Katschberg Almrauschwalzer bei Mondenschein
Rennweg - Am Katschberg herrscht dichtes Schneetreiben das angeblich "einmalige Panorama" vom Aineck, mit Blick auf die Südseite der Alpen verbirgt sich hinter Nebel und Wolken. Da hilft nur die schnelle Flucht ins Tal. Die "Direttissima" wartet, eine extreme Abfahrt. Schon mancher Pistenfan ist hier tragisch gescheitert. Doch für Erwin Resch ist sie genau der richtige Weg nach unten: "Ich liebe diese schwarze Piste, sie ist oben extrem steil, dann listig, stets eine Herausforderung", schwärmt der ehemalige Weltcup-Skirennläufer. Weniger Waghalsige nehmen aber lieber die Alternative: eine rote Abfahrt, auf der die Wintersportler kilometerlang ins Tal gleiten.
Dort, auf der Katschberghöhe in 1641 Metern über Meereshöhe, treffen sich die Skifahrer des Gebiets: Kinder, die in der Pferdekutsche zu "Katschis Ski-Kinderwelt" gebracht werden, Gruppen, die mit ihrem Skilehrer aufbrechen, Ski-Flaneure, die bereits den ersten Jagatee in einem der Open-Air-Lokale trinken. Kaum einer hat eine weite Anfahrt, denn die Pisten sind meist zu Fuß von den Quartieren aus erreichbar.
Der Ort zählt nur 47 Einwohner - die Katschberghöhe ist nicht historisch gewachsen, sondern vor 50 Jahren mit der ersten Bergbahn gegründet worden. Es gibt keine Kirche und erst seit kurzem einen Geldautomaten. Dennoch ist alles da, was der Skifahrer braucht. Die breiten Pisten können alle künstlich beschneit werden. Das mittelgroße Skigebiet mit 66 Pistenkilometern und 16 Liften hat viele rote Abfahrten und einige wenige schwarze. "Wir zählen zu den sonnigsten Skigebieten im Alpenraum", sagt Tourismusdirektor Josef Klinar. Nur eben heute lässt sich die Sonne nicht blicken.
Suppe im Brot und Kasnudeln
Bei dem trüben Wetter heißt es erst einmal "Einkehren": In der "Gamskogelhütte" bestellt Erwin Resch eine Brotsuppe, die tatsächlich in einem Laib Brot serviert wird. Die anderen essen Kaiserschmarrn, typische Kärntner Kasnudeln oder Brotzeitteller mit Speck und Wurst aus der hauseigenen Räucherei. Kurioserweise geht die Landesgrenze direkt durch die Hütte: Auf der einen Seite sitzen die Gäste in Kärnten, auf der anderen im Salzburger Land.
"Gottes Segen haben wir hier am Berg auch", sagt der Hüttensenior Andreas Strafner und zeigt auf eine winzige Kirche am nahen Bergrand. Die Kärntnerin Olga Hoffmann hat die Marienkapelle auf ein Gelübde hin bauen lassen. Ein "Kraftort" sei dies, an dem auch Skifahrer kurz innehalten können. "Ich habe einen guten Draht nach oben", sagt Hoffmann, die mit der "Gabe der Vorhersehung" gesegnet ist, wie es am Katschberg heißt. Ihre Dienste als Wahrsagerin sind hier gefragt.
Es ist Zeit zum Aufbruch - und siehe da: nun scheint die Sonne. Eine Familie packt die Schlitten. Auf der Rodelbahn geht es für sie direkt von der Hütte ins Tal, eineinhalb Kilometer durch den Wald. Die Skifahrer befördert ein Sessellift rasch auf den 2030 Meter hohen Tschaneck. Hier endet das "normale" Skigebiet. Auf der Rückseite des Berges ist die Winterwelt unberührt: Keine Lifte, keine Menschen, vollkommene Ruhe. Die Schneekristalle glitzern in der Sonne.
Doch es bleibt keine Zeit für mulmige Gedanken über das eigene Skifahrer-Können. Lawinensicher sei der Hang, sagen die Begleiter und stürzen sich dem Abgrund entgegen. Die einen wedeln elegant durch die Pulverpracht, die anderen versuchen es. Glücklicherweise landet man im Tiefschnee weich. Abgekämpft und verschwitzt, aber auch glücklich kommen die Skifahrer unten an.
Nicht schnell, aber gemütlich
In dem einsamen Tal steht nur eine einzelne Hütte. In dem Naturschutzgebiet sind Skilifte nicht erlaubt. Plötzlich durchbricht der Klang von Glöckchen die Stille. Ein zweispänniger Pferdeschlitten fährt heran und holt die Skifahrer ab: der "Biolift", wie er hier genannt wird. Hinter dem Schlitten wird ein langes Seil befestigt. Die Skiläufer stellen sich mit etwas Abstand hintereinander auf, die Skistöcke kommen in den Schlitten. So sind die Hände frei, um sich am Seil festzuhalten.
Ein kurzer Ruck, die Pferde ziehen an, und der Tross gleitet durch die Winterlandschaft. "Am besten etwas in die Knie gehen und locker bleiben", sagt Andreas Neuschitzer den Skifahrern vom Kutschbock aus. Der Kärntner hatte vor einigen Jahren die "Biolift"-Idee: Pferdeäpfel statt CO2-Ausstoß. Den Romantikern unter den Skiläufern aber ist das nicht genug. Für einen typisch Kärntner Hüttenabend lassen sie sich auch am Abend vom Hotel mit dem Pferdeschlitten abholen. Zwei Noriker, österreichische Kaltblutpferde, ziehen die Gäste durch die Nacht. Bei Mondschein wirkt der einsame Winterwald fast etwas gespenstisch.
Vor der Pritzhütte erklingen Alphörner zur Begrüßung, zum Aufwärmen wird Zirbenschnaps eingeschenkt, hergestellt aus heimischen Kiefern. Während Wirtin Sabine Brugger Hausmannskost auftischt, spielen die Musiker den "Almrauschwalzer", passend zur ausgelassenen Stimmung. Auch Pferdemann Andreas Neuschitzer greift nun zur Gitarre, singt langsame Herz-Schmerz-Lieder und sagt: "Wir Kärntner sind vielleicht nicht die schnellsten, aber dafür die gemütlichsten."
Von Daniela David, dpa