Klettersteig im Berner Oberland: Im Schatten des Eigers - DER SPIEGEL
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Klettersteig am Rotstock: Seillänge um Seillänge zum Gipfel

Foto: Tim Tolsdorff

Klettersteig im Berner Oberland Im Schatten des Eigers

Als "Mordwand" ist die Eiger-Nordwand berüchtigt - viele Bergsteiger verunglückten tödlich in der steinschlaggefährdeten Felsbastion. Jetzt jährt sich die Erstdurchsteigung zum 75. Mal. Die düstere Atmosphäre können Normaltouristen im Klettersteig am benachbarten Rotstock erleben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hinein ins düstere Vergnügen, durch Nebelschwaden, die sich Eiger-Nordwand-typisch aus dem Nichts materialisieren und die Sicht immer wieder beschränken. Der Klettersteig zieht sich auf den ersten Metern schräg an einer steilen Wand entlang. "Bewegt euch katzenartig, mit kleinen Schritten und im Rhythmus", sagt Hanspeter Feuz. "Bei großen Schritten wird man nur müde und unsicher."

Eher tollpatschig folgen wir den Vorgaben des Grindelwalder Bergführers und setzen unsere Tritte auf schmale Felsbänder, wankend, taumelnd, nach Halt suchend. Wir wollen den Rotstock erklimmen, einen 2663 Meter hohen Solitär im Westen der Eiger-Nordwand, jener steinschlag- und lawinengefährdeten Bastion aus Fels und Eis, die in den vergangenen acht Jahrzehnten die Leben von 60 Bergsteigern forderte.

1938 gelang einer deutsch-österreichischen Seilschaft die erste Durchsteigung der Nordwand - am 24. Juli jährt sich der Erfolg zum 75. Mal. Auch die Nordseite des Rotstocks hält einige der schwierigsten Seillängen im ganzen Alpenraum parat. In der Schlucht zwischen dem Felsturm und dem Hauptmassiv des Eigers aber führt ein mittelschwerer Klettersteig über knapp 300 Höhenmeter empor - und bietet Normaltouristen Gelegenheit, die düstere Atmosphäre der nahe gelegenen "Mordwand" zu erleben.

Lebensversicherung aus Gurt und Karabiner

Nach einem halbstündigen Marsch von der Station Eigergletscher hatten wir den Einstieg zum Klettersteig erreicht. Feuz, der 32 Jahre Berufspraxis als Bergführer auf dem Buckel hat, erklärt uns am Fuß der Wand, welches Material zum sicheren Aufstieg nötig ist: Helm, Handschuhe, ein Klettergurt, der um Hüfte und Oberschenkel gezurrt wird, und zwei Karabiner, die mit dem Gurt verbunden sind. Diese und die Drahtseile des Klettersteigs fungieren als Lebensversicherung, wie Feuz erklärt. Wichtig sei vor allem eins: dass immer einer der beiden Karabiner am Fixseil hängt.

Im Fels stockt der Aufstieg immer wieder an den Stellen, an denen das Seil in der Wand verankert ist. Nur Nacheinander, niemals gleichzeitig dürfen wir die Karabiner aus- und wieder einklicken. "Wartet, bis euer Vorkletterer sich am nächsten Abschnitt gesichert hat", mahnt Feuz, "damit ihr im Falle eins Absturzes nicht mitgerissen werdet."

Die ersten 60 Höhenmeter des Steiges sind äußerst exponiert und daher teilweise mit Leitern versehen. Als der Nebel für kurze Zeit aufreißt, erfassen wir die Höhe, erspähen tief unter uns die Wanderer auf dem Eigertrail und dahinter, über den saftig-grünen Almen des Grindelwalds, das Lauberhorn, wo in jedem Winter das Spektakel der Weltcup-Abfahrt seinen Lauf nimmt.

Nach dem ersten Steilstück flacht der Klettersteig ab, über ungesicherte Passagen und Geröllfelder geht es tiefer hinein in die Schlucht zwischen Eiger und Rotstock. Wir kraxeln vorbei an einer Luke im Berg. Der dahinter liegende Gang führt geradewegs zu einer provisorischen Station der Jungfraubahn, die den Eiger tunnelt. Von hier startete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, den goldenen Zeiten des Alpinismus, die touristische Erschließung des Rotstocks.

