Galizien: Mera-Tal bietet Stille, die verzaubert - DER SPIEGEL
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Galicien: Mühle im Mera-Tal

Foto: Oliver Lück

Einsame Orte in Europa Nur Rauschen. Sonst nichts

Tief im galicischen Hinterland liegt ein Tal, in dem die Stille zu hören ist. Dort, wo der Fluss Mera rauscht und Enkel begonnen haben, die alten Höfe ihrer Großeltern zu restaurieren. Ein Ort, der verzaubert, sobald man ihn entdeckt.
Von Oliver Lück
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sonne scheint, doch darauf ist kein Verlass in Galicien, der wetterwendischen Provinz im äußersten Nordwesten Spaniens. Im nächsten Moment kann es stürmen, dann die Welt untergehen.

Doch selbst hier, wo der stetige Wind das Wetter zu machen scheint, gibt es Orte, an denen Sonne, Nebel oder Regen nur Nebenrollen spielen, weil diese Orte so schön wie im Märchen sein können. Es sind Plätze, die einen verzaubern, sobald man sie entdeckt - wie das Mera-Tal.

Man muss nicht 2000 Kilometer in ein verstecktes Flusstal nach Galicien reisen, um Ruhe zu finden. Man könnte auch auf die norddeutschen Halligen fahren zum Beispiel. Doch diese Ruhe im Hinterland der wilden galicischen Küste, wo ein Dorf schon als Dorf gilt, wenn es zwei oder drei zusammenstehende Häuser und einen Namen hat, hat vor allem mit einem steten Rauschen zu tun.

Im grünen Hinterland

Es ist eine Stille, die man hören kann. Es ist eine große Stille in einem kleinen Tal, wo unzählige Bäche in die Mera münden, dem Fluss, der der tiefgrünen und mit Eukalyptus bewaldeten Senke ihren Namen gibt. Für die Zeit an diesem Ort wird das Wasser der ständige Begleiter sein.

Ortigueira, die Gemeinde mit ihren vielleicht noch 6000 Menschen und dem kleinen Hafen, liegt rund hundert Kilometer nordöstlich von La Coruña. Von Ortigueira aus nimmt man die Hauptstraße in Richtung Ferrol und verlässt diese beim Kilometerstein 40.

Nun taucht man ein in das grüne und bäuerliche Hinterland, wo Häuser verlassen sind oder nur am Wochenende bewohnt werden, wo hier und da noch Kühe im Stall stehen oder mancher Enkel begonnen hat, den alten Hof der Großeltern zu restaurieren.

Die Straße wird zum Weg. Der Weg wird zum Pfad durch den Wald. Sackgasse. Aussteigen. Ankommen. Urlaub für die Ohren. Das Dorf heißt Mera de Arriba. Man öffnet die Gartenpforte und geht den schmalen, vielleicht 50 Meter langen Weg hinunter zum aus Naturstein gebauten Häuschen, das einst eine Wassermühle war. Der Schornstein qualmt. Der Kaminofen brennt.

"Hören Sie!"

Holzstege führen über den Rego de Guitín, so heißt der Bach, der beständig und in einigen Kurven über das Grundstück, durch den üppig mit Farnen und Büschen bewachsenen Garten rauscht. Wer am Abend ins Bett geht, glaubt, er schlafe direkt neben dem Fluss ein. Und nach zwei oder drei Tagen nimmt man das Geräusch kaum noch wahr.

Das Rad der Mühle dreht sich seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Niemand im Dorf, wo sich insgesamt drei Flüsse treffen, weiß genau, wann es still gelegt oder abgebaut wurde. Auch Blanca, die Besitzerin, muss passen. Sie weiß nur, dass das Gebäude aus den Granitblöcken eine Ruine war.

Vor 20 Jahren begann sie, die Mühle zu restaurieren. Vor 15 Jahren war sie fertig. Sie vermietet auch.  Viele Touristen kommen allerdings nicht. Und seit der Krise auch immer weniger Einheimische. Außerdem gibt es in Galicien den Spruch, dass man mit dem Koffer unter dem Arm geboren wird. "Die Perspektive hier im Hinterland ist schlecht. Es gibt kaum Arbeit", sagt Blanca, "aber Urlaub machen kann ein Traum sein."

Sie selbst lebt in La Coruña. Sie ist ein Stadtmensch, erzählt sie. "Doch dieses Tal, wo die Flüsse fließen, ist sehr viel schöner. Hören Sie!", ruft Blanca und legt die Hand an ein Ohr. "Nur Rauschen." Sonst nichts.

Mit GPS zur alten Wassermühle: 43°38'17.30, -7°54'39.08

Teil 1: Schweden: Insel Lyr in Schweden
Teil 2: Belgien: Geisterdorf von Antwerpen
Teil 3: Schottland: 27 Kilometer zu Fuß zur Kneipe
Im nächsten Teil: White Strand in Irland

Zum Autor
Foto: Oliver Lück

Seit 20 Jahren ist Oliver Lück im VW-Bus in Europa unterwegs. In rund 30 Ländern ist der Journalist und Fotograf gewesen. Und überall hat er "geheime Orte" entdeckt, die man eigentlich für sich behalten sollte. In dieser Serie verrät er einige.Webseite Oliver Lück