Lake District Schafe, Seen und Gespenster
Windermere - Schmale, tiefblaue Seen liegen - umgeben von Wäldern - inmitten von Bergzügen. Enge Serpentinen schlängeln sich an Wasserfällen und Efeu bewachsenen Steinbrücken vorbei in die Täler. Und wohin man blickt Schafe, Schlösser und alte Steinhäuser. Wäre Harry Potter nicht schon an andere Stelle angesiedelt - hier würde man sofort die Zauberschule Hogwarts vermuten.
Nur 50 mal 50 Kilometer umfasst das Gebiet von Englands größtem Nationalpark. Und doch vermittelt es den Eindruck von Wildnis und großer Weite - abseits der größeren Orte und der Hauptverkehrswege sogar in der Hochsaison im Juli und August. Sein Geheimnis liegt vor allem in den vulkanischen Bergen: Sie gruppieren sich um den Scafell Pike, der mit seinen 987 Metern verglichen mit anderen Gebirgen zwar nicht hoch, aber immerhin die höchste Erhebung Englands ist. Eigentlich ist er untypisch für das Land: kein sanfter, abgerundeter Hügel, sondern teils so steil und schroff, dass bei schlechtem Wetter vor der Überfahrt der Pässe gewarnt wird.
Hinter jedem dieser Berge weitet sich der Blick auf ein anderes lang gezogenes Tal und seinem Gewässer. Zwölf große Seen, etliche kleinere Seen und unzählige Teiche gaben dem Lake District seinen Namen. Auf den größten wie dem Lake Windermere verkehren Fährlinien. Mike Bevans, Kenner der Gegend und Inhaber des "Linthwaite House Hotels", eines der sechs Luxushäuser im Lake District, sagt: "Jeder, der hier her kommt, verliebt sich in die Landschaft und fängt an, mit den Augen irgendetwas zu sammeln: Manche wollen alle Wasserfälle gesehen haben, andere alle Aussichten von den Bergen und wieder andere jeden See - und einige wollen alle Schafe zählen."
Die Maul- und Klauenseuche im vergangenen Jahr hat der Region stark zugesetzt - Straßen waren gesperrt, Sehenswürdigkeiten geschlossen, ein Drittel der Touristen blieb weg. "Das war hart, denn die meisten der 42.000 Einwohner der Lakes leben vom Tourismus", sagt Alan King vom Fremdenverkehrsamt Cumbria. "Seit September 2001 kommen wieder Touristen und nun läuft alles normal - man könnte fast meinen, wir hätten das Problem hier nie gehabt." So rechnet die Branche jetzt mit den selben Besucherzahlen wie zuvor: durchschnittlich 3,85 Millionen Übernachtungen pro Jahr und 15 Millionen Tagesgäste.
Die zweite große Einkommensquelle im Lake District neben dem Tourismus ist der Ackerbau und die Viehzucht, vor allem eben Schafe. Auf jeweils 500 Hektar Land kommen schätzungsweise 1000 Schafe - doch hochrechnen lässt sich das wegen der Berge kaum. "Noch nicht einmal die Behörden wissen es genau", sagt Derek Scrimgour, ein Schäfer und Hütehund-Trainer aus dem Ort Keswick. Der Schotte, der seit 16 Jahren hier lebt, hat bereits 500 Border-Collies ausgebildet. Die schwarz-weißen Hunde sind weltweit bekannt: Nur mit Pfiffen und kurzen Rufen lassen sie sich über große Entfernungen von ihren Herrchen "dirigieren". Je nach Befehl wissen sie, in welche Richtung sie die Herde treiben müssen, ob sie sich beeilen oder ein ausgebüxtes Schaf einfangen sollen.
Aus dem Schafe-Hunde-Rennen hat sich ein Sport entwickelt: die "Sheep-Dog-Trails", Wettbewerbe um das beste Zusammenspiel zwischen Schäfer und Hunden. Sogar das britische Fernsehen überträgt stundenlang eine Sendung namens "One man and his dog". Als die Sendung vor einigen Jahren als antiquiert beurteilt wurde und eingestellt werden sollte, löste das eine so große Protestwelle aus, dass dieses Ansinnen sofort aufgegeben wurde. Wer sich live einen Eindruck verschaffen möchte, kann hier Vorführungen besuchen.
Überhaupt ist in den Lakes alles ein klein wenig anders als anderswo. Zum Beispiel kann man sich darauf gefasst machen, dass man in nahezu jedem alten Haus darauf aufmerksam gemacht wird, dass es "haunted", also von Geistern bewohnt ist - gleich, ob es der Dorfpub, das Schlosshotel oder ein Kiosk ist.
Alan King von der Tourismuszentrale kann das nur bestätigen: "Wir haben hier tatsächlich reichlich Gespenster!" Am Skorefor Pike soll ein Reiter mit einem Sarg spuken, am Souter Fell sogar eine ganze Geisterarmee. Und wer es schafft, die Steine des mystischen Castlerigg Stone Circle - eine Art Stonehenge - zu zählen, dem erscheint angeblich die Hexe Meg.
Der berühmteste Geist des Lake District hat sogar Eingang in das renommierte "Oxford Dictionary" gefunden: Tom Skelton, der ehemalige Hofnarr von Muncaster Castle. Er schickte Passanten in den Treibsand und köpfte aus Eifersucht einen Rivalen. Wer im Wörterbuch einen Begriff für "groben Unfug" sucht, stößt auf das Adverb "tomfoolery".
Nicht nur die Landschaft und die Geister haben den Lake District berühmt gemacht, sondern auch zahlreiche Künstler. Der Dichter William Wordsworth (1770-1850) und der Philosoph John Ruskin (1819-1900) lebten in dieser Region und ließen sich von ihr inspirieren. Auch der Komiker Stan Laurel von "Dick und Doof" und der Skulpturenkünstler Henry Moore haben hier ihre Wurzeln. Allen sind Museen gewidmet.
Das wohl für Kinder und jung gebliebene Erwachsene schönste Museum liegt in Bowness-on-Windermere: "The World of Beatrix Potter", das in diesem Jahr ein Jubiläum feiert. 100 Jahre ist es her, dass Beatrix Potter die gezeichneten Abenteuer des Hasen Peter Rabbit und seiner tierischen Freunden veröffentlichte. Es ist bis heute das am häufigsten verkaufte britische Kinderbuch und dokumentiert wie kein anderes die große Liebe der "Lakes"-Bewohner zu ihrem außergewöhnlichen Stück Natur in England.