Normandie: Parade der Dreimaster - DER SPIEGEL
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Normandie Parade der Dreimaster

Städtisches Flair und mittelalterliche Gassen, Betonbauten und grüne Wiesen - in der Normandie bestimmen Kontraste das Bild. Das wird auch die "Armada" zeigen, die größte Windjammerparade der Welt. Dann schaukeln Lastkähne und Dreimaster nebeneinander auf der Seine.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rouen/Le Havre - Wiesen voller Apfelbäume, Pferde, Schlösser und die Klosterinsel Mont Saint-Michel - all das fällt Frankreich-Reisenden ein, wenn die Rede auf die Normandie kommt. Beim Stichwort Seine dagegen denken die meisten wohl eher an Paris als an die Region am Ärmelkanal - zu Unrecht. Denn auch in der Normandie ist der Fluss ein Magnet für Touristen. In diesem Jahr gilt das ganz besonders, denn im Juli kommt wieder die "Armada" nach Rouen.

Zur größten Windjammerparade der Welt, die nur alle vier bis fünf Jahre stattfindet und diesmal vom 5. bis 14. Juli ansteht, werden 40 Großsegler und Yachten sowie bis zu zehn Millionen Besucher erwartet.

Rouen liegt etwa 120 Kilometer von der Küste entfernt. Über die Promenade, auf der sonst Inlineskater und Jogger ihre Runden drehen, werden in den "Armada"-Tagen Zehntausende Menschen bummeln und sich die majestätischen Dreimaster im Hafen anschauen. Die Schiffe können dort kostenlos besichtigt werden. Abends stehen kostenlose Konzerte und Feuerwerke auf dem Programm. Außerdem wird eine "Miss Armada" gewählt, und Rouen lädt zu einem fünf Kilometer langen Stadtlauf ein.

Während der "Armada" wird auch die neue Pont Gustave Flaubert über die Seine eröffnet, zunächst als Fußgängerbrücke. Später wird die 670 Meter lange Hebebrücke aus Beton und Stahl für Fahrzeuge freigegeben. Bei Touren durch Frankreichs fünftgrößten Hafen können Urlauber schon jetzt unter der Brücke hindurch fahren. In Europas größtem Getreidehafen stehen sich Dutzende Kräne und Speicher.

Lichtspektakel zu Ehren Monets

Auch wenn die Gebäude am Hafen und in den Vororten selbst nicht sehr einladend wirken - den historischen Kern von Rouen nehmen viele Besucher als mittelalterlichen Traum war. In der Altstadt steht Fachwerkhaus neben Fachwerkhaus. Enge Gassen, Delikatessenläden und Cafés sind ideal für eine Bummeltour. Viele alte Häuser sind in den vergangenen Jahren restauriert worden. Spektakulär ist die 151 Meter hohe Kathedrale Notre Dame, die erst im Jahr 1884 vollendet wurde. In ihr sind unter anderem Grabmäler normannischer Herzöge zu besichtigen, darunter das Grabmal von Richard Löwenherz.

Der Maler Claude Monet hat das gotische Bauwerk immer wieder gemalt - und die Stadtverwaltung damit wohl zu einem besonderen Spektakel animiert. In den Sommermonaten findet vor der Kathedrale jeden Abend eine kostenlose Licht- und Tonshow statt. Die helle Fassade verwandelt sich dann in eine mystische Kulisse: Begleitet von einer eigens komponierten Orgelmusik werden Bilder und Muster von Monet und anderen Künstlern auf die Fassade projiziert.

Rings um das nächtliche Spektakel zeigen Feuerspucker, Jongleure und Breakdancer ihre Künste. Gänsehautgefühl vermittelt die Kirche Jeanne d'Arc an der Place du Vieux-Marché. Hier starb die französische Nationalheldin und Heilige am 30. Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen. Seit 1979 beherrscht die futuristisch anmutende Kirche mit den farbenprächtigen Renaissance-Glasfenstern und einem Holzdach, dass wie Flammen aussieht, den Platz. Vor der Kirche steht ein großes Kreuz. An dieser Stelle starb die Heilige Johanna - wie Jeanne d'Arc auch genannt wird - als "Ketzerin" den Feuertod.

