Heidiland: Geiß ist geil - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Heidiland Geiß ist geil

Nirgendwo wird der Mythos einer Schweiz wie aus dem Märchenbuch so kultiviert und kommerzialisiert wie in der Region Heidiland. Hier treffen Gäste auf Ziegen, bärtige Hirten und das ewig jung gebliebene Bergmädchen Heidi.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glück hat, wer seine guten Schuhe zu Hause gelassen hat. Denn wenn mehr als 1000 Ziegen durch die Straßen von Chur ziehen, bleibt das nicht folgenlos. Der Ziegenzüchterverband des Schweizer Kantons Graubünden hat zum 20. Geburtstagsfest geladen, und Hunderte Ziegenzüchter aus der Umgebung sind gekommen, um mit ihren Tieren - die hier Geißen heißen - in einer riesigen Parade durch die Stadt zu ziehen. Schwarze, graue, braune und weiße Ziegen rennen blökend durcheinander auf dem für sie ungewohnten Pflaster der Churer Fußgängerzone.

Mitten im Tross laufen zwei Dutzend Männer und Frauen in blauen Hemden. Sie kommen von der Trachtengruppe "Uniun da platialas Muraun" aus Sumtvig und tragen links und rechts vom Körper zwei große Kuhglocken, die mit einem Querbalken über der Schulter verbunden sind. Die Glocken schwingen sie scheppernd und laut im Takt, was der Truppe die unnachgiebige Präzision einer Star-Wars-Roboterarmee gibt. Und auch die Ziegen sorgen für Lärm: Jedes Tier hat am Hals ein kleines Glöckchen, das bei jedem Schritt klingelt.

Die wild durcheinander laufenden Kletterkünstler geben Chur an diesem Freitag im Mai ein Flair, das entfernt an die alljährliche sommerliche Stierhatz durch das spanische Pamplona erinnert. Doch hier geht alles viel friedlicher zu, nur dann und wann reißen ein paar Tiere aus dem Treck aus - und werden schnell wieder eingefangen von Hirten in orangegelben T-Shirts mit der Aufschrift "Nit mäckera. Gissa machend Freud" ("Nicht meckern, Geißen machen Freude").

Standesgemäßer Heidi-Urlaub im Heidiland

Zugegeben, nicht alle Ziegenhirten sehen aus wie man sich den Alm-Öhi aus Johanna Spyris Kinderbuch "Heidi" vorstellt. Aber die Dichte alter Männer mit breitkrempigen Filzhüten, grauen Rauschebärten und einer großen Pfeife im Mund ist an diesem Nachmittag in Chur deutlich höher als gewöhnlich.

Nirgendwo wird der Mythos einer Schweiz wie aus dem Märchenbuch - mit Ziegen, bärtigen Almhirten und dem ewig jung gebliebenen Bergmädchen Heidi - so kultiviert und kommerzialisiert wie in Graubünden und den angrenzenden Kantonen St. Gallen und Glarus. Heidiland heißt die Ferienregion, in der sich mehr als ein Dutzend Orte nördlich und westlich von Chur zusammengeschlossen haben. Hier bekommen Gäste all das serviert, was zu einem standesgemäßen Heidi-Urlaub gehört: schneebemützte Berge, von blökenden Ziegen kurz gehaltene Almwiesen - und eine gehörige Portion frische Luft.

"Vom freundlich gelegenen alten Städtchen Maienfeld aus führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen, die von dieser Seite groß und ernst auf das Tal herniederschauen", heißt es bei Johanna Spyri. Mit ihren Weltbestsellern "Heidis Lehr- und Wanderjahre" (1880) und "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" (1881) hat die Schweizer Landarzttochter den Mythos von Heidi begründet. Und wo könnte man diesem Mythos besser auf die Spur kommen als eben in Maienfeld?

Im Bahnhof des kleinen Ortes beginnt der "Kleine Heidiweg". Er führt durch die engen Gassen von Maienfeld, vorbei an einem Schlösschen und schließlich durch Weinberge mit Trauben für Blauburgunder. Dabei geht es langsam aber stetig bergauf. Und nach noch nicht einmal einer Stunde steht man tatsächlich im Heididorf, wo hinter einer riesigen Tanne das "Original Heidihaus"  zu finden ist.

Darin sieht es ganz genau so aus wie vor 100 Jahren, wie in den Romanen von Johanna Spyri beschrieben. Alles im liebevoll dekorierten Haus dürfen Gäste anfassen: Im Keller finden sich die eingelagerten Lebensmittel für den Winter und unter dem Dach, inmitten von verstreuten Sägen, Hämmern und Hobeln der Almöhi, der sich gerade als Zimmermann versucht. Wer will, darf sich sogar in Heidis Stroh-Bett legen oder sich zu ihr und ihrem Freund, dem Geißenpeter, an den Tisch der großen Stube setzen - falls der Platz nicht gerade von japanischen Touristen besetzt ist, die gern mit dem Bus kommen und das Heididorf in Schwärmen bevölkern.

"Die Geiß gehört zur Schweiz"

Wen es anschließend wieder zur Ziege zieht, der kann im angrenzenden Stall das Futter verteilen, das er im Dorfladen gekauft hat - oder sich weiter auf den Weg nach oben machen: Die Heidialp wartet. Dorthin führen zwei Wege: Zum einen "Heidis Erlebnisweg", an dem die Heidi-Geschichte mit einem Dutzend Holzskulpturen erzählt wird, zum anderen der "Große Heidiweg". Der ist allerdings wirklich nur etwas für ambitionierte Wanderer. Nur wer über eine vorzeigbare Kondition verfügt, sollte sich auf diesen Pfad wagen, gilt es doch unterwegs rund 500 Höhenmeter zu überwinden. Außerdem sollte man sich im Dorfladen erkundigen, ob die Heidialp gerade bewirtet ist: Sonst steht der hungrige Wanderer ziemlich dumm da.

Wer am Ende des Tages noch immer nicht genug Ziegen gesehen hat, für den gibt es im kaum fünf Kilometer entfernten Dörfchen Vilters noch etwas zu sehen. Von Mai bis September werden hier jeden Tag 80 Ziegen in die Berge getrieben, um - wie einst beim Geißenpeter - jeden Abend wieder nach Hause zurückzukehren. Die Tiere bilden einerseits die Kulisse für ein Touristenspektakel und sind andererseits auch wichtiger Teil der Landwirtschaft in Graubünden, wo insgesamt 9000 Ziegen gehalten werden. "Die Geiß gehört zu Graubünden, die Geiß gehört zur Schweiz", betont auch Regierungspräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf bei ihrer Rede zur Ziegenparade in Chur.

Die Ziege und die Figur der Heidi sind längst touristisches Markenzeichen und identitätsstiftendes Symbol zugleich: Geiß ist geil. Während aber die Feiern für die Ziege mit der Parade in Chur wohl ihren Höhepunkt erreicht haben, steht für die Heidi-Fans im Sommer noch einiges auf dem Programm, zum Beispiel ein Freilicht-Theater  und ein Musical .

Im Heididorf treten Laienschauspieler vom 28. Juli bis zum 20. August an, um die Heidi-Geschichte in zehn Spielszenen zum Leben zu erwecken. Und im nahen Walenstadt wird es vom 23. Juli bis zum 3. September sogar noch etwas theatralischer: Auf einer Freilichtbühne am Walensee - laut Tourismusprospekt der sauberste See der Schweiz - wird zum ersten Mal ein neues "Heidi-Musical" aufgeführt, das die Abenteuer des Bergmädchens mit der Lebensgeschichte der Autorin Johanna Spyri verwebt.