Hamburg: Das deutsche Ellis Island - DER SPIEGEL
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Hamburg Das deutsche Ellis Island

Sie flohen vor Hunger, Armut, Krieg, Unterdrückung und religiöser Verfolgung: fast fünf Millionen Menschen. Von 1836 bis 1934 wurde Hamburg ihr Tor zur Welt. Aus diesem fast vergessenen Kapitel der Geschichte schlägt die Hansestadt heute touristisches Kapital - multimedial.
Von Hilke Maunder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spätestens seit dem Film "Roots" ist Ahnensuche in, wühlen Nachfahren in Einwanderungskarteien und kämmen Passagierlisten von Ozeandampfern durch. Im Hamburger Staatsarchiv finden sie eine weltweit einmalige Quelle: sämtliche Personalien von Passagieren, die zwischen 1850 bis 1934 von Hamburg aus in die Neue Welt aufbrachen. 550 Bände mit mehr als fünf Millionen Namen. Auch die Vorfahren von Barbra Streisand, Steven Spielberg, Kirk Douglas und Woody Allen stehen auf den Auswandererlisten. Keine andere Hafenstadt besitzt ähnlich umfangreiche Nachweise.

Während sonst meist nur Name, Familienstand, Konfession und Beruf erfasst wurden, notierten die Hamburger Reedereien auch die Herkunft aller Aus- und Durchreisenden nach Übersee - eine wertvolle Hilfe bei der heutigen Spurensuche. Sie führte bislang in die Steinstraße 7: Hier sitzt das Historic Emigration Office, Deutschlands erstes historisches Auswandererbüro. Jetzt ist die Ahnensuche online möglich. Seit Mai 1999 werden diese nahezu lückenlos erhaltenen Listen digitalisiert.

Beim Internet-Projekt "LinkToYourRoots" entziffern 25 behinderte Mitarbeiter die altdeutsche Sütterlinschrift, geben sämtliche Personalien in eine Datenbank und beantworten Anfragen aus aller Welt. Finanziert werden die Arbeitskräfte aus Geldmitteln, die Unternehmen wegen Nichterfüllung des Schwerbehindertengesetzes gezahlt haben.

Bislang wurden 270.000 Namen der Jahrgänge 1890 bis 1893 komplett erfasst. Monatlich kommen 50.000 bis 70.000 Personen hinzu. Mehrere tausend Interessierte fragen täglich die Datenbank ab - zu 85 Prozent aus den USA, zu 15 Prozent aus Kanada, Australien und Südamerika. Sind die nächsten 150.000 Namen im Netz, soll die Recherche 20 Dollar kosten - und so die zunächst auf vier Jahre befristeten Jobs der Behinderten in Dauerarbeitsplätze verwandeln.

Möglich wurde das Projekt durch Public-Private-Partnership. Oracle, Sun, Siemens und Debis stellten die Softwarelizenzen, die Hardware und die Anwendungen bereit. Um das Internet-Projekt, beim Finale der Global Stockholm Challenge kürzlich als einziger deutscher Beitrag mit dem angesehenen gläsernen Award ausgezeichnet, rankt sich ein multimediales Begleitwerk. Das Ziel: Hamburg zum deutschen Ellis Island auszubauen. Schon jetzt wird das neue touristische Trendthema, komplett zweisprachig auf Deutsch und Englisch realisiert, mit einem vernetzten Cross-Media-Programm präsentiert.

Den besten Einstieg bietet die Ausstellung auf dem Emigration Ponton unterhalb des Zollmuseums (Alter Wandrahm 16, Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr). Ein älterer Mann hockt auf seinem Gepäck und wartet. Schreie dringen zu ihm hinüber; Schiffe tuten im Hintergrund. Großflächige Wandfotos erzählen vom Gedränge an Bord - denn erst die auswanderungswilligen Passagiere, untergebracht im engen Zwischendeck, machten die Passage für Reeder wie Albert Ballin rentabel.

Mit Eindrücken für alle Sinne weckt die Ausstellung die Atmosphäre der Auswanderung von vor 100 Jahren. Wer tiefer in die Thematik einsteigen möchte, wird am Ausgang fündig: Hier gibt es den Katalog mit eindrucksvollen historischen Fotos, das elfminütige Video "Krakow-Hamburg-New York" und den Roman "Die Auswanderer" vom Hamburger Autor Gerd Fuchs.

Damit die Show nicht nur bis September 2001 zu sehen ist, hofft die Stadt auf private Spender und Sponsoren. Rund 2,5 Millionen Mark braucht Stadtentwicklungssenator Willfried Maier für seine Vision: die Restaurierung der letzten erhaltenen Auswandererhalle auf der Veddel. Nach dem Vorbild des New Yorker Einwanderungsmuseums auf Ellis Island soll hier ein deutsches Auswanderungsmuseum entstehen - eine lebendige, interaktive Ausstellung zum Aufbruch über den Atlantik. Am Abend soll das erste deutsche "Auswanderungs-Musical" die Besucher auf die Elbinsel locken.

Unter dem Motto "TourYourRoots" wurden inzwischen zwei Emigration Trails angelegt. Besucher können hier auf den Spuren der Auswanderer durch Neustadt und Speicherstadt wandeln. Die bis zu zweistündigen Rundwege führen vorbei an ehemaligen Auswandererherbergen, in denen die Emigranten wochenlang auf ihre Abreise warteten, durch das alte Hamburg mit seinen Fleeten, Fachwerkhäusern und historischen Speichern. Abends leuchten Gaslaternen.