den Färöern – nur Laien sagen Färöer-Inseln – an den Fantasy-Klassiker "Herr der Ringe" erinnert. Der Sage nach ist auf der Inselgruppe, die im Atlantik auf halber Strecke zwischen Island und Norwegen liegt, ein magischer Ring vergraben. "Wer ihn hat, bekommt viel Macht, aber wer ihn hat, wird deswegen auch sterben", erzählt der Hobby-Historiker Hans Jakub Mikkelsen.

Mehr Schafe als Menschen

Kleine Dörfer mit bunten Holzhäusern schmiegen sich an die Küsten, das unwirtliche Landesinnere ist dagegen nahezu unbesiedelt. Obwohl die Inseln per Flugzeug einfach von Großbritannien oder Skandinavien zu erreichen sind, hat die abgelegene Lage bislang dafür gesorgt, dass die Färöer vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben sind. Wer die Hauptstadt Torshavn verlässt, trifft mit Sicherheit mehr Schafe als Menschen. Verkehrsprobleme, Umweltverschmutzung oder Verbrechen bereiten keine Sorgen. Gerade einmal sieben der 48.000 Bewohner befinden sich derzeit im Gefängnis.

Die Färöer sind, wie Grönland, eine gleichberechtigte Nation innerhalb des Königreichs Dänemark, bereits seit 1948 weitgehend autonom und haben eines der ältesten Parlamente der Welt. Die Menschen – genannt Färinger – gelten als zurückhaltend, aber gastfreundlich. Ihre Kultur geht allerdings auf ein weniger freundliches Volk zurück: die Wikinger. Diese begannen im achten Jahrhundert nach Christus mit der Besiedlung. Traditionen wie der mittelalterliche Kettentanz, das Rezitieren von Balladen und die umstrittene Jagd auf Grindwale leben bis heute fort.

Etwa sechsmal im Jahr, wenn eine Gruppe von Walen der Küste zu nahe kommt, schlachten Einheimische mit Messern die Tiere ab – mit der stillen Billigung zahlreicher Schaulustiger und zum Grauen von Tierschützern. Die brutale Tradition scheint nur schwer vereinbar mit dem freundlichen Charakter der Menschen, doch die Färöer sind ein Land der starken Kontraste.

Alternative Energien statt Sklavenbeseitigung

Die Natur hat eine dramatische Landschaft in das Basaltgestein geschnitten, das vor Millionen von Jahren aus den Eruptionen von Vulkanen entstand. Nach jeder Kurve auf den gut ausgebauten Straßen bieten sich neue majestätische Ausblicke über tiefgrüne Weiden, schimmernde Fjorde oder steile Klippen, die sich in den Fluten des Atlantiks auftürmen. An der Klippe Traelanipa ergießt sich ein Wasserfall aus einem Binnensee über 30 Meter in die Tiefe. Der Sage nach wurden dort früher nicht mehr arbeitsfähige Sklaven ins Meer gestürzt – heute überlegt man, wie man die enormen wirkenden Kräfte für die Stromerzeugung nutzen kann.

Wandern in den Bergen ist auf den Färöern ein Muss, das beste Mittel zur Fortbewegung ist jedoch das Auto. Moderne Straßen und Tunnel verbinden die Hauptinseln Vagar, Streymoy, Eysturoy und Bordoy. Fähren laufen die meisten anderen der insgesamt 18 Inseln an. Wenn es das Wetter zulässt, bieten sich auch Helikopterflüge an. Haupteinnahmequelle ist der Fischfang, der nach Regierungsangaben 97 Prozent des Exportes ausmacht. Auf den heimischen Speisekarten dominieren dagegen Fleischgerichte. Als Delikatessen gelten Schafskopf, Walspeck oder Skerpikjoet, das ist rohes luftgetrocknetes Hammelfleisch. Weniger Abenteuerlustige erhalten aber überall auch geröstetes Lamm mit Kartoffeln.

Von Karl Ritter, AP

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