Lausanne Brüllen als Beruf
Lausanne - Renato Häussler ist kein ängstlicher Typ. Fünf Nächte in der Woche verbringt er auf dem Turm der Kathedrale von Lausanne, einem düsteren Bau aus dem 13. Jahrhundert. Um 22.00 Uhr wirft er sich das erste Mal seinen schwarzen Mantel über und setzt sich einen Schlapphut auf. Er tritt an die Brüstung, formt mit den Händen einen Trichter vor dem Mund und brüllt: "C'est le guet, il a sonné dix" - "hier ist der Wächter, es ist zehn Uhr". Häussler setzt als Turmschreier eine 600 Jahre alte Tradition fort. Von 22.00 bis 2.00 Uhr schreit er zur vollen Stunde in alle Richtungen die Uhrzeit.
Ursprünglich ging es darum, vom Turm aus frühzeitig Brände zu erkennen und die Bevölkerung der Stadt zu warnen. Dadurch sollte verhindert werden, dass sich ein Großfeuer, wie es Lausanne 1405 zerstörte, wiederholt. Und damit die Wächter nicht einschlafen, wurden sie dazu verdonnert, zur vollen Stunde vernehmlich Laut zu geben. In Zeiten von Zentralheizungen und Rauchmeldern ist der Turmschreier heute allein verkörperte Tradition. "Aber die Leute wollen das so", sagt Häussler, der die Aufgabe ehrenamtlich erledigt.
"Ich mache das, weil es so unnütz ist"
Dass er Turmschreier geworden ist, sei Schicksal gewesen. Zunächst brüllte er von 1987 an nur ersatzweise in die Nacht. Dann wurde der hauptamtliche Wächter krank. Nachdem sich Häussler gegen 58 andere Bewerber durchsetzte, ist er seit Januar 2002 der Schreier Nummer eins in Lausanne. Sein fast allnächtliches Engagement erklärt der Vater zweier Töchter so: "Ich mache das, weil es so unnütz ist."
Dabei ist Häussler keinesfalls untätig, wenn er zwischen den Glockenschlägen in einem Holzverschlag unter dem Glockengerüst sitzt. Die Bude schützt die Turmschreier von Lausanne seit 1947 vor Wind und Wetter. Im Schein einer Leselampe sitzt Häussler unter 600 Jahre alten Eichenbalken an einem Tisch. In einer alten Seifendose aus Blech liegen Stifte - nachts schreibt Häussler, notiert Ideen für ein von ihm mit angestoßenes Projekt, das Aids-Waisen in Ruanda hilft.
Wenn Renato Häussler dann auch noch Räucherstäbchen anzündet, hat man den Eindruck, einen Einsiedler zu besuchen. Die Illusion, dass sich hier oben jemand vom Rummel der Moderne abschottet, zerstört Häussler aber im nächsten Moment: Lächelnd holt er ein Notebook hervor. "Damit erledige ich hier oben meine Korrespondenz."
Schreien als Energiequelle
Wenn es draußen mild ist, sitzt Häussler auf der Stufe zu seiner Bude und sieht über die Stadt auf den Genfer See hinaus. Ist das Wetter gut, sind die Lichter von Evian zu sehen, der französischen Stadt am anderen Ufer, deren Namen auf Wasserflaschen prangend durch die Welt getragen wird. Am Tag sind die Alpen dahinter zu sehen.
Die Aufgabe gebe mehr Energie als sie nehme. "Die kommt von den Leuten, die die Kirche gebaut haben", ist sich Häussler sicher. Und an das dröhnende Geläut der 6,6 Tonnen schweren Bronzeglocke habe er sich gewöhnt. Heute ist das 1275 geweihte Gotteshaus die reformierte Hauptkirche der Stadt. Einen Besuch wert ist sie vor allem wegen des Chorgestühls aus dem 13. Jahrhundert und wegen der Glasmalereien.
Neben Mauerseglern und Fledermäusen besuchen Renato Häussler auch meist freundliche Menschen. Oft sind es Touristen, die sich zu einer vorher vereinbarten Uhrzeit die Tür öffnen lassen und über die 153 abgetretenen Stufen empor klettern. Häussler hat gerne Besuch, aber was er nicht mag, sind Leute, die nur wegen der schönen Aussicht auf den Turm wollen und nach fünf Minuten wieder verschwinden. "Ich möchte die ganze Sache auch erklären können." Schlaf findet er danach immer noch genug, um am Morgen darauf um kurz vor 9.00 Uhr seine eigentliche Arbeit anzutreten - als Erzieher für geistig Behinderte.
Sven Appel/gms