Kitzbühel: Im Rausch des Enzians - DER SPIEGEL
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Kitzbühel Im Rausch des Enzians

Auch wenn die Kitzbüheler Kühe die Anstiege problemlos meistern: Einem Stadtmenschen und Alpen-Greenhorn in Turnschuhen nimmt nicht nur die Farbenpracht der Blüten den Atem. Zum Glück gibt es danach einen Enzian-Schnaps – der schmeckt trotz Etikettenschwindel.
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Kitzbühel - Der Stengellose Wiesenenzian steht wie drapiert im Gras. Wanderführer Georg Jöchl aber betrachtet die leuchtend blaue Blüte mit schräg gelegtem Kopf. "Schnaps wird aus dem nicht gemacht", erklärt er mit Nachdruck. "Der wird aus der Wurzel des Gelben Enzian gewonnen. Der Blaue hier ist nur auf der Flasch'n, weil er schöner ausschaut." Hübsch ist der Enzian wirklich - aber er geht fast unter im Blumenmeer auf den Graswiesen rund um Kitzbühel.

Zur Sommerblüte in den Alpen zieht es viele Wanderer in die Berge, und in den Cafés des Tiroler Skiortes sitzen statt Skihäschen in knappem Outfit dann stattliche Herrschaften mit strammen Waden.

Lila Alpenastern, blaue Vergissmeinnicht, cremefarbene Anemonen und gelbe Kohlröschen, blaue Bart-Glockenblumen und weiße Margeriten machen im Frühsommer die grünen Hänge rund um "Kitz" zu bunten Wiesen. Viele Blumen blühen gleich in großen Teppichen. So färbt die Alpenrose in mehr als 1000 Metern Höhe im Juni ganze Hänge pink. Auch goldgelber Alpenlöwenzahn, Butter- und Trollblumen blühen in Massen.

Zu viel Gelb deutet auf sauren Boden

Für Türkenbund, Kohlröschen, Handwurz, Knaben- und Läusekraut muss man schon genauer hinsehen - sie stehen einzeln oder in kleinen Büscheln im Gras und sind eher violett, tiefrot oder rosalila. Später im Sommer kommt noch Arnika hinzu - ein Sud aus den gelben Blüten gilt als wirksam gegen Stauchungen und blaue Flecken.

Hänge mit vielen Butterblumen und Löwenzahn entzücken die Wanderer, aber nicht die Flora-Experten. "Wiesen, in denen fast nur gelbe Blumen blühen, sind übersäuert", sagt Bergführerin Regina Höckner. "Früher haben die Bauern nach dem Winter nur ihren Mist aufgebracht, heute auch die Gülle." Aber nur auf naturbelassenen Wiesen blühen die Blumen bunt. Auch Flechten, die von den Bäumen in mehr als 1000 Metern Höhe herunterhängen, sind ein gutes Zeichen: "Das bedeutet, dass viel Sauerstoff in der Luft ist", sagt Regina.

Obwohl es so viel Schönes zu sehen gibt, sollten Wanderer die Kitzbüheler Alpen mit Muße erschließen. Bei mehr als 1800 Kilometern beschilderten Wanderwegen geht sonst schnell der Überblick verloren.

Richtig schwer sind die Wege nicht. "Auf die meisten Berge kommt die Kuh rauf", meint Georg Jöchl lakonisch. Aber die Höhenluft und die Steigungen bringen den Stadtmenschen dann doch zum Schnaufen - und die Turnschuhe erweisen sich auch als nicht wandertauglich. Wer am Abend nicht frische Blasen versorgen möchte, sollte sich vor einem solchen Urlaub unbedingt ein Paar ordentliche Wanderschuhe zulegen - und diese am besten vorher gut einlaufen.

Bei der Einordnung der Schwierigkeitsgrade helfen ein wenig die Punkte auf den Wegweisern: Wenn kein Punkt hinter dem Ortsnamen steht, ist der Weg leicht. Ein roter Punkt zeigt mittelschwere Wanderwege an und ein schwarzer schwierige. Zwar fragt man sich mitunter schweißgebadet, ob vielleicht Reinhold Messner den steilen, schmalen und wurzelüberzogenen Waldweg als "mittelschwer" eingestuft hat - aber rauf kommt man irgendwie dann doch. Obwohl auf den Wiesen auch mal eine Kuh im Weg stehen kann, die ungehalten mit der rechten Hufe aufstampft, den Kopf angriffslustig senkt und bedrohlich schnaubt. "Sie sind durch ihr Wohnzimmer gelaufen - das hat sie halt genervt", lautet später die Erklärung des Taxifahrers. "Die tun aber nix." Na denn.

Lehrpfade und Motto-Touren

Man muss ja nicht alleine wandern, vor mehreren Personen in einer Gruppe haben vielleicht auch die Kühe Angst. Die drei Tourismusverbände Kitzbühel Tourismus, Brixental und St. Johann in Tirol haben mehr als 300 verschiedene Routen für ihre Gäste erschlossen. Davon sind 21 Themenwanderwege. So gibt es direkt in Kitzbühel etwa die Streif-Wanderung entlang der berühmten Skipiste, den Sieben-Brunnen-Weg und den Bauernmuseumsweg. Rund um St. Johann führen ein Waldlehrpfad und ein Flusserlebnisweg, und nahe Brixen laufen der Wappen-, der Uhrzeig- und der Filzalmweg.

Die schönste Zeit für die Blumen am Berg sind Juni und Juli. Wer wirklich sicher sein will, zur rechten Zeit zu kommen, sollte vor der Buchung das Frühjahr im Blick haben. Ist es lange kalt und schneit es spät noch einmal, verschiebt sich auch die Blüte nach hinten.

Aber eigentlich ist auf den Wiesen der Kitzbüheler Alpen das ganze Jahr hindurch etwas zu sehen: im Frühling sind es am Rand der abschmelzenden Schneefelder Krokusse und Eisglöckchen, kurz darauf Narzissen, dann kommen die Sommerblüher und im Herbst Heide und Silberdisteln. Dazwischen wachsen Pilze und Früchte wie Blaubeeren und Kronsbeeren. "Nach dem ersten Reif' schmecken die Kronsbeeren besonders süß", sagt Höckner. "Vorher sind sie leicht bitter."

Apropos Essen: Rund 180 Hütten bietet die Region zur Einkehr. Hier können sich Wanderer mit Rindergröstl - Rache ist süß -, Haussülze mit Essig und Zwiebeln oder Germknödeln für neue Touren stärken. Auf den Almwiesen sind viele Pflanzen und Blüten essbar, manche können gleich in den Mund gesteckt werden wie Klee, junge Löwenzahnblätter und Gänseblümchen. Und vieles wird zu Schnaps verarbeitet, etwa die Heidelbeeren, Wacholder und Enzian. Und ein Stamperl von letzterem, auf der Hütte mit Blick auf die Hohen Tauern oder den Wilden Kaiser ausgeschenkt, schmeckt köstlich - auch ohne blaue Blüten.

Von Hilke Segbers, gms

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