Kitesurfen: Trickser der Lüfte - DER SPIEGEL
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Kitesurfen Trickser der Lüfte

Backloop, Air Raley, Heartattack - Ziel eines Kitesurfers sind möglichst gewagte und trickreiche Sprünge durch die Lüfte. Der Extremsport ist längst in den Surfschulen angekommen, auch an deutschen Küsten gibt es viele Möglichkeiten, den Wasser- und Flugsport zu erlernen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München/Ratekau - Unrasierte Surfer mit blonder Zottelmähne lassen sich mit Atem beraubender Geschwindigkeit von ihrem Kite übers Wasser ziehen. Wieder und wieder heben sie ab zu den aberwitzigsten Sprüngen. Die Zuschauer am Strand können mit offenem Mund nur staunen. Dabei ist Kitesurfen gar nicht so schwer: "Man braucht prinzipiell überhaupt keine Kraft, Windsurfen ist anstrengender", sagt Christian Krämer, Sportwissenschaftler an der Technischen Universität in München. Interessierte sollten allerdings nicht gleich loslegen, sondern erst die "Kitesurf-Schulbank" drücken.

Die wichtigste Nachricht für Lernwillige ist, das inzwischen zwei Sicherheitssysteme Standard bei Kitesurf-Ausrüstungen sind: "Mit der Quick-Release kann man sich per Reißleine immer von der Bar lösen, so dass man nicht mehr am Schirm hängt", erklärt Krämer, der selbst Kitesurf-Lehrer ist. Es gebe auch Systeme, die den Schirm quasi abwerfen, wenn die Bar genannte Steuerstange losgelassen wird. Zudem ist die Zugkraft stufenlos regulierbar. "Bei diesem Depower-System nimmt die Kraft ab, wenn man die Bar vom Körper wegschiebt."

Damit sollten Horrorunfälle von Kitesurfern, die vom Wind gegen Hindernisse an Land geschleudert wurden, der Vergangenheit angehören. Und einfach in den Himmel hochgezogen wird auch niemand. "Die Technik des Springens mit Schirmunterstützung muss erst erlernt werden", sagt Krämer. Gelegenheit dazu haben angehende Wassersportler genug. "Schulen schießen an den deutschen Küsten wie Pilze aus dem Boden", sagt Florian Spieth, Redakteur der in Ratekau (Schleswig-Holstein) erscheinenden Zeitschrift "Kite-Boarding.de".

Viel Platz und geringe Windstärken für den Anfang

Ohne Erfahrungen aus einer Kitesurf-Schule sollte sich aber niemand auf das Brett und an den Kite wagen. "Es ist sehr gefährlich, wenn Wetter-, Revier- und Materialkunde fehlen", warnt Spieth. Einen Zweitageskurs inklusive Material gebe es bereits für 100 bis 150 Euro. "Wer nicht komplett unbegabt ist, wird am Ende des zweiten Tages die ersten Meter fahren können." Bei der Auswahl der Schule sollten Anfänger darauf achten, dass der jeweilige Lehrer eine Lizenz des Verbandes Deutscher Windsurfing- und Wassersportschulen (VDWS) hat, rät Spieth. Geprüfte Lehrer seien auch ohne Probleme im Urlaub zu finden - egal ob auf Fuerteventura oder in Brasilien.

Ideal zum Lernen sind ein bis drei Windstärken. "Man braucht aber auch Platz", sagt VDWS-Sprecher Claus Baalmann in Hasbergen bei Osnabrück. Schließlich befinden sich zwischen 25 und 30 Metern Leine zwischen dem Surfer und seinem Schirm. "Bei jedem Start sollte zu beiden Seiten hin 50 bis 70 Meter Platz sein." Denn laut Lehrer Krämer, der eine VDWS-Lizenz besitzt, passieren 80 Prozent aller Unfälle am Ufer beim Starten und Landen. Zu Menschen am Strand sollte immer großzügig Abstand gehalten werden, idealerweise ist auch ein Start- und Landehelfer dabei, der die Kiter im Auge hat.

Die erste Lektion besteht immer darin, den Schirm an Land zu steuern. "Je länger man das lernt, desto besser", sagt Krämer. Dann steht der sogenannte Bodydrag auf dem Programm, bei dem sich der Schüler ohne Brett vom Schirm durch stehtiefes Wasser ziehen lässt. Schließlich geht es auf das Board, und der Schüler hängt sich mit seinem Trapez an Bar und Schirm. Allzu jung sollten Schüler allerdings nicht sein. "Das geht so zwischen zehn und zwölf Jahren los", sagt Baalmann.

Nur mit Führerschein aufs Steinhuder Meer

Die VDWS hat fünf Lernabschnitte definiert, nach deren Abschluss und einer schriftlichen Theorie-Prüfung der Schüler die International Kitesurf Licence erhält. Auf manchen Binnengewässern müssen Kite und Board ohne Lizenz im Kofferraum bleiben. "Wo gesurft werden darf, entscheiden die Kommunen", sagt Baalmann. So darf beispielsweise das Steinhuder Meer bei Hannover mit einem Kitesurf-Führerschein befahren werden. Der Dümmer See bei Osnabrück ist dagegen für Kitesurfer generell gesperrt. Oft wird ein Führerschein verlangt, wenn man Kitesurf-Material ausleihen will.

"Zwei Schirme, ein vernünftiger Neoprenanzug und ein gutes Brett reichen als Grundausstattung", sagt Baalmann. Mindestens 1000 Euro müssen für die eigene Ausrüstung eingeplant werden, auch ein Helm und eine Prallschutzweste dürfen nicht fehlen. "Viele Hersteller bieten zu Saisonbeginn auch ganze Einsteigerpakete an", sagt Experte Florian Spieth. Mit zwei Schirmen von ungefähr 10 und 14 Quadratmetern Größe ließen sich alle Windstärken gut abdecken.

Respekt vor der Stärke des Windes

Mehr als drei Viertel aller Schirme sind laut Krämer sogenannte Tube-Kites. Deren Kammern werden am Boden wie eine Luftmatratze aufgeblasen, damit sie im Wasser nicht untergehen. "Bow-Kites" verfügen ebenfalls über Luftkammern, decken aber mit Hilfe eines aufwendigen Leinensystems zusätzlich einen sehr großen Windbereich ab und ermöglichen ein nahezu hundertprozentiges "Depowern". Die auch Matten genannten Soft-Kites werden nicht aufgepumpt und laut Spieth von Snowkitern bevorzugt, die zugefrorene Seen oder Berghänge zu ihrem Revier machen. "Dort braucht man noch weniger Wind, weil Schnee einen noch geringeren Widerstand hat als Wasser", erklärt Krämer.

Den ersten Sprung, den Kiter auf dem Wasser lernen, ist die Rolle rückwärts, der Backloop. "Ziel beim Kitesurfen ist es, zu springen und Tricks zu machen", sagt Krämer. Längere Zeit auf dem Wasser gesurft wird eigentlich nur, um "Höhe zu laufen", also dem Wind wieder ein Stück entgegenzufahren. Kitesurfer sind also eigentlich auch Flugsportler. Krämer rät seinen Schülern deshalb immer wieder, die Kraft des Windes nicht zu unterschätzen: "Man muss mit Respekt an das Kitesurfen herangehen."

Von Dirk Averesch, gms

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