Nizza Sonne, Sehnsucht, Schickeria
Vor dem Straßen-Café nahe der barocken Kirche Saint-Jacques taucht das alte Mütterchen wieder auf. Gut gelaunt wie immer trägt sie ein Lied der großen Edith Piaf vor. Dann wartet sie geduldig auf den Beifall der Müßiggänger, die gerade ihr Glas Bier oder Pastis leeren.
"Wenn ihr mir nichts gebt, macht das auch nichts", sagt die Alte kichernd. "Es war mir ein Vergnügen. Meine Stimme habe ich Gott zu verdanken." Und keiner will ihr ein Lavendel-Säckchen abkaufen. Aber das kümmert sie offensichtlich auch nicht. "Non, je ne regrette rien", so singt sie noch einen Piaf-Hit. Nein, sie bedauert nichts. Und zieht ein Café weiter.
Es ist Midi im Midi, Mittagszeit in Frankreichs Süden. Die kleinen Läden fertigen die letzten Kunden ab und machen dann dicht. Quirlig und lärmend zieht der Strom der Handwerker, Friseurinnen und Bankangestellten den Ortsfremden mit hin zum Blumenmarkt auf dem Korso Saleya. Es ist die Saison der Mimosen, ihr Duft wird in dem volkstümlichen Viertel mitunter vom Küchendunst der Fisch-Restaurants überlagert. Träge Siesta-Stimmung macht sich breit. Wer mag, der genießt einen Kichererbsen-Fladen, also die lokale Spezialität Socca. Oder er pickt bei einem Glas Rosé im Meeresfrüchte-Salat.
Willkommen in Nizza, der mondänen Schönen des französischen Südostens. Metropole der Französischen Riviera, fünftgrößte Stadt Frankreichs und mediterraner Knotenpunkt der Völker, Sprachen und Kulturen. Ein geschichtsträchtiger Umschlagplatz für Handel und Gewerbe und seit geraumer Zeit ein touristischer Magnet, der alle anzieht, die für Sonne, Sehnsucht und Schickeria etwas übrig haben.
Die Schönheit Nizzas beginnt allerdings nicht beim farbenfrohen Verputz in der barocken Altstadt. Die anmutig geschwungene, sieben Kilometer lange "Promenade des Anglais", jene zum türkisblauen Meer hin gelegenen Südseite, lädt als erste zu einem Rendezvous ein: Weiße Fassaden, majestätische Hotelpaläste wie das Belle-Epoque-Juwel "Negresco" , laute Champagner-Runden in den Strand-Bistros unter den Palmen und das kokette Treiben der Jugend am Kieselstein-Ufer machen das Flair aus. Man flaniert auf der Promenade einer Vielvölkerstadt.
Die mediterran geschminkte Fassaden-Schönheit überdauert alle Zeitläufe. Dieser extravagante Tummelplatz des Kongress-Jet Sets und der Antiquitätenhändler, der neuen Ost-Mafiosi und der simplen Glücksuchenden kann aber die Risse längst nicht mehr übertünchen, die Geschichte, Klima und Städtebau ihm zugefügt haben.
Weit über den Dächern von Nizza lässt sich bestens nachvollziehen, warum der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche so begeistert war von dem "afrikanisch anmutenden" Küstenstreifen. Von der Anhöhe im edlen Cimiez aus blickt der Besucher auf das emsige Treiben in dem Schmelztiegel der 350.000. In diesem vornehmen Viertel findet sich auch ein Olivenbaumpark, dessen Alleen und Statuen Jazz-Größen wie Miles Davis oder Dizzy Gillespie gewidmet sind.
Und hier lädt das Henri Matisse-Museum dazu ein, den wegweisenden Maler in einer Patrizier-Prachtvilla kennen zu lernen. Außerdem gibt es einen Parcours, der auch zu der Kapelle in Vence bei Nizza führt, die Matisse liebevoll-genial gestaltete.
Die Verbundenheit Marc Chagalls mit Nizza und der Côte d'Azur dokumentiert ein moderner Flachbau unweit des Matisse-Museums. Hier sticht die 17 große Gemälde umfassende "Biblische Geschichte" des mystisch-expressiven Franzosen russischer Herkunft hervor. Beide Maler erinnern an die magische Anziehungskraft, die Nizza und seine verführerische Umgebung auf Künstler ausüben.
Nicht von ungefähr her rühmt sich Nizza - in unermüdlichem Kräftemessen mit der fernen Hauptstadt Paris - seiner Museen und Galerien. Hat nicht auch Nizzas bedeutender Sohn Yves Klein hier um 1960 herum seinem "Neuen Realismus" in der modernen Kunst gehuldigt?
"Als mir klar wurde, dass ich dieses Licht jeden Morgen sehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen", sagte Henri Matisse über seine Entscheidung, in Nizza zu bleiben. Sein Votum für die sonnenreichste und wärmste französische Großstadt können die Franzosen gut nachempfinden: Umfragen nach der lebenswertesten Stadt in Frankreich hieven in schöner Regelmäßigkeit Nizza weit nach oben.
Und die Touristen denken kaum anders. Vier Millionen sind es im Jahr. Sie kommen, um zu baden und gut zu essen. Aber auch, um etwa die orthodoxe russische Kathedrale des Saint-Nicolas zu bewundern - die größte außerhalb Russlands. Oder sie bestaunen die Baldachine und das Ambiente im feinen "Château des Ollières" des russischen Prinzen Alexej Lobanow-Rostowsky. Denn nicht nur die englischen Aristokraten waren es, die hier einst das "kleine Paradies" ausriefen. Alle kamen sie - und wollten bleiben. Von diesem Mythos zehrt Nizza noch heute, mit leise abbröckelndem Charme.