Funsport in Serfaus: Tiroler Multikulti - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Funsport in Serfaus Tiroler Multikulti

Airboards, Swingbos oder Snowcoots - so richtig österreichisch klingen die Namen der Trendvehikel nicht, die in Serfaus die Hänge runterschliddern. Da sind die Kinder im "Murmlinest" der Kinderschneealm doch landestypischer untergebracht - und haben mindestens ebenso viel Spaß.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Serfaus - Unter der Kirche schwebt die Luftkissenbahn ein. Im Schacht entsteht ein Sog, es ist windig und kühl. Doch die wartenden Skifahrer stört das nicht. Sie sind warm angezogen und heiß auf die Pisten in bis zu 2700 Meter Höhe. Bis dahin sind es nur noch drei U-Bahn-Stationen und eine Fahrt mit der Gondel. Dann können sie die Berge genießen, die Serfaus in Tirol umgeben - einen Ort, der sich früher als andere auf den Massentourismus eingestellt hat.

Zunächst klang die Idee verrückt: eine Luftkissen-U-Bahn in 1400 Metern Höhe für Skifahrer, die Serfaus durchqueren wollen. Doch als Anfang der achtziger Jahre immer mehr Winterurlauber in das Örtchen reisten, stank es den Einwohnern - wortwörtlich. Schließlich mussten die Wintersportler quer durch das Dorf zur Seilbahn. In Denver in den USA wurde schließlich die unterirdische Luftkissenbahn als Lösung gefunden. Im Sommer 1984 - also vor fast 20 Jahren - wurde quer durch das Dorf ein sechs Meter tiefer Tunnel gegraben. Häuser und sogar Hügel mussten abgestützt werden. Serfauser Kühe konnten nicht in Ruhe kalben, die Bauern mussten bei der Heuernte den Krater überwinden.

Doch seit der Fertigstellung der U-Bahn ist der Ort im Winter autofrei - auch für die Einheimischen. Gäste dürfen ihren Wagen lediglich bis zum Hotel lenken und ihn dann für die Dauer des Urlaubs abstellen. Das Skigebiet Serfaus-Fiss-Ladis gilt von Dezember bis April als schneesicher und bietet mehr als 2000 Sonnenstunden im Jahr. Neben 160 Kilometer Pisten gibt es 111 Langlaufkilometer, davon 25 Kilometer Höhenloipen. Für alle Skifahrer und alle Altersgruppen ist unterhalb von Furgler, Masner und Hexenkopf etwas dabei.

Für Kinder und ihre Eltern trennen sich die Wege schon an der Talstation: Während die Erwachsenen in einer Sechsergondel sitzen, befördert eine alte Seilbahn, die zum Kinderlift umgewandelt wurde, den Nachwuchs auf den Berg. Unter lautem Getöse laufen die Kinder von der Kabinenbahn zu einer langen Rutsche, die sie direkt an der 80 000 Quadratmeter großen Kinderschneealm wieder ausspuckt. 170 Skilehrer kümmern sich um den Nachwuchs. Skischulleiter Walter Hochenegger erklärt das Konzept: "Die Kinder sollen Spaß am Lernen haben. Und wenn einer gar keine Lust hat oder es draußen zu kalt ist oder die anderen auch nicht fahren wollen, dann wird erstmal gespielt."

Die Kinderschneealm liegt abseits der Piste und dennoch mitten im Skigebiet - genauso wie die Großen fahren die Kinder in knapp 2000 Höhenmetern. Wer morgens Ski fährt, spielt oder tobt, der hat mittags Hunger - und auch zum Essen bleiben die Kinder unter sich: Mit einer umgebauten Pistenraupe werden sie in ihr Restaurant gebracht, oder sie essen im Kindergarten, wo sie auch einen Mittagschlaf halten können. Nachmittags geht es dann wieder auf die Piste - oder auf ein Karussell, die Hüpfburg, ins "Ski-Doo" und den "Tubing-Park".

Mussten früher alte Autoreifen oder Plastiktüten für eine Schussfahrt im Schnee herhalten, düsen Kinder und Erwachsene heute auf überdimensionalen Schwimmreifen in Richtung Tal. Was den Tubern die wohlgeformten Bahnen, sind Carvern, Telemark-Skifahrern oder Snowboardern die frisch präparierten Pisten. Aber sie sind hier nicht mehr unter sich: Menschen mit Mini-Skiern unter den Füßen haben Einzug gehalten, auf kleinen Fahrrädern, Hockern oder doppelstöckigen Luftmatratzen, den "Airboards". Letztere eignen sich zudem hervorragend als Liegestuhl für eine Siesta in sonnigen Mittagsstunden.

Gelb wie ein österreichischer Postbus kommen die Snowbikes daher - kleine, dem Fahrrad nachempfunden Geräte, auf deren gepolsterten Satteln des Wintersportlers Gesäß ruht. Zwei getrennte Bretter sind statt der Räder unter Lenkstange und Sattel montiert. Die kurzen Ski unter den Schuhen dienen als Notbremse und zur Stabilisierung. Allein mit Hilfe des Lenkers kommt das Gerät aber nicht um die Kurven - Gewichtsverlagerung und das Fahren auf gut geschliffenen Kanten sind notwendig.

Gefährlicher sieht da schon der so genannte Melkschemel aus - ein Hocker auf einem Mittelski, der ebenfalls durch Gewichtsverlagerung gesteuert wird. Doch ist es mit diesen beiden Geräten nicht genug: Snowblades (taillierte Kurzski) sind genauso zu leihen wie Snowscoots (Roller auf gut gewachsten Kufen), Swingbos (zwei kurze Ski mit einer höher gestellten Platte, auf der der Fahrer steht) und andere, neu entwickelte Geräte. Zehn Euro Guthaben auf dem Skipass reichen, um vier Geräte einen Tag lang testen zu können.

Und selbst wer sich an diese Fungeräte nicht herantraut oder ein allgemeiner Bergmuffel ist, kann es sich in Serfaus schön machen: Wellness heißt der Trend, auf den auch hier die Hoteliers setzten. Die Tiroler haben die Badekultur wieder entdeckt und bauen sie ein in große Verwöhn-Areale, die jetzt im Ort entstehen. Zwischen Massage, Sauna und Heubad können Wintergäste dann im verkehrsberuhigten Dorf bummeln - oder in die U-Bahn steigen und die Mitreisenden vom Skifahren abholen.

Von Verena Wolff, gms