Weniger Regen als in München

In der Normandie nur an einem Ort zu bleiben würde allerdings an Verschwendung grenzen. Zu viele schöne Dörfer, Städte und schöne Landschaften sind zu entdecken und zeigen, dass es in dieser Region nicht nur Camembert, Calvados und Kühe gibt. Auch regnet es in der Normandie längst nicht so häufig, wie viele Menschen glauben. Mit einem durchschnittlichen Niederschlag von 619 Millimetern im Jahr liegt Le Havre zum Beispiel deutlich unter dem Wert von München (967 Millimeter). "Wenn es hier immer regnen würde, bräuchten unsere Kühe keine Sonnenbrillen", sagen die Normannen scherzhaft. Tatsächlich haben die Kühe oft braune Ringe um die Augen, die wie Sonnenbrillen aussehen.

Inmitten der Landschaft der Normandie mit ihren vielen Apfelbäumen liegen touristische Höhepunkte wie etwa das Museum Victor Hugo in Villequier, mit Erinnerungsstücken des Dichters sowie vielen Zeichnungen. Oder die unheimlich wirkende Abtei von Jumièges, die 841 von den Wikingern niedergebrannt wurde. Dann ist da noch Honfleur, ein Städtchen an der Küste, das schon immer viele Künstler angezogen hat. Oder Claude Monets ehemaliges Wohnhaus in Giverny - in dem weitläufigen Garten befindet sich auch der berühmte Teich mit den Seerosen, die der Künstler so gerne gemalt hat.

Le Havre an der Seine-Mündung hat einen ganz eigenen Charme. Seit 2005 gehört die Stadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Besonderheit des im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Zentrums ist seine einheitliche Architektur. Federführender Architekt war Auguste Perret (1874-1954).

Er wurde 1945 von der französischen Regierung beauftragt, die Stadt neu aufzubauen. Auf 130 Hektar entstanden Wohnungen für 60.000 Menschen, dazu Schulen, Kirchen und öffentliche Gebäude. Da es nicht genug Baumaterial gab, verarbeitete Perret den Schutt aus der Stadt zu einzigartigen Betonvariationen. Er wurde zermahlen, nach Farben getrennt und mit feinen Glassplittern oder Kieselsteinen vermischt.

Poesie aus Beton

So entstanden fast schon künstlerische Betonoberflächen. Menschenwürdig sollte die neue Stadt werden, modern, sozial, offen und hell. Licht, Luft, Strom und fließend Wasser für alle - das war das Versprechen. Für manche Besucher mögen die einheitlich gestalteten Häuser ein Alptraum sein, für den Architekten aber waren sie "Poesie" aus Beton. Denn Perret betrachtete Beton als "schöner und edler als Naturstein".

Tatsächlich sind die Wohnungen in diesen Einheitshäusern ein Traum im Retro-Stil: Hohe Wände und bis zum Boden gehende Fenster lassen die Wohnungen hell und offen wirken. Die Wände konnten - bis auf die tragende Wand - individuell gesetzt werden, und für die damalige Zeit gab es ein geradezu luxuriöses Bad und eine hochmoderne Küche.

Eine von Perret entworfene Musterwohnung aus den fünfziger Jahren mit Originalmobiliar kann besichtigt werden - Touristen müssen sich dazu beim örtlichen Office du Tourisme . Die Musterwohnung zeigt auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte und den Beginn des Wirtschaftswunders. Sie ist mit Kühlschrank, Gasherd, Zentralheizung, Schnellkochtopf und Plattenspieler ausgestattet.

Alt und neu, großstädtisches Flair und mittelalterliche Gassen, einfache Landgasthäuser und schicke Feinschmeckerlokale, Betonbauten und grüne Wiesen - all das ist in der Normandie dicht beieinander.

Von Claudia Steiner, dpa

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