Feste in Italien: Essen, Trinken, Tarantel tanzen - DER SPIEGEL
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Italiens Feste: Witzig bis skurril, düster bis fröhlich

Foto: © Max Rossi / Reuters/ REUTERS

Italiens Sommerfeste Tanz die Tarantel

Volksfeste mit gutem Essen, Sagre genannt, gibt es im Sommer überall in Italien. Gleichzeitig lassen viele Festivals alte Traditionen aufleben - von Schlangenprozessionen, Heiligenrennen bis zu Spinnentänzen.
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Im Salento, dem Absatz des italienischen Stiefels, wird bald wieder getanzt. Musiker mit Mandolinen, Tamburinen und Kastagnetten besetzen die Stadt- und Dorfplätze und spielen für die Pizzica Taranta auf. Der Volkstanz ist eigentlich einmal ein Heilmittel gewesen: Wer von der giftigen Tarantel gestochen wurde, schüttelte sich ekstatisch, um das Gift wieder loszuwerden.

Heute geht man in so einem Notfall lieber ins Krankenhaus. Aber der ekstatische Tanz ist geblieben. Jedes Jahr im August, diesmal vom 5. bis zum 23. August dominiert das Festival della Taranta  das Leben im Salento. Und am letzten Abend werden gewiss auch dieses Jahr im Örtchen Melpignano Tausende von Menschen aus ganz Italien bis zum frühen Morgen so abzappeln, als wären sie von der Tarantel gestochen.

Feste mit gutem Essen, Sagre genannt, gibt es im Sommer überall - von den Alpen bis Sizilien. Dazu feiern die Italiener viele Bräuche, die aus vergangenen Jahrhunderten stammen und heute oft seltsam anmuten. Manche - wie das wilde Pferderennen durch die Gassen von Siena oder die historische Gondelregatta in Venedig - sind weltbekannt. Andere wie der Spinnentanz sind noch immer ein Geheimtipp.

Hilfreich gegen Zahnschmerzen

Alljährlich am 1. Mai wird zum Beispiel in den Abruzzen eine Tradition hochgehalten, die nicht nur für Reptilienphobiker gewöhnungsbedürftig ist: die Festa di Serpari. Bei der alljährlichen Schlangenprozession in Cocullo tragen fast alle als Accessoire eins der schlängelnden Tiere. Alte und Junge, Männer und Frauen stehen am Straßenrand mit einem Reptilienbündel in der Hand. "Hier", sagt ein freundlicher Mitfünfziger mit Halbglatze, "hier hast du auch ein paar" - und drückt dem Touristen ein Sortiment Nattern in die Hand.

Ehe der sie vor Schreck fallen lassen kann, haben sie schon seinen Arm umschlungen. Sie sind nicht glitschig und fühlen sich eigentlich ganz angenehm an, wie zartes Leder, nur etwas ungewohnt. Schnell werden sie an einen Carabiniere in Festtagsuniform weitergereicht. Der nimmt sie, als sei das ganz normal. Ist es ja auch, jedenfalls in dem Dorf, das gut eine Stunde von Rom entfernt liegt.

Der Brauch soll aus etruskischen, vorrömischen Zeiten stammen. Später, im 13. Jahrhundert, hat dann noch der Heilige Dominik, der ein paar Jahre in Cocullo verbrachte, dem Dorf zwei Reliquien hinterlassen: einen Zahn und ein Hufeisen seines Maultiers. Und dazu die ins Christliche umgeformte Tradition, seiner mit einer alljährlichen Schlangenprozession zu gedenken.

Über und über mit Schlangen bedeckt ist seine Statue, die durch das Gedränge getragen wird. Die Menschen wollen sie berühren, streicheln. Hilfreich gegen Zahnschmerzen und Schlangenbisse sei das, sagt man hier, und gut für die Ernte - ach, einfach gut für alles.

Kirchenfassade aus Brotteig

In Sizilien hat nahezu jedes Dorf ein eigenes, oft mit einer Prozession verbundenes Fest, bei dem Heilige angerufen werden, um Wunder zu tun. In San Biagio Platani zum Beispiel, einem Dorf bei Agrigent, werden zum Osterfest gewaltige Torbögen, Türme und Kirchenfassaden aus Zuckerrohr und Weidengerten hergestellt, die mit Brotteig verputzt und mit Rosmarin, Spargel, Lorbeer oder auch Datteln und Nudeln verziert werden - ein Brauch, der in diesem Jahr bis in den Mai hinein gefeiert wurde und bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht.

In San Marco d'Alunzio bei Messina tragen Gläubige meterhohe Kerzen durch die Straßen. Dazu schreien die Menschen, so laut sie können, "Danke Heiliger Basilius" oder "Es lebe Gott". Sie brüllen in ihrem sizilianischen Dialekt und auch wer Italienisch kann, versteht praktisch nichts. Die alten Gassen, die eng gepresste, lärmende Menschenmenge, die Schreie - all das lässt eine geradezu mittelalterliche Atmosphäre entstehen und mag beklemmend wirken, ist aber sehr eindrucksvoll.

Nicht nur in Sizilien, überall in Italien gibt es Prozessionen, bei denen übergroße Kerzen präsentiert werden. Der größten und schwersten rühmt sich die Gemeinde Gubbio in Umbrien. Da werden zu Ehren des lokalen Schutzpatrons, des Heiligen Ubaldo, drei fünf Meter hohe und fast sechs Zentner schwere Holzkerzen von starken Männern durch die Stadt hinauf zur Basilika gewuchtet. Auf den Spitzen der Riesenkerzen sind Statuen von drei verschiedenen Heiligen befestigt.

Tausende Menschen drängen sich jedes Jahr am 15. Mai rechts und links entlang der Straße und lassen nur eine schmale Gasse für die schwankenden Riesenkerzen frei. Ein abenteuerliches, packendes Rennen. Ehrlich geht es allerdings nicht zu. Schon vor dem Start ist klar, dass Ubaldo gewinnt. Schiefgehen kann dabei nichts, denn seine Kerze startet vorne und überholt werden kann sie in dem Gedränge nicht.

Sieger und Verlierer werden verspeist

Deutlich beschaulicher geht es bei den Schneckenwettrennen zu, die zwar immer seltener werden, aber vor allem im Süden Italiens und auf Sardinien noch hier und da veranstaltet werden, etwa im Oktober in Gesico, der selbsternannten "Stadt der Schnecken", nahe bei der sardischen Metropole Cagliari.

Anschließend, so war es früher überall üblich und ist heute nur noch in einigen entlegenen Dörfern die Regel, werden Sieger wie Verlierer der Schneckenrennen gekocht, frittiert oder gebraten verspeist. Denn ums Essen geht es bei einem Schneckenfest, der Sagra della lumaca, hauptsächlich. Dafür stehen auch in der Toskana, zum Beispiel im Dorf Poggio Murella, in der Nähe von Saturnia, Anfang Juni schon ganz früh am Morgen viele Männer an Metalltischen und putzen und waschen gewaltige Mengen Schnecken.