Gestrandet im Terminal: Neue Heimat Flughafen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gestrandet im Terminal Neue Heimat Flughafen

Landen, Umsteigen, Abfliegen - wer sich auf einem Flughafen aufhält, will schnell wieder wegkommen. Doch für manche Menschen werden Airports zum Zuhause. So wie für eine 48-jährige Deutsche: Seit sechs Jahren lebt sie immer wieder auf dem Flughafen von Mallorca.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

250.000 Quadratmeter groß ist ihr Zuhause, rund 25 Millionen Menschen bewegen sich jährlich durch ihre Hallen: Eine Deutsche hat im Flughafen von Palma de Mallorca Unterschlupf gefunden. Drei Koffer, eine Decke, einen Haufen an Büchern und Mumus, ihren neunjährigen Kater, hat "Bettina", wie die 48-jährige Frau aus Süddeutschland genannt werden will, immer dabei. Ihr Überdauern in den ungemütlichen Aufenthaltsräumen des Aeropuerto de Son San Juan erinnert an Victor Navorski, dargestellt von Tom Hanks, in Steven Spielbergs Film "Terminal".

Seit einigen Tagen ist die Frau berühmt - seitdem eine mallorquinische Tageszeitung, dann die deutsche "Bild" und dann wieder spanische Medien von ihrem Schicksal berichten. Ihr ist das alles zu viel: "Es ist nicht schön, berühmt zu sein", sagte sie dem "Mallorca Magazin", "am aufdringlichsten waren die spanischen Fernsehteams, das war abartig." Sie lebe seit sechs Jahre auf dem Flughafen, "aber immer nur sporadisch". Zwischendurch habe sie immer wieder gearbeitet.

Die "Katzenfrau", wie sie am Flughafen von Palma genannt wird, ist nicht wie ihr Film-Pendant Navorski aus politischen Gründen auf dem Flughafen gestrandet. Vor vielen Jahren wollte sie, so berichtete sie Medien, auf der beliebtesten Insel der Deutschen ein neues Leben beginnen, eine gescheiterte Beziehung und der Verlust ihres Bürojobs in Deutschland lagen hinter ihr. Nun könne sie Mallorca nicht mehr verlassen, denn ihre Papiere seien gestohlen worden, sagte sie dem "Mallorca Magazin".

"Sie ist intelligent, diskret und stört niemanden"

"Ich wollte auf Mallorca arbeiten, aber ich bin hier gestrandet", berichtete die Frau laut der britischen Zeitung "Guardian". Irgendwann seien auch Hilfsjobs wie Kellnerin oder Küchenhilfe nicht mehr zu finden gewesen: "Plötzlich gab es keine Arbeit mehr, da nur noch Spanier eingestellt wurden." Immer wieder zog die Frau mit ihren Habseligkeiten in den Inselflughafen. Die Arbeitslose bettelt nicht. Eine Flughafenmitarbeiterin versorge sie zweimal die Woche mit Essen, ein Bekannter unterstütze sie finanziell.

Täglich streift die weißhaarige, zierliche Frau mit ihrem Gepäckkarren und ihrem weißen Kater über den Flughafen, still liest sie in ihren Büchern. Morgens, wenn der erste Ansturm der ankommenden und wegfliegenden Urlauber einsetzt, wäscht sie sich in den Toiletten, nachts schläft sie auf den Sitzen der Abflughalle. Die Angestellten des Flughafens mögen sie. Laut dem "Mallorca Magazin" versuchen sie, Bettina sogar vor dem Medienrummel zu schützen.

"Sie ist intelligent, diskret und stört niemanden", sagte die Café-Angestellte María Jesús Rueda García dem "Guardian". "Da dies ein öffentliches Gebäude ist, kann sie die Einrichtungen nutzen - sich in der Toilette waschen oder ihre Kleidung säubern", meint Marta Fernándes, Sprecherin des Flughafen-Betreibers Aena, und drückt ein Auge zu. Kater Mumus ist längst zum Maskottchen des Aeropuerto avanciert.

Die Terminal-Dauerbewohner

Doch die "Katzenfrau" ist nur eine von mehreren Menschen, die auf dem mallorquinischen Terminal ein neues Zuhause gefunden haben, berichtet die Zeitung "Diario de Mallorca". Die Gruppe der ständigen Flughafenbewohner besteht demnach aus sechs Menschen, dazu kommen etliche Personen, die nur kurze Zeit die Abflug- und Ankunftshallen als Unterkunft nutzen. Einige haben dem Bericht zufolge keine gültigen Papiere.

Auch andere Flughäfen der Welt haben ihre ständigen Bewohner: Gestrandete, Obdachlose, Verirrte, Verwirrte. Der Berühmteste unter ihnen ist Merhan Karimi Nasseri, der 18 Jahre lang den Flughafen Paris-Charles de Gaulle nicht verließ. Der Iraner, dem seine Papiere abhanden gekommen waren, lebte von 1988 bis 2006 auf dem französischen Hauptstadt-Airport.

Das Vorbild für Spielbergs "Terminal"-Protagonisten hatte sich so sehr auf seinem halbrunden roten Sofa eingerichtet, dass er sogar ablehnte, als die französischen Behörden ihm endlich einen neuen Pass ausstellten wollten. Inzwischen heiße er "Sir Alfred Mehrani", moserte der damals Mitte-60-Jährige, er warte lieber auf richtige Dokumente. Er habe auf dem De-Gaulle-Flughafen sein Zuhause gefunden. Jahre später, 2006, verlor sich seine Spur.

Mehr lesen über