Mit Hut und Kleid in der Wand

Vergilbte Bilder aus dem Archiv der Jungfrau-Bahnen zeigen Damen mit langen Kleidern und Hüten, die mit ihren in Anzüge gewandeten Begleitern am Rotstock unterwegs sind. An der Wende zum 20. Jahrhundert nahm das Interesse an den Alpen ab, der alte Klettersteig am Rotstock geriet in Vergessenheit. Erst gegen Ende der neunziger Jahre begann man angesichts des sich abzeichnenden Klettersteig-Booms damit, die Route aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Was blieb, sind die anno dazumal in den Fels gehauenen Stufen, über die wir uns nun bergan bewegen.

"So viel Schnee habe ich hier zu dieser Jahreszeit ganz selten gesehen", sagt Hanspeter Feuz, als wir weiter oben ein brüchiges Schneefeld zur Steilwand am Scheitelpunkt der Schlucht queren. Dabei sichern wir uns an einem Fixseil, das regelmäßig erneuert werden muss, da Steinschlag und Lawinen es immer wieder aus der Wand reißen.

Bäche von Schmelzwasser rauschen die Steilwand hinab, und als dichte Wolken plötzlich die kurzzeitig aufgetauchte Sonne verschlucken und den Schlund aus Schichtgestein in Düsternis hüllen, macht sich ein mulmiges Gefühl breit. Wir bekommen eine Ahnung, wie sich die unzähligen armen Seelen gefühlt haben müssen, die von einem der berüchtigten Wetterstürze in der Nordwand überrascht wurden und um ihr Überleben kämpften, während aus dem Tal das Läuten der Kuhglocken in die Wand tönte.

Verschwunden im Schneesturm

Man muss für die Begehung des Rotstock-Klettersteigs keinen Bergführer engagieren, aber lohnend ist die Investition allein schon wegen der Anekdoten. So erzählt Feuz, dass er aus einer Generation von Bergführern stamme, in der das Besteigen der Eiger-Nordwand verpönt war. Man wollte die Kollegen nicht in die missliche Lage bringen, bei einem Unfall in der gefährlichen Riesenwand zu helfen.

Trotzdem, so sagt Feuz, habe er einige Nordwand-Erfahrung gesammelt: Unter anderem sei er bei der TV-Produktion "Eiger Live" im Jahr 1998 bis zum berüchtigten "Todesbiwak" geklettert, wo die deutschen Bergsteiger Max Sedlmayr und Karl Mehringer 1935 in einem Schneesturm verschwanden. "Ich sah Leute aus der Wand abstürzen", sagt er. Auf vielen Fotos scheinen die Nordwand-Opfer friedlich am Wandfuß zu ruhen - er erzählt von blutigen Körpern, schwersten Kopfverletzungen. "Das ist kein schöner Anblick."

Die Oberschenkel brennen, der Schweiß fließt. Durch eine Scharte im Fels klettern wir aus der Schlucht in die noch verschneite, geradezu heimelig anmutende Westflanke des Eigers. Noch aber ist der Rotstock nicht bezwungen, fehlen 20, 30 Höhenmeter, bis wir endlich die flache Gipfelplatte erreichen.

Der Ausblick ist gigantisch: Die gewaltigen Hängegletscher von Eiger, Jungfrau und Mönch im Rücken, sehe ich vom berühmten Schilthorn in Mürren bis hin zum Wetterhorn, neben dem Eiger der zweite Hausberg von Grindelwald. Wir schießen Fotos am Gipfelkreuz, tragen unseren Dank an den Bergführer im Gipfelbuch ein - der Rotstock ist bezwungen, und am Ziel scheint die Sonne.

Vor uns liegt nun nur noch der Abstieg bis zur Station Eigergletscher - auf dem wir bereits Pläne für den nächsten Besuch am berühmt-berüchtigten Bergriesen schmieden.

Klettersteig auf den Rotstock