Lichterfest in Lyon Glühende Stadt
Lyoner Lichterfest: Kathedrale mit Augen
Ein Netz aus Laserstrahlen durchzieht den Innenhof des Lyoner Rathauses, ein bunt glühender Garten aus vier Dutzend gigantischen Blumen wächst am Hausberg. Auf der Halbinsel ist die Fassade der Kirche Saint-Nizier durch Projektionen und Soundtracks zum Leben erweckt, und selbst das Wahrzeichen der Rhône-Stadt, die Basilika Notre Dame de Fourvière, wird in überraschende Lichteffekte getaucht - passend zu den Tönen seines Glockenspiels.
Lyon leuchtet: Anfang Dezember feiert sich die Metropole beim "Fest der Lichter", einer Augen- und Ohrenweide, die hausbackene Beleuchtungsspektakel nach dem Muster der "Son et Lumière" sprichwörtlich in den Schatten stellt. Seit elf Jahren ist das internationale Festival Treffpunkt von Künstlern, Stadtplanern, Beleuchtungsexperten und Event-Artisten und verspricht, wie Bürgermeister Gérard Collomb vollmundig behauptet, einen "magischen Moment der Poesie"; es soll Lyon als "schöne und lebenswerte Stadt" vorführen, als Aushängeschild "offen zur Welt und zur Zukunft".
Dabei hat die moderne Lichtshow durchaus historische Wurzeln: Seitdem Südfrankreich 1643 von der Pest heimgesucht wurde, hatte die Stadt sich dem Schutz der Jungfrau Maria anempfohlen und Bischöfe, Marktvögte wie Ständevertreter pilgerten jeweils am 8. September zur Kapelle Notre-Dame-de-Fourvière, um der Schutzpatronin Kerzen und Goldtaler zu opfern.
Als an dieser Stelle knapp 200 Jahre später eine Marienstatue errichtet werden soll, muss die Einweihung wegen einer Überflutung der Saône um vier Wochen verschoben werden; doch ausgerechnet auch an diesem Tag bricht ein Unwetter herein, die geplanten Festivitäten mit Feuerwerk und bengalischen Lichtern werden abgesagt.
Und dann, beinahe ein Wunder - am Abend des 8. Dezember beruhigt sich der Himmel - und voller Dankbarkeit entzünden die Lyoner Bürger Kerzen in ihren Fenstern und bescheren dem Festtag damit den nötigen Glanz.
Fassaden werden zu Leinwänden
Die kollektive Feierstimmung hat sich erhalten. Denn das Lichterfest wird mittlerweile als phantasievolles Gesamtkunstwerk inszeniert, das in diesem Jahr 20 Großprojekte im Zentrum der Stadt umfasst, dazu Dutzende von Installationen in allen Bezirken. Designstudenten gesellen sich zu den rund 500 eingeladenen Artisten und Technikern, die Flaneure entlang des Licht-Parcours werden überrascht mit Filmvorführungen, Straßentheater und blitzenden Installationen.
Die Fassaden am Place des Terreaux werden zur symbolschweren Leinwand für eine imaginäre Reise, eine Allegorie auf die Zeit, die geschlagen hat, und die Zeit, die vergeht. Währenddessen klettert ein glitzernder, überdimensionierter "digitaler Mensch" den Sendemast oberhalb der Stadt hoch. Und schließlich verwandeln Künstler die Uferpromenaden in einen Weg märchenhafter Lichteffekte - und 365 blinkende Bojen die Rhône in einen romantischen Sternenteppich.
Jenseits des spielerischen Umgangs mit Licht, dem Volksfestcharakter für Bürger und 3,5 Millionen Besucher hat das Festival durchaus wirtschaftliche Bedeutung: Nicht nur Hotels und Restaurants profitieren vom touristischen Mehrwert in der dunklen Nebensaison, Lyon nutzt das Ereignis als Werbung für sein Know-how in Sachen städtischer Beleuchtung.
Dabei geht es nicht nur darum, wie man architektonisches Erbe beleuchtet und das zugleich effektiv wie stromsparend; ebenso wichtig sind die sozialen Auswirkungen von Licht - der Einfluss von Straßenlaternen auf Sicherheit und Verkehr, die "optische Störungen" durch überhelle Belichtung, die Wirkung von Farbschattierungen im Umfeld von Wohnungen und urbanen Zentren.
Riesenrad-Ticket gegen Glühlampe
Lyon führt wegen seiner Vorreiterrolle seit 2002 den Vorsitz im Netzwerk der "Lightning Urban Community International" - einem Zusammenschluss von 60 Metropolen - und vereinigt als erster "Technikschwerpunkt Licht" die Expertise von 300 Firmen, Laboratorien und Forschungsinstituten. In diesem Jahr werden zum parallel organisierten Fachkongress Teilnehmer aus 30 Ländern erwartet, Lyons Spezialisten sind längst im Ausland gefordert, sie waren als Berater zwischen Leipzig und der vietnamesischen Ho-Chi-Minh-Stadt unterwegs.
Natürlich setzt Lyon auf seine Erfahrungen im Umweltschutz und "nachhaltiger Entwicklung": Beim Lichterfest sind nicht nur Busse und U-Bahn zweitweise gratis unterwegs, auch die technische Equipe des viertägigen Happenings fährt ökologisch korrekt - mit elektrischen Autos und Mofas, also sauber und fast geräuschlos. Und wer auf der Place Bellecour im Herzen der Stadt am Stand der Umweltorganisation "Recylum" eine Glühlampe abgibt, erhält im Gegenzug eine Freikarte für das Riesenrad.
Neben so viel künstlerischer Kreativität bleibt sogar noch Zeit für karitatives Engagement. Am Place des Célestins, im zweiten Arrondissement von Lyon, werden zugunsten der Hilfsorganisation "Secours Populaire" kleine Kerzenlichter verkauft. Arrangiert zu einem tausendfach leuchtenden Mosaik, stehen sie für das Motto mitfühlender Solidarität: "Kein Fest ohne Freigiebigkeit". Wie damals, am 8. Dezember 1852.