Iceland Airwaves: Im Festivalrausch
15 Jahre Iceland Airwaves Reykjavík im Rausch
Mit Schwung landet das halbe Glas Bier im Nacken des Vordermannes. Egal. Weiterfeiern! Der Club Bakkus ist zum Bersten gefüllt, der Holzboden vibriert. Die Besucher tanzen ekstatisch zu den Beats der Rockband Reykjavík!. An seinem Bier versucht sich trotzdem jeder festzuhalten, denn das ist teuer hier. Gitarrist Haukur wälzt sich auf dem Boden, Sänger Bóas klettert das verdächtig knacksende Geländer in der Bar hoch. Von dort stürzt er sich in die Menge.
Sollte die Einrichtung kaputtgehen, wäre das auch nicht schlimm. Denn nach diesem Abend schließt der Club Bakkus. Wohin er als Nächstes zieht? Keine Ahnung. Die isländische Hauptstadt ist ständig in Bewegung. So wie die vielen Menschen in der Laugavegur-Straße, die man durch die beschlagenen Fensterscheiben erahnt. In Reykjavíks berühmter Flaniermeile reihen sich etliche Bars, Cafés, Plattenläden und Designershops aneinander.
Willkommen beim Iceland Airwaves! Vom 30. Oktober bis zum 3. November wird das Musikfestival zum 15. Mal stattfinden. Dann verwandelt sich die Innenstadt wieder in ein riesiges Happening - über 150 Bands treten in fünf Tagen auf. Da viele Musiker gleich mehrfach spielen oder Teil verschiedener Gruppen sind, gibt es von mittags bis in die späte Nacht hinein rund 300 Shows. Die meisten sind vorgeplant, viele werden spontan organisiert.
Spontan und per Facebook verbreitet
Eigentlich kann man in der isländischen Hauptstadt mit ihren rund 120.000 Einwohnern jedes Wochenende Konzerte wie das der Band Reykjavík! erleben. Während des Iceland Airwaves jedoch sind die Nächte noch intensiver, und es mischen sich mehr internationale Gäste unter das Publikum.
Die sind dann sichtlich irritiert, dass so mancher Isländer im nordatlantischen Herbst sein nassgeschwitztes T-Shirt auszieht und den Oberkörper präsentiert. Anders sei diese Hitze einfach nicht auszuhalten, sagen sie. Und bedauern, dass sich diese Tradition nicht auf die Frauen übertragen hat. Doch deren Outfits sind ohnehin meist knapp.
Die Festivaltage sind wie ein Rausch. Pläne werden stets schnell torpediert, wenn neue Tipps die Runde machen: "Ásgeir Trausti ist der neue Star" oder "Mein Sohn spielt bei Retro Stefson!". Bei kleineren Events kann schon mal die Hälfte der Zuschauer bekannt oder verwandt sein mit mindestens einem Künstler aus der jeweiligen Band.
Einheimische Stars wie Björk, Sigur Rós und Emilíana Torrini sind beim Iceland Airwaves bereits aufgetreten und auch The Kaiser Chiefs, The Hives oder Fatboy Slim. Dieses Jahr ist Kraftwerk aus Düsseldorf einer der internationalen Gäste. Neben den Konzerten in klassischen Clubs und Hallen gibt es zahlreiche Veranstaltungen in Buchläden, Modeshops oder Kneipen. Dort treten selbst berühmte Musiker vor 20 Leuten auf, und zwar kostenlos.
Einige Shows werden - typisch isländisch - spontan arrangiert. So ist es auch an jenem Abend vor einem Jahr beim Reykjavík!-Gig. Mit Neonstiften haben die Betreiber des Bakkus wenige Stunden vor der Show den Auftrittsplan auf ihre Fensterscheiben geschrieben, den Rest besorgen die sozialen Netzwerke. Nach einer Stunde, um 22 Uhr, packen die Musiker schnell ihr Equipment zusammen, nachts spielen sie noch mal in einer großen Halle.
