Laguneninsel Certosa: Venezianische Idylle
Certosa in Venedigs Lagune Eine Insel im Dornröschenschlaf
Wer in die Touristenhochburg Venedig reist und mittendrin übernachtet, ist auf Rummel vorbereitet. Er ergibt sich seinem Schicksal meist klaglos und erträgt Lärm und Trubel auch abends und nachts. Dabei gibt es eine reizvolle Alternative, die praktisch kein Reiseführer auf dem Schirm hat: Certosa. Von zehn deutschsprachigen Venedig-Guides erwähnt die kleine Laguneninsel nur ein einziger.
Wer hierherkommt, hat Certosa daher meist zufällig entdeckt. Und entweder verliebt man sich dann auf der Stelle in die stille Idylle oder man kommt nie wieder hierher, weil genau diese Stille auch zu viel werden kann. Für Günter Chetano Lau war es "Liebe auf den ersten Blick", sagt er. "Sie hält aber nun schon sieben Jahre." Die Neugier des deutschen Heilpraktikers war geweckt, als er sah, dass die Station "Certosa" im Vaporetto-Fahrplan in Klammern angegeben wird.
So werden in Venedig Bedarfshaltestellen kenntlich gemacht: Um auf das nur 24 Hektar große Eiland zu gelangen, muss dem Fahrer der Linien 41 oder 42 beim Einstieg der Haltewunsch mitgeteilt werden. Wer Certosa wieder verlassen will, drückt am Anleger einen roten Knopf. Damit erhalten die Kapitäne das Signal: Certosa anfahren! Zwischen 21 und 6 Uhr bietet das einzige Hotel der Insel einen Fahrdienst an und sammelt seine Gäste kostenlos mit einem Privatboot, das an einen James-Bond-Film erinnert, im Zentrum ein.
Geplant ist eine Rundumidylle mit Selbstversorgerqualität
Zig Mal ist Lau nun schon auf der 500 Meter vorm Lido gelegenen Insel gewesen, und immer wieder verzücken ihn die schwarzen und weißen Maulbeerbäume, die die Mönche einst zur Zucht von Seidenraupen angepflanzt haben. Auch die Vogelvielfalt überwältigt ihn jedes Mal aufs Neue. "Certosa ist ein Naturparadies", schwärmt er. Das war nicht immer so - von der bewegten Vergangenheit der Insel ist allerdings bis auf ein paar Grundmauern nicht mehr viel zu sehen.
1199 zogen Kartäusermönche nach Certosa und legten Wein- und Gemüsegärten an. Es soll auch eine Kirche gegeben haben, in der Werke von Tizian und Tintoretto hingen, und etliche venezianische Adelige wurden hier angeblich begraben. Die wenigen verbliebenen Ruinen hat man in den vergangenen Jahren abgerissen. Bis 1968 nutzte das italienische Militär die Insel als Waffendepot. Auch diese Gebäude sind wieder verschwunden, der Boden wurde entseucht. Danach verwilderte die Insel, mit allen Vor- und Nachteilen.
In den Neunzigerjahren versuchte die Stadt Venedig, Certosa mit Hilfe von ein paar Millionen Euro aus dem EU-Fördertopf aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken und zaghaft zu "urbanisieren". Landschaftsplaner gehen jedoch noch weiter, sie möchten das Eiland im Staatsbesitz so schonend wie möglich zu einem nachhaltigen Naherholungsgebiet ausbauen. Sogar auf der Expo 2010 in Shanghai wurde das Projekt "Urban Park 2015" schon vorgestellt.
Angedacht waren eine eigene Energieversorgung, ein paar Unterkünfte inklusive Jugendherberge und gepflegte Parks. Eine moderne Rundumidylle mit Selbstversorgerqualität nach Öko-Gesichtspunkten, kombiniert mit sanftem Tourismus.
Sightseeing in der Bootswerft
Das Unternehmen Vento di Venezia, das die Inselverwaltung für die nächsten 50 Jahre übernommen hat und das Projekt umsetzen soll, scheint allerdings keine Eile damit zu haben. Lieber, so heißt es, baut es sein Yachtzentrum aus, zu dem Hafen, Werft, Segel- und Designschule sowie das Hotel gehören. Einer der Chefs war einst ein Profisegler - zu Certosas weiterer Zukunft lässt er sich keinen Kommentar entlocken.
Und so liegt das Inselchen immer noch da wie "ein ungeschliffener Diamant in der venezianischen Lagune", wie die Jonathan Natural Knowledge Foundation auf ihrer Website schreibt. Die Stiftung hat Günter Chetano Lau erst in diesem Jahr ins Leben gerufen. Der 61-Jährige will Spendengelder sammeln, um den "Urban Park" auf Certosa auf eigene Faust realisieren zu können. Der Plan des Coach und Heilpraktikers: hier Veranstaltungen für hochsensible Kinder abzuhalten und bezahlbaren Wohnraum für Studenten der Uni Venedig zu schaffen.
Es scheint noch ein wenig zu dauern, bis Certosa - von wem auch immer - aus seinem Schlaf geweckt wird. Mindestens so lange können die Hotelgäste beim Frühstück auf der Terrasse die Vögel in den Bäumen zwitschern hören und den Kaninchen auf der angrenzenden Wiese bei der Futtersuche zusehen.
Vielleicht sind sie frühmorgens schon ein paar Runden über die Insel gejoggt und haben den Gewürzduft von Rosmarin, Thymian, Salbei und Bärlauch noch in der Nase. Am Nachmittag können sie in der Werft neben dem Hotel zuschauen, wie Holzboote gebaut oder Venedigs Gondeln repariert werden. Oder sie starten zu geführten Kajaktouren durch die Lagune.
Inselhopping in der Lagune
Weitere touristisch bislang unerschlossene Inseln zeigt der Slow-Food-Koch Mauro Stoppa , der auf der nostalgischen Segelyacht "Eolo" einen oder mehrere Tage lang durch die Lagune kreuzt. Dabei steuert er auch Certosas Nachbarinsel Vignole an, auf der er Gemüse für seine Gerichte anbaut, die er auf dem Schiff zubereitet und auch dort seinen Gästen serviert.
Kulturfreaks, rät Lau, sollten auf keinen Fall verpassen, mit dem Vaporetto Nr. 20 auf die ebenfalls sehr kleine Laguneninsel San Servolo überzusetzen und dort die Venice International University (VIU) zu besuchen. Bis vor Kurzem durften nur Uni-Angehörige die Insel betreten, die Einschränkung gilt aber nicht mehr.
San Servolo taugt für den Certosa-Fan als Vorbild: "Das ist für mich die schönste Universität der Welt und ein Beispiel dafür, wie auch auf Certosa die Gebäude einmal in die Natur eingebettet werden könnten." Bis dahin werden sicher noch viele Kaninchen über die Insel hoppeln.