Von Elektropop bis Männerchor
Gerade noch hat Gitarrist Haukur S. Magnússon seine Augen wie im Delirium verdreht. Jetzt ist er wieder der freundliche Isländer Anfang 30, als den man den Chefredakteur des Stadtmagazins "The Reykjavík Grapevine" kennt. "Wir wollten nur eine einzige Show spielen", sagt er. "Doch dann waren wir unzufrieden. Es ist eben hart, mit seinen Gewohnheiten zu brechen." Er grinst. 15-mal treten sie am Ende in den fünf Tagen auf. Neunmal war Reykjavík! bisher beim Festival dabei, im ersten Jahr hatten sie noch nicht mal einen Plattenvertrag. Ganz im Sinne des Festivalkonzepts, das vor allem einheimischen Bands eine Plattform bieten will.
Alles begann 1999 in einem Hangar am Reykjavíker Flughafen - an einem Abend traten dort damals junge und recht unbekannte isländische Bands wie GusGus und Sigur Rós auf. Heute sind sie gefeierte Stars. "Das Festival hat das Talent, die richtigen Bands zur richtigen Zeit zu fördern", sagt Sigtryggur Baldursson kurz vor dem diesjährigen Happening im Café des Buchladens Eymundsson.
Der 51-Jährige ist eine isländische Musiklegende: Er war der Drummer von The Sugarcubes - jener Band, mit der auch Björks internationale Karriere begann. Die 1986 gegründete Gruppe brachte Island überhaupt erst auf die musikalische Weltkarte. Anfangs mussten die Musiker im Ausland noch erklären, dass sie wirklich nicht in Iglus leben; später spielten sie vor dem französischen Präsidenten und tourten 1992 mit U2 und Public Enemy durch die USA.
Ohne die Sugarcubes würde es das Iceland Airwaves und den ganzen Hype um die Musikszene in ihrer Heimat gar nicht geben. Das Spektrum der inzwischen rund 300 isländischen Bands reicht von Rap, Pop, Rock bis hin zu klassischen Männerchören und irritierendem Elektropop. Die Bandbreite kommt unter anderem daher, dass in Island kaum einer damit rechnet, mit seiner Musik reich zu werden. Die meisten verkaufen gerade mal 200 Platten. Also machen sie einfach das, wozu sie Lust haben - kompromisslos.
Ein Komiker als Bürgermeister
Wie würde Sigtryggur Baldursson die isländische Musikszene beschreiben? "Sie ist roh, sehr stark, und sie macht ganz viel Spaß", sagt der Schlagzeuger und trommelt mit seinen Fingern auf dem Tisch. Beim diesjährigen Airwaves wird er mit mehreren Bands auf der Bühne stehen.
Auch seine ehemaligen Bandkollegen sind weiter aktiv: Björk produziert experimentelle Alben; Einar Örn Benediktsson, der ehemalige Trompeter und Sänger, hat heute eine Elektroband namens Ghostdigital und ist nebenbei im Stadtrat Vorsitzender des Komitee für Kultur und Tourismus. Und der Mann von Björks bester Freundin, Jón Gnarr, ist der berühmteste Komiker des Landes - und Bürgermeister von Reykjavík.
Mit ihrer anfangs als Spaßprojekt gestarteten Besti Flokkurinn ("Die beste Partei") gewannen Jón Gnarr, Einar Örn Benediktsson und einige befreundete Künstler inmitten der Finanzkrise die Kommunalwahlen. Seit Mai 2010 sind die Politneulinge nun, in der Koalition mit den Sozialdemokraten, für Reykjavík und somit für ein Drittel der isländischen Bevölkerung verantwortlich.
Die Ex-Punker bezeichnen als surreale Anarchisten. "Reykjavík ist auf jeden Fall noch musikalischer geworden, und die neue Partei hat die politische Landschaft verändert", sagt Sigtryggur Baldursson und lächelt. "Bei manchen ihrer offiziellen Auftritte vermischt sich die Grenze zwischen politischer Realität und Performance-Kunst."
Wie die Kunst von Jón Gnarr aussieht, konnte man vergangenes Jahr beim Auftritt seiner Band Kléopatra sehen: Sie sangen absurde Songs über Alkoholismus. Dieses Jahr hat der Punk-Bürgermeister einen Auftritt der ganz anderen Art geplant: Seine Parteifreunde und er werden während des Festivals verkünden, ob sie 2014 wieder für den Stadtrat kandidieren.
Haukur, der Gitarrist der Band Reykjavík!, wird diesmal auf Entzug gehen. Seine Band hat beim Jubiläumsfestival erstmals keine Shows geplant. Haukur möchte dieses Jahr nur als Reporter teilnehmen - sagt er zumindest jetzt